Felix Schürmann

Mehr als menschliche Geschichte / More-than-Human History

Version: 1, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 31.07.2026

https://docupedia.de/zg/schuermann_mehr_als_menschliche_geschichte_v1_de_2026

DOI: https://doi.org/

Mehr als menschliche Geschichte / More-than-Human History

Wer und was formt eine Landschaft? Stillgelegter Kreidebruch in North Kent (England), 19. November 2003. Foto: Cugerbrant, Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: CC BY-SA 4.0
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Wer und was formt eine Landschaft? Stillgelegter Kreidebruch in North Kent (England), 19. November 2003. Foto: Cugerbrant, Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Nicht einzelne Menschen bilden die Basiseinheiten des historischen Geschehens, sondern Beziehungen zwischen Menschen sowie zwischen ihnen und all dem, was nicht menschlich ist. Im Sinne einer posthumanistischen Denkhaltung nimmt die mehr als menschliche Geschichte den Menschen aus dem Zentrum der historischen Analyse und fragt insbesondere danach, wie menschliche und nichtmenschliche Akteure und Kräfte in ihrem unaufhörlichen Mit- und Gegeneinander die Voraussetzungen für das Zusammenleben auf der Erde verändert haben.

Wer gewann beim Lanzenstechen? Mittelalterliche Chroniken nennen die Namen von Rittern, doch wer hat sie beim Wettbewerb auf dem Rücken getragen? Christoph Kolumbus musste während seiner vierten Amerikareise die Karavelle Vizcaína auf Jamaika aufgeben – weil wer ihre Planken zerfressen hatte? Eine Million Menschen starben bei der Großen Hungersnot in Irland, weitere zwei Millionen flohen von der Insel. Wer hatte ihre Kartoffeläcker verwüstet? 1895 entdeckte Wilhelm Conrad Röntgen die nach ihm benannten Strahlen. Welche Geräte, Apparate und Instrumente waren daran beteiligt?

Fragen wie diese, angelehnt an die klassischen „Fragen eines lesenden Arbeiters“ von Bertolt Brecht,[1] verweisen beispielhaft auf Momente, in denen Tiere, Pflanzen, Pilze, Technologien oder Dinge auf Geschichte Einfluss genommen haben. Leicht ließen sich Beispiele für Bakterien, Viren oder Parasiten hinzufügen, ebenso für Götter, Geister oder etwa Ahnen, von denen sich Menschen zu Handlungen veranlasst geglaubt haben. All das führt vor Augen, dass Menschen den historischen Wandel nicht allein gestalten, sondern stets in Beziehungen mit vielem, was nicht Mensch ist. Mit solchen Beziehungen befasst sich der noch junge Forschungsansatz der mehr als menschlichen Geschichte. Im Sinne einer posthumanistischen Denkhaltung[2] nimmt er den Menschen aus dem Zentrum der historischen Analyse und fragt insbesondere danach, wie menschliche und nichtmenschliche Akteure und Kräfte in ihrem unaufhörlichen Mit- und Gegeneinander die Voraussetzungen für das Zusammenleben auf der Erde verändert haben. Die mehr als menschliche Geschichte begibt sich damit auf die Spur historischer Beziehungen, die Leben ermöglicht und verunmöglicht, erleichtert und erschwert, begünstigt und benachteiligt haben.

Der Fokus auf Beziehungen ist hier zentral – und unterscheidet die mehr als menschliche Geschichte von etablierten Ansätzen der Geschichtsforschung etwa in der Umwelt-, der Technik- oder der Agrargeschichte, die sich mit verwandten Themen beschäftigen, ohne dabei notwendig Beziehungen ins Zentrum zu stellen. Dahinter steht die für die mehr als menschliche Geschichte konstitutive Annahme, dass ein Mensch wie jedes Lebewesen nur in Beziehungen, Gemeinschaften und Artgenossenschaften mit anderen zu existieren vermag. Nicht einzelne Organismen bilden demnach die kleinsten greifbaren Basiseinheiten allen Lebens, sondern die Beziehungen, die diesen erst ihre Existenzfähigkeit verleihen.[3] „Wesen existieren nicht vor ihren Beziehungen“,[4] formuliert das die Biologin und Wissenschaftsforscherin Donna Haraway. Obschon Haraway selbst nicht mit dem Begriff „mehr als menschliche Geschichte“ operiert, hat sie mit ihren Problematisierungen der weithin angenommenen Grenzen zwischen Menschen, Natur und Technik sowie ihren Ausdifferenzierungen der mal fürsorglichen, mal zerstörerischen und mal in ganz anderen Kategorien fassbaren Beziehungen zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Akteuren wegbereitende Impulse für den Ansatz gegeben.[5]

Auf die Geschichte lässt sich die genannte Annahme so wenden: Nicht einzelne Menschen bilden die Basiseinheiten des historischen Geschehens, sondern Beziehungen zwischen Menschen sowie zwischen ihnen und all dem, was nicht menschlich ist. Zu sozialen Akteuren, die historisch veränderungsrelevant agieren, werden Menschen erst durch solche Beziehungen: Eine Botanikerin konnte ohne Pflanzen keine Botanikerin sein, ein Regenpriester ohne Regen kein Regenpriester, eine Fotografin ohne Kamera keine Fotografin, ein Hirte ohne Herde kein Hirte und so weiter. Mit ihrer Aufmerksamkeit für solche Beziehungen verlagert die mehr als menschliche Geschichte den historiographischen Fokus von Entitäten – hier verstanden als etwas, das individuell identifizierbar, abgrenzbar und mithin vereinzelbar ist – auf jene vorgelagerten Relationen, die Entitäten erst hervorbringen.

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Farbige Zeichnung eines Mannes bei der Arbeit mit einer Sichel an Weinreben
Macht der Winzer den Wein oder der Wein den Winzer? „Weingartman“ von Hans Lederer (ca. 1425)? Hausbuch der Mendelschen Zwölfbrüderstiftung, Band 1. Nürnberg 1426-1549. 
Quelle: Stadtbibliothek Nürnberg, Amb. 317.2, via http://www.nuernberger-hausbuecher.de/ / Wikimedia Commons, gemeinfrei

So ausgerichtet, zählt die mehr als menschliche Geschichte zu den relationalen Ansätzen innerhalb der Historiographie, zu denen sich etwa auch manche Zugänge der Geschichte globaler Verflechtungen[6] und der Historischen Netzwerkanalyse rechnen lassen.[7] Generell stellen relationale Ansätze „statt der Analyse der Relationen zwischen Einheiten die Frage nach der Erzeugung dieser Einheiten durch Relationen ins Zentrum der Aufmerksamkeit“, wie es die Historikerin Angelika Epple beschreibt.[8] Warum sollte eine solche Fokusverlagerung nötig sein? Weil das Denken in Entitäten den Blick darauf verstelle, so Vertreterinnen und Vertreter relationaler Ansätze, dass alles, was ist, dies immer erst durch Beziehungen zu etwas anderem ist. Für das Erfassen der Realität erweise sich das Denken in Entitäten oft als hinderlich, weil es durch kategoriale Unterscheidungen Phänomene und Probleme zu vereinzeln suche, die genau besehen unauflöslich mit anderen verwoben seien.

Als Gegenüber des Denkens in Entitäten verhelfe das Denken in Relationen dazu, „das Vollziehen materiell und diskursiv heterogener Beziehungen zu verstehen, die unterschiedlichste Akteure hervorbringen und neu anordnen – darunter Objekte, Subjekte, Menschen, Maschinen, Tiere, ‚Natur‘, Ideen, Organisationen, Ungleichheiten, Maßstäbe und Größen sowie geographische Anordnungen“, so eine Richtungsbestimmung des Soziologen John Law.[9] In dieser Weise zu denken ist für Haraway schlicht eine Maßgabe des gesunden Menschenverstands, knüpfen die meisten Menschen ihre alltäglichen Lebenszusammenhänge, gar ihre Existenz doch offenkundig so eng an Maschinen und Technologien wie Smartphones, Autos, Prothesen, Kaffeemaschinen, Herzschrittmacher und derlei mehr, dass sie sich längst zu biologisch-technologischen Mischwesen, zu Cyborgs entwickelt hätten.[10] Die Anfänge dieser Verschränkung zwischen Menschlichem und Maschinellem, zwischen Organischem und Künstlichem führen manche Historikerinnen und Historiker bis in die Antike zurück.[11] Lässt sich in dem sagenhaften Baumeister Daidalos aus der griechischen Mythologie, der sich und seinem Sohn Ikarus Vogelfedern anheftete, um der Gefangenschaft auf Kreta zu entkommen, ein Vorgänger des Cyborgs erkennen?

Die mehr als menschliche Geschichte wendet die relationale Denkhaltung auf Verzahnungen von Biologie und Technologie wie in den genannten Beispielen an, interessiert sich aber stärker noch für biotische Akteure, die relevant für die Bedingungen des Lebens und seines Erhalts auf der Erde sind. Damit reagiert sie auf eine seit Mitte des 20. Jahrhunderts beobachtbare Transformation, die häufig als Notlage oder Poly- beziehungsweise Vielfachkrise des Planeten beschrieben wird. Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erklären diese Transformation als Zusammenwirken von hauptsächlich drei planetaren Krisen: dem Klimawandel, dem Artensterben und der Verschmutzung von Luft, Wasser und Böden.

Nicht jede mehr als menschliche Geschichte handelt deshalb notwendig von diesen oder weiteren Dimensionen der planetaren Notlage wie der Übernutzung natürlicher Ressourcen, der Versauerung der Ozeane oder der abnehmenden Ernährungssicherheit. Doch durch das besondere Interesse an historischen Veränderungen der Voraussetzungen für Lebendigkeit reflektiert der Ansatz, dass im 21. Jahrhundert jede Geschichte unter der Bedingung einer nie dagewesenen „Metamorphose der Welt“[12] geschrieben wird – eine Bedingung, der sich manch andere Zweige der Geschichtsforschung bislang nicht stellen.

Zumindest implizit setzt die mehr als menschliche Geschichte damit den Planeten als räumlichen Fluchtpunkt für die Geschichtsforschung und unterscheidet sich in dieser Hinsicht von historiographischen Teilgebieten, die sich etwa auf Welt(en), Regionen oder Globalität beziehen. Die Orientierung auf den Planeten verbindet den Ansatz mit historiographischen Beiträgen zur Anthropozänforschung (Anthropocene Studies) – hervorzuheben sind die dahingehenden Arbeiten von Dipesh Chakrabarty[13] –, wobei die mehr als menschliche Geschichte allerdings nicht in gleicher Konsequenz longue durée-Perspektiven verfolgt. Weil zum Anthropozän schon ein instruktiver Überblick in der Docupedia-Zeitgeschichte vorliegt,[14] gehe ich im Weiteren nur kursorisch auf diese Verbindungen ein und wiederhole nicht, was dort bereits ausgeführt ist. Ebenso verfahre ich im Hinblick auf die Schnittfelder mit der Umweltgeschichte und den Human Animal Studies, die ebenfalls eigens in der Docupedia-Zeitgeschichte vorgestellt werden.[15]

Der im Folgenden präsentierte Überblick verfolgt das Ziel, die mehr als menschliche Geschichte in die Landschaft historiographischer Zugänge, Forschungsfelder und Debatten einzuordnen. Zu diesem Zweck beschreibe ich zunächst einige begriffs- und ideengeschichtliche Genealogien des Ansatzes, umreiße dann sein Verhältnis zu verwandten Forschungsrichtungen aus benachbarten Disziplinen sowie zur Umweltgeschichte, stelle daraufhin einige wichtige Themen und Varianten dahingehender Forschungen vor und diskutiere im Sinne einer kritischen Situierung schließlich einige Debatten und Kontroversen um die mehr als menschliche Geschichte. So aufgebaut macht der Überblick nachvollziehbar,dass die mehr als menschliche Geschichte vielversprechende Möglichkeiten eröffnet, die Geschichtsforschung neu zu fokussieren, um jenseits klassischer Grenzen zwischen Disziplinen und ihren Teilgebieten über den historischen und gegenwärtigen Wandel der Voraussetzungen für das Leben auf dem Planeten nachzudenken.

 

1. Begriffs- und ideengeschichtliche Genealogien

Die mehr als menschliche Geschichte ist ein noch junger Ansatz. In den Titeln von Aufsätzen und Monographien taucht die Bezeichnung seit Mitte der 2010er-Jahre auf. Der englischsprachige Ausdruck „more than human history“ ist zwar schon seit dem frühen 20. Jahrhundert vereinzelt gebraucht worden, dies aber lange, ohne damit einen spezifischen Ansatz profilieren zu wollen. So nutzte der US-amerikanische Schriftsteller Arthur Davison Ficke den Ausdruck 1914 in seinem Gedicht „Retrospect“, um einen Gefühlszustand am Spätabend des Lebens zu beschreiben: Bei der Rückschau auf das Erlebte und der Vorahnung des unausweichlichen Sterbens wähnt sich das lyrische Ich wie auf einer Umlaufbahn um die Welten der Lebenden und der Toten. Es schwebt geistig durch einen Raum, der die Grenzen einer menschlichen Geschichte transzendiert – „some flight of more than human history“.[16]

Rund drei Jahrzehnte später gebrauchte der Bibelforscher Charles M. Cooper den Ausdruck in einem theologischen Debattenzusammenhang. Das Alte Testament sei für die Geschichtswissenschaft eine Quelle zum Verständnis einer als menschlich konzipierten Religionsgeschichte. Doch für die Theologie sei es eine Quelle von Gottes „self-expression amid a more than human history“.[17] Zur Bezeichnung des Übermenschlichen in Kontexten eines biblischen Geschichtsbilds, in dem neben Menschen auch transzendente Akteure wie der Heilige Geist, Engel, Götterboten, Dämonen oder Satan in Erscheinung treten, ist der Ausdruck auch später vereinzelt verwendet worden.[18]

In einem ökologischen Zusammenhang tauchte der Ausdruck soweit bekannt erstmals in den 1990er-Jahren auf: Die Literaturwissenschaftlerin Susan Stewart bezeichnete 1998 die Geschichte von Gärten als eine „more than human history“, da sie von Formen, Ordnungen und Grenzen handelt, die aus dem Zusammenspiel von menschlicher Arbeit und nichtmenschlichen Lebewesen hervorgegangen sind.[19]

Die Ausformung von „more than human history“ zu einem analytischen Konzept setzte ein, nachdem der US-amerikanische Philosoph David Abram 1996 den Begriff „more-than-human world“ als Alternative zum Begriff der „Umwelt“ vorgeschlagen hatte.[20] Abram verband „more-than-human“ mit Bindestrichen, um grammatische Eindeutigkeit herzustellen: Im Englischen wäre ein Satz wie beispielsweise „This history is more than human history“ mehrdeutig, er könnte sinngemäß „Diese Geschichte ist mehr als eine menschliche Geschichte“ oder „Diese Geschichte ist eine mehr als menschliche Geschichte“ meinen. Die Bindestriche zeigen an, dass die letztgenannte Bedeutung gemeint ist, dass also „more-than-human history“ – beziehungsweise bei Abram: „more-than-human world“ – einen distinktiven Begriff meint. Im Deutschen fügt sich „mehr als menschlich“ als adverbiale Bestimmung eindeutiger in Satzstrukturen ein. Eine Verbindung mit Bindestrichen kann helfen, „mehr-als-menschlich“ als definierte Kategorie zu markieren, doch notwendig ist sie nicht.

Mit seiner Begriffsschöpfung reagierte Abrams auf das auch von Haraway thematisierte Problem, dass eine trennscharfe Unterscheidung zwischen Menschen und ihrer Umwelt kaum möglich ist, weil ein Mensch nur in Verbindungen mit nichtmenschlicher Natur wie Luft, Wasser und Nahrung zu existieren vermag. Auch leben in und auf dem Körper eines jeden Menschen mehrere Billionen Mikroorganismen, unter anderem im Darmtrakt, auf der Hautoberfläche und in den Mund- und Nasenschleimhäuten.[21] Noch bevor Menschen durch digitale Technologien, technische Hilfsmittel und medizinische Implantate zu Cyborgs geworden sind, so Haraway, waren sie bereits Chimären: keine nach außen abgrenzbaren Entitäten, sondern Wesen in symbiotischer Verbindung mit Mikroorganismen, mit Zellen verschiedener genetischer Herkunft und in existenziellen Abhängigkeiten von anderen Arten.[22] Abram folgert: „Menschen sind wir erst im Kontakt und im lebendigen Miteinander mit dem, was nicht Mensch ist.“[23] Die Annahme, menschliche Kultur und nichtmenschliche Natur seien voneinander separierbare Domänen, kritisiert er als wirklichkeitsfremd. Als Alternative schlägt er vor, kategoriale Trennungen nicht vorauszusetzen, sondern die Realität von den Beziehungen her zu erfassen, die diese Realität konstituieren.[24]

Ideengeschichtliche Spuren eines dahingehenden Denkens lassen sich historisch weit zurückverfolgen.[25] In der griechisch-römischen Antike beschrieben viele Gelehrte die Menschen stets in ihren Beziehungen zu und Abhängigkeiten von natürlichen Kräften, materiellen Umgebungen und Gottheiten. Inwieweit daraus eine nicht-anthropozentrische Denkhaltung spricht, wird in den Altertumswissenschaften kontrovers diskutiert, auch weil das römisch antike humanitas-Konzept zugleich als zentraler Ausgangspunkt der humanistischen Tradition gilt.[26] Beachtung verdient in diesem Zusammenhang auch die „Historia animalium“, in der der griechische Gelehrte Aristoteles im 4. Jahrhundert v. Chr. eine vollständige Erfassung und Klassifizierung aller Tierarten als unmöglich verwarf. Aus der Beobachtung zahlreicher Übergangs- und Zwischenformen unter den Spezies leitete Aristoteles eine Auffassung der Tierwelt als Kontinuum ab, in dem sich Arten zwar unterscheiden, aber oft nicht trennscharf voneinander separieren ließen.[27]

Die längst nicht abgeschlossene Debatte über die ideengeschichtliche Bedeutung des Altertums für das relationale Denken lädt dazu ein, nach Kongruenzen zwischen – womöglich als prä- oder protohumanistisch zu beschreibenden – Perspektiven aus der Antike und posthumanistischen Perspektiven aus dem späten 20. und frühen 21. Jahrhundert zu fragen. Antike Texte lassen sich dafür als „Archive alternativer Ontologien“ produktiv machen, „in denen das Menschliche stets relational, verkörpert und medial situiert ist – eingebettet in Gefüge aus Dingen, Techniken, Lebewesen und kosmischen Kräften“, wie es die Altphilologin Anna Novokhatko formuliert.[28]

Weil die gedankliche Trennung zwischen den Domänen des Menschlichen und des Nichtmenschlichen – der Sozialanthropologe Adrian Franklin bezeichnet das als „die große Aufspaltung“ („the Great Divide“) und polemisch auch als „more-than-human apartheid“[29] – in den frühen Zivilisationen noch nicht festgelegt gewesen ist, haben sich verschiedene Forscherinnen und Forscher auf die Spur ihrer ideengeschichtlichen Formierung begeben. Bereits 1920 hat der Philosoph und Mathematiker Alfred North Whitehead den Begriff der „Bifurkation der Natur“ geprägt, um eine ontologische Gabelung des Denkens zur Aufspaltung der Wirklichkeit in zwei Bereiche – das Diesseits und das Jenseits der menschlichen Wahrnehmungsmöglichkeiten – zu beschreiben und zu kritisieren.[30]

Im Anschluss an Whiteheads Begriff der Bifurkation sowie an Überlegungen des Historikers Keith Thomas[31] und des Soziologen und Philosophen Bruno Latour – zu ihm später mehr – identifiziert Franklin das 16. und 17. Jahrhundert als den Kernzeitraum der „großen Aufspaltung“. Demnach haben damals insbesondere Bestrebungen der Kirchen zur Beseitigung animistischer Glaubenselemente, wissenschaftliche Innovationen wie der Empirismus und neue Vorschläge zur Einteilung von Arten sowie philosophische Strömungen wie der Renaissance-Humanismus gemeinsam eine mächtige intellektuelle Formation gebildet, die auf eine gedankliche Separierung zwischen Menschen und dem hinauslief, was nicht Mensch ist. Im Bündnis erwiesen sich diese Kräfte als so mächtig, dass sich die „große Aufspaltung“ in europäischen Gesellschaften nach und nach als paradigmatische Grundauffassung über die Welt etablierte.[32]

Franklin betont, dass es dazu immer auch Gegenströmungen gegeben habe, und führt am Beispiel Englands etwa animistische Karnevalsrituale des 18. Jahrhunderts, Zweige der Naturdichtung des 19. Jahrhunderts und die Gartenstadtbewegung des 20. Jahrhunderts an.[33] Für die historische Forschung wäre es ein lohnendes Unterfangen, eine weiter ausgreifende Geschichte solcher Gegenströmungen auszuarbeiten. Ein solches Unterfangen würde auch historische Weltanschauungen und Daseinsauffassungen jenseits von Epistemologien westlicher Prägung berücksichtigen müssen. Darin finden sich zahlreiche Varianten von naturbezogenen Wissenssystemen, die etwa Tieren, Pflanzen, Dingen, Ahnen, Geistern und Gottheiten Handlungsvermögen zuerkennen und die die Forschung mit Konzepten wie „traditionelles ökologisches Wissen“, „Ethnobiologien“ oder etwa „heilige Ökologien“ zu fassen sucht.[34] Ein latentes Risiko dahingehender Forschungen besteht indes darin, überwunden geglaubte Mythen eines harmonischen Einklangs „indigener“ Gesellschaften mit ihrer ökologischen Umwelt wiederaufleben lassen.[35]

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Menschen in einem Boot am Ufer eines Gewässers
Gesellschaften am Nord- und Ostufer des Viktoriasees führten Opferrituale durch, damit wohlwollende Geister in den Kiel und den rammenartigen Vorbau eines Kanus einziehen, dieses mit ihren Kräften beseelen und in Kontakt mit der Seegottheit Mukasa bringen würden. Diese Verlebendigung zeigen auch die vorne angebrachten Antilopenhörner an. 
Quelle: Michael G. Kenny, The Powers of Lake Victoria, in: Anthropos 72 (1977), S. 717-133, hier S. 725-728, 731. Royal Commonwealth Society Library , public domain

Einzubeziehen wäre auch der US-amerikanische Anthropologe Lewis Henry Morgan. In den 1860er-Jahren beobachtete dieser beim Angeln in Nordamerika regelmäßig das Verhalten von Bibern. Es faszinierte ihn so sehr, dass er es in einem Buch beschrieb. Durch ihre Dammbauten veränderten Biber mit „ingenieurtechnischer Kunstfertigkeit“[36] die Landschaft, so Morgan, und damit auch die Lebensbedingungen vieler anderer Tier- und Pflanzenarten. Das Verständnis des Tierreichs, so eine von Morgans Schlussfolgerungen, gehe nicht in der Einzelbeschreibung von Arten oder Gattungen auf, sondern erfordere darüber hinaus ein Verständnis für ihre „Beziehungen zueinander“[37] und für die „Anpassung der umgebenden Elemente an die Bedingungen und Bedürfnisse der Vielzahl tierischer Organismen“.[38]

Eine weitere Spur relationalen Denkens, die in eine ähnliche Richtung weist, findet sich in der ein halbes Jahrhundert zuvor, namentlich 1798 erschienenen Elegie „Die Metamorphose der Pflanzen“ von Johann Wolfgang von Goethe: eine Verschmelzung von Dichtung und Naturlehre, die Verbindungen und Vereinigungen als Wesenselemente der Natur herausstellt. Natur ist mehr als die Summe ihrer Teile, postulierte Goethe in der Sprache der Poesie, und lässt sich nur verstehen, wenn man sie als ein ganzheitliches System begreift, in dem alles Lebendige miteinander zusammenhängt:

„Und hier schließt die Natur den Ring der ewigen Kräfte,
Doch ein neuer sogleich fasset den vorigen an;
Daß die Kette sich fort durch alle Zeiten verlänge,
Und das Ganze belebt so wie das Einzelne sey.“[39]

 

2. Die Herausbildung der „More-than-Human Studies“ als transdisziplinäres Forschungsfeld

Die Konzeptualisierung einer mehr als menschlichen Welt, die sich aus dieser damit nur in Schlaglichtern ausgeleuchteten Genealogie relationalen Denkens speist, ist seit der Jahrtausendwende in verschiedenen Disziplinen aufgegriffen und mit Impulsen aus deren jeweiligen Kompetenzen angereichert worden. Aus dem transdisziplinären Forschungsfeld der More-than-Human Studies, das die gemeinsamen Anstrengungen aus diesen Einzelwissenschaften hervorgebracht haben, seien im Folgenden nur exemplarisch einige einschlägige Beiträge aus Disziplinen herausgegriffen, die der Geschichtswissenschaft nahestehen. Weiter gefasste Überblicke bieten das von Adrian Franklin herausgegebene „Routledge International Handbook of More-than-Human Studies“, der von Andrés Jaque, Marina Otero Verzier und Lucia Pietroiusti zusammengestellte Reader „More-than-Human“ sowie die von der Medienwissenschaftlerin Sherryl Vint veröffentlichte Aufsatzsammlung „After the Human“.[40]

Einen frühen Resonanzraum fand das Konzept der mehr als menschlichen Welt in der Humangeographie. Dort hat sich Sarah Whatmore 2002 in einer vielbeachteten Untersuchung der räumlichen Beziehungen zwischen Menschlichem und Nichtmenschlichem sowie zwischen Sozialem und Materiellem gegen die in ihrer Disziplin gängige Unterscheidung von Natur- und Kulturräumen gewandt. Beides konstituiere sich wechselseitig und bringe hybride Raumkonfigurationen hervor. Das Konzept einer mehr als menschlichen Welt helfe, so Whatmore, diese Konfigurationen zu verstehen und Entwicklungen etwa in den Bereichen des Naturschutzes, der gentechnischen Veränderung von Pflanzen oder der Organisation von Landwirtschaft erklärbar und kritisierbar zu machen.[41] Die damit angestoßene Operationalisierung des Konzepts setzt sich in der Humangeographie dynamisch fort,[42] etwa in Studien über städtische Tier- und Pflanzenwelten, über die Beziehungen zwischen Menschen und Schnecken in Gärten oder über die Position von Straßenhunden im Dazwischen von Gesellschaft und Umwelt.[43]

Auch in der Ethnologie beziehungsweise der Sozial- und Kulturanthropologie haben dahingehende Ansätze früh Anklang gefunden. Dort firmieren sie vorzugsweise als „Multispecies Ethnography“ und „Anthropology beyond the Human“.[44] Als wegbereitend gilt das 2005 erschienene Hauptwerk des Anthropologen Philippe Descola, „Par-delà nature et culture“. Ausgehend von Feldforschungen unter anderem im Amazonasbecken beschreibt Descola die Trennung von Natur und Kultur als ein Konstrukt westlicher Prägung, das in den Denksystemen vieler nichtwestlicher Gesellschaften keine Entsprechung fände. Dieser Trennung stellt Descola eine Typologie animistischer und totemistischer Weltauffassungen gegenüber, die Tiere, Pflanzen oder auch Geister in die Domäne des Sozialen integrieren.[45]

Viel Beachtung hat außerdem die Untersuchung „How Forests Think“ gefunden, die Eduardo Kohn 2013 auf der Grundlage mehrjähriger Feldforschungen im ecuadorianischen Amazonasgebiet vorgelegt hat. Auch nichtmenschliche Lebewesen wie Bäume und Pilze vermögen Zeichen zu erzeugen und zu interpretieren, so Kohn mit Rückgriff auf Haraway, Latour und klassische semiotische Theorien von Charles Sanders Peirce. Das Vermögen, Sinn und Bedeutung zu erzeugen, beschränke sich nicht auf Menschen. Die animistische Spiritualität der in dem infrage stehenden Gebiet lebenden Runa-Bevölkerung deutet Kohn als ein Denksystem, das diese Zeichen zu verstehen erlaubt und Kommunikationsbeziehungen mit den nichtmenschlichen Lebewesen des Waldes – Kohn wählt die Bezeichnung „world beyond the human“ – begründet.[46]

Größere Bedeutung kommt darüber hinaus den Beiträgen von Tim Ingold zu, die sich unter anderem mit Mensch-Tier-Beziehungen in zirkumpolaren Gesellschaften und mit der Körperlichkeit des menschlichen Organismus als Voraussetzung für Wahrnehmung, Handeln und wissenschaftliche Erkenntnis befassen,[47] ebenso den Studien von Sarah Franklin über Reproduktions- und Gentechnologien und ihre Folgen für gesellschaftliche Auffassungen von Verwandtschaft.[48] In Deutschland hat in den letzten Jahren Michaela Fenske das Konzept der mehr als menschlichen Welt und den damit eng verbundenen Begriff der Multispezies-Gesellschaften in das Feld der Europäischen Ethnologie überführt und unter anderem Auswirkungen der planetaren Notlage auf Beziehungen zwischen Menschen und Bienen, Wölfen, Schweinen sowie Karpfen untersucht.[49] Sven Bergmann hat in anregenden Studien die Plastisphäre in den Meeren und die dort beobachtbaren Verbindungen zwischen Mikroplastik und marinen Lebensformen diskutiert.[50] Weitere Anschlussmöglichkeiten bieten in der Ethnologie Forschungen zu materieller Kultur – etwa zum Eigensinn, zum Verhalten und zur Agency von Dingen –, wie sie insbesondere Hans Peter Hahn profiliert hat.[51]

In der Soziologie ist das Konzept der „mehr als menschlichen Welt“ im diskursiven Rahmen von schon älteren Debatten um die Akteur-Netzwerk-Theorie (Michel Callon, Bruno Latour, Steve Woolgar)[52] und ihre Erneuerung (John Law, Annemarie Mol)[53] rezipiert worden. In der Ausformulierung der Akteur-Netzwerk-Theorie hat Latour seit den 1980er Jahren argumentiert, dass Unterscheidungen zwischen Natur und Kultur, zwischen Umwelt und Gesellschaft oder auch zwischen Subjekt und Objekt nur abstrakt in Theorien existierten, nicht aber in der Realität.[54] Mit der Verankerung solcher Unterscheidungen in ihren Denksystemen seit der Frühen Neuzeit glaubten die Menschen in europäischen Gesellschaften, so Latours hier nur grob umrissenes Argument, modern und fortschrittlich geworden zu sein. Tatsächlich aber hätten sie in ihren rigiden Abgrenzungen zwischen Entitäten verkannt, dass in Wirklichkeit alles mit allem verwoben sei, und daher keinen wirklichkeitsnäheren Blick auf die Welt gewonnen als in der vermeintlichen Vormoderne.[55] In den empirischen Forschungen, die ihn zu dieser Haltung geführt hatten, ging Latour von einer historischen Laborsituation aus: von den Beziehungen zwischen dem Chemiker Louis Pasteur, den von ihm untersuchten und so bezeichneten Milchsäurebakterien sowie diversen Geräten, Apparaten und Räumen in Lille in den 1850er-Jahren. Latour zufolge war es das Netzwerk dieser Akteure – und nicht etwa Pasteur –, das das Verfahren der Haltbarmachung von Milch hervorgebracht habe.[56]

Wie in diesem Fall handeln gerade die frühen, für die soziologische Diskussion prägenden Studien im Feld der Akteur-Netzwerk-Theorie häufig von soziotechnischen Beziehungen, in denen technische Artefakte wie beispielsweise das Mikroskop, die Schreibmaschine oder das Flugzeug zentrale Stellungen in den jeweils infrage stehenden Beziehungsgefügen einnehmen. Weitere Anschlussmöglichkeiten in der Soziologie für das Konzept der mehr als menschlichen Welt bieten Begriffe wie der der soziologischen Imagination (C. Wright Mills),[57], der der Biopolitik (Michel Foucault)[58] oder der einer Kraft der Dinge (Jane Bennett).[59]

Ausgehend von der Auseinandersetzung damit fordern Teile der Soziologie schon länger eine posthumanistische Wende ein, durch die die Menschen aus dem gedachten Zentrum des Sozialen genommen und Gesellschaft als relationales Netz von Lebewesen und Dingen auf dem Planeten neu bestimmen solle. Im Jahr 2016 hat der finnische Soziologe Olli Pyyhtinen „mehr als menschliche Soziologie“ als Oberbegriff für diese Strömung vorgeschlagen,[60] damit aber nur wenig Anschluss gefunden. Denn weite Teile der Disziplin betrachten die Akteur-Netzwerk-Theorie als den sozialwissenschaftlichen und für die methodische Operationalisierung relevanten Überbau der infrage stehenden Verschiebungsprozesse und den Posthumanismus als ihr philosophisches Fundament. Entsprechend wird im soziologischen Diskurs „mehr als menschliche Welt“ weithin als ontologischer Begriff verstanden, der helfe, die Wirklichkeit als relational begreiflich zu machen, und der zuspitze, was durch die Akteur-Netzwerk-Theorie und den Posthumanismus bereits angelegt worden sei.[61]

Aus rechtswissenschaftlicher Perspektive hat Jedediah Purdy 2015 gegen die Trennung zwischen Mensch/Umwelt beziehungsweise Natur/Kultur über die bereits genannten Einwände hinaus vorgebracht, dass im Anthropozän jede Stelle auf dem Planeten auch durch juristische Vorgaben menschlicher Einflussnahme unterliege. So wie Menschen nicht jenseits der Natur existierten, existiere Natur heute und zukünftig nicht mehr jenseits der menschlichen Einflusssphäre. Vielmehr sei sie als „Post-Natur“ stets rechtlichen, politisch-administrativen und ökonomischen Bedingungen unterworfen, die manche Formen des Lebens begünstigen oder ermöglichen und andere beeinträchtigen oder verunmöglichen.[62] Über solche Erwägungen hinaus interessieren in rechtswissenschaftlicher Hinsicht etwa auch Fragen nach dem Urheberrecht an Bildern, die Tiere durch das selbstständige Auslösen einer Kamera (mit)produzieren, oder nach dem Übersetzungsrecht bei Versuchen der Übersetzung tierlicher Kommunikation wie Walgesängen in menschliche Sprache.[63]

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Farbfoto eines Affen
Wer sollte welche Rechte an diesem Bild haben? Ein Schopfmakak in Nordsulawesi (Indonesien), der 2011 die Kamera des Fotografen David Slater ausgelöst und sich dadurch selbst portraitiert hat.
Quelle: Wikipedia Commons, public domain

All diese Schlaglichter konturieren die disziplinübergreifende Anstrengung der Erkundung eines Verhältnisses zum beschädigten Planeten, das auf Beziehung, Verbindung und Gemeinschaft orientiert ist, nicht auf Trennung, Aufspaltung und Vereinzelung. Unbenommen ihrer Ausschnitthaftigkeit führen die Schlaglichter auch vor Augen, dass sich relationale Ansätze inzwischen breit etabliert haben und kaum mehr als akademische Mode oder dergleichen abtun lassen. Deutlich wird außerdem, dass sich die More-than-Human Studies und die transdisziplinäre Forschung zum Anthropozän mitnichten decken – wenn auch berühren, überlappen und befruchten – und dass das relationale Denken des Anthropozäns als Leitdimension und der dafür zentralen Begrifflichkeit der Tiefenzeit (Deep Time) nicht notwendig bedarf. Von den Human-Animal Studies unterscheiden sich die More-than-Human Studies insbesondere dadurch, dass sie über Tiere hinaus viele weitere nichtmenschliche Akteure in ihre Analysen einbeziehen. Nicht zuletzt zeigen die Schlaglichter auch einen großen Reichtum an theoretischen, methodischen und begrifflich-konzeptuellen Angeboten auf, aus denen auch die Geschichtsforschung schöpfen kann.

 

3. Umweltgeschichte als Impulsgeberin und Reibungsfläche der mehr als menschlichen Geschichte

Auch Historikerinnen und Historiker sind im Nachdenken über das Verhältnis von Natur und Kultur in den 1990er-Jahren zu dem Schluss gelangt, dass genau besehen das eine immer auch Teil des anderen ist. „Wir können menschliche Geschichte nicht ohne Naturgeschichte verstehen und wir können Naturgeschichte nicht ohne menschliche Geschichte verstehen“, postulierte 1996 der Historiker Richard White.[64] In dieser Formulierung hielt White zwar ontologisch an einer Unterscheidung zwischen menschlicher Geschichte und Naturgeschichte fest. Doch in dem, was folgte, nahm er ein Kernanliegen der mehr als menschlichen Geschichte vorweg: „Mir geht es darum, mehr zu tun als bloß eine menschliche Geschichte neben eine Naturgeschichte zu stellen und dies dann als Umweltgeschichte zu bezeichnen. Das wäre so, als würde man die Biographie einer Ehefrau neben die Biographie ihres Ehemannes stellen und das Ganze die Geschichte einer Ehe nennen. Mir geht es um die Geschichte der Beziehung selbst.“[65]

Natur beschrieb White als „zugleich ein kulturelles Konstrukt und eine Gesamtheit realer Dinge, die außerhalb von uns existieren und sich nicht vollständig von unseren Konstruktionen erfassen lassen“.[66] Auf diese Einsicht hat die Umweltgeschichte in den 1990er-Jahren vor allem damit reagiert, die Anteile kultureller Konstruktion an dem aufzudecken, was Gesellschaften als „natürlich“ verhandeln. Wegbereitend für diesen Ansatz stehen die Analysen des Historikers William Cronon zur Geschichte der „natürlichen Wildnis“. Seit dem 18. Jahrhundert erhoben aufklärerische und naturromantische Vordenker von Jean-Jacques Rousseau über Ralph Waldo Emerson bis Henry David Thoreau das Wiedererreichen eines verloren gegangenen Zustands wilder Natürlichkeit einerseits zum Ideal. Andererseits galt ihnen dieser Zustand dann, wenn er sich auf Landschaften bezog, durch die Abwesenheit von Menschen bestimmt – mit Ausnahme allenfalls von jenen, die sich etwa als Reisende nur zeitweilig dort aufhielten. Obwohl der Mensch Teil der Natur ist, bleibt in der Natur demnach kein Platz für ihn, weil menschliche Kultur diese ihrer Natürlichkeit berauben würde.[67]

Im Sinne dieser gedachten Trennung haben Gesellschaften die vermeintliche Natürlichkeit der Wildnis, die sie in Nationalparks und anderen Naturreservaten zu bewahren anhoben, erst hergestellt, so Cronon: durch die Vertreibung der dort lebenden Menschen und die Verleugnung ihrer Geschichte, aber auch durch Literatur und Malerei, durch Fotografie und Film, durch Sakralisierung und Emotionalisierung sowie durch naturwissenschaftliche Expertisen. Die Wildnis ist nicht. Sie ist gemacht. Das meint selbstredend nicht, dass Menschen Tiere, Pflanzen und andere Elemente etwa des von Cronon als Beispiel genutzten Yellowstone-Nationalparks erfunden hätten. Erfunden haben sie den mächtigen Mythos einer „wilden“ und „unberührten“ Natur als Fluchtpunkt eskapistischer Sehnsüchte, Phantasien und Illusionen, gespeist aus einem Reservoir aufklärerischer, religiöser, romantischer und primitivistischer Ideen.[68]

Konstruktivistische Ansätze wie der von Cronon haben sich um die Differenzierung und Komplexitätsanreicherung ökologischer Diskurse verdient gemacht und Behauptungen von unberührter Natürlichkeit an vielen Fallbeispielen als Mythen entlarvt. In jüngerer Zeit haben Vertreterinnen und Vertreter der mehr als menschlichen Geschichte sie allerdings mit Kritik konfrontiert. Denn die Aufklärung über Mythen, die eine „wrong nature“ (Cronon) hervorgebracht haben, legt die Annahme nahe, dass sich hinter den Mythen eine „true nature“ verberge, dass hinter der eingerissenen Fassade eine echte Substanz zum Vorschein kommen könne.[69]

Doch auch die vermeintlich objektiven Erkenntnisse über Natur aus den Naturwissenschaften gilt es, wie etwa die norwegische Historikerin Kristin Asdal betont, aus kritisch-analytischer Distanz in ihren kulturellen Kodierungen, gesellschaftlichen Situiertheiten, ökonomischen Verwertungszusammenhängen und historischen Gewordenheiten zu betrachten.[70] Naturwissenschaftliche Disziplinen können der Geschichtsforschung kein Wissen über Natur vorgeben, das im Sinne einer absoluten Objektivität – die als historisch gewachsenes und kulturell veränderliches Ideal eh stets in spezifischen Kontexten situiert ist[71] – mit der Wirklichkeit übereinstimme. Vielmehr bieten die Naturwissenschaften und ihre Geschichte Möglichkeiten, um Einsichten in die historisch veränderlichen Verfahren und Situiertheiten des Generierens, Legitimierens und Autorisierens jenes Wissens zu gewinnen, das Natur und die ihr zugeordneten Elemente als epistemische Entitäten erzeugt.[72] Die ontologischen Aporien einer Kategorie wie „Wildnis“ liegen nach dieser Lesart nicht darin, dass sie mit Mythen beladen sind und durch naturwissenschaftlich validere Kategorien wie beispielsweise „Primärökosystem“ ersetzt werden könnten. Sie liegen im Denken in Entitäten. Konstruktivistisch orientierte Umweltgeschichten, die innerhalb des Denkens in Entitäten argumentieren, erhalten demnach die Dichotomien, die sie kritisieren, im Kern aufrecht – so beschreiben es Emily O’Gorman und Andrea Gaynor.[73]

Mit ihrer Kritik verweisen O’Gorman und Gaynor, die ihre eigene Forschung dezidiert als „more-than-human history“ bezeichnen, auf einen – womöglich den wichtigsten – Unterschied zwischen der mehr als menschlichen Geschichte und der Umweltgeschichte. Während die Umweltgeschichte „die Geschichte der Wechselbeziehungen zwischen Mensch und Natur“ untersucht,[74] wie es Melanie Arndt auf Docupedia-Zeitgeschichte beschrieben hat, fasst die mehr als menschliche Geschichte Mensch und Natur als ein einiges Ganzes auf.

Worin unterscheidet sich die mehr als menschliche Geschichte darüber hinaus noch von der Umweltgeschichte? Da beide Ansätze klassische Fächergrenzen transzendieren, keine klar umrissenen Außengrenzen aufweisen und in gegenstandsbezogenen Forschungen mitunter fließend ineinander übergehen, lässt sich eine solche Unterscheidung nicht trennscharf vornehmen, allzumal sich Vertreterinnen und Vertreter relationaler Ansätze tendenziell wenig für eine Einsortierung in Schubladen interessieren. Für die Zwecke einer Positionsbestimmung spitze ich hier vier weitere Unterscheidungsmerkmale zu – einige erklären sich aus den oben erläuterten Genealogien, die anderen erläutere ich nachfolgend.

Erstens positioniert die Umweltgeschichte gewöhnlich menschliche Akteure im Zentrum der Analyse, wohingegen die mehr als menschliche Geschichte den Fokus auf Beziehungsgefüge wie Netzwerke, Assemblagen, Artgenossenschaften oder Konfigurationen von menschlichen und nichtmenschlichen Akteuren legt. Zweitens stützen sich umweltgeschichtliche Forschungen tendenziell häufiger auf subjekt- und strukturzentrierte Definitionen von Agency als Vertreterinnen und Vertreter der mehr als menschlichen Geschichte, die überwiegend mit relationalen und posthumanistischen Bestimmungen von Agency operieren. Drittens speist sich die Umweltgeschichte historisch aus Impulsen und Orientierungen der Umweltbewegungen der 1970er- und 1980er-Jahre, die sie in die Arena historisch-kritischer Forschung überführt hat, wohingegen die mehr als menschliche Geschichte aus den oben umrissenen Impulsen eines relationalen Nachdenkens über naturkulturelle Verhältnisse hervorgegangen ist. Viertens schließlich stellt die Umweltgeschichte ihre Ergebnisse zumindest meistens in konventionellen Formen eines analytisch-distanzierten Argumentierens dar, wohingegen Vertreterinnen und Vertreter der mehr als menschlichen Geschichte oft mit unkonventionellen Darstellungsformen experimentieren und dabei Elemente des kulturanthropologisch geprägten Storytelling und des literarischen Nature Writing aufgreifen.

 

4. Themen und Debatten

Wie und an welchen Themen erproben Historikerinnen und Historiker den Ansatz? Einen erkennbaren Schwerpunkt bildet die Geschichte von Landschaften. So hat Emily O’Gorman die Geschichte des australischen Murray-Darling-Beckens untersucht und als ein fortwährendes Mit- und Gegeneinander menschlicher und nichtmenschlicher Akteure beschrieben: Pelikane und Politiker, Flüsse und Fische, Robben und Reisbauern, Parasiten und Pflanzen, die Clans der Ngarrindjeri und viele andere haben in ihren wechselseitigen Beziehungen die Feuchtgebiete als Landschaft konstituiert und verändert. Entwicklungen in den dort lebenden Gesellschaften, in der Landwirtschaft oder etwa im Naturschutz gingen aus Ko-Akteurschaften vieler Spezies hervor und lassen sich nicht verstehen, wenn man an einer Trennung zwischen dem Sozialen und dem Ökologischen festhält.[75]

Zu einem ähnlichen Urteil gelangt José Marcelo Marques Ferreira Filho, der am Fall von Zuckerrohrplantagen im Nordosten Brasiliens den Einflussnahmen von Käfern, Motten, Termiten und anderen Insekten sowie von Mikroorganismen auf Plantagenlandschaften nachgegangen ist. Die Gestalten und Architekturen der Plantagen sowie viele der dort beobachtbaren Praktiken von Menschen seien mal direkt und mal indirekt von Insekten und Mikroorganismen veranlasst gewesen, so Filho, und bei näherer Betrachtung erweise sich die Geschichte des Plantagensystems als eine Beziehungsgeschichte zwischen verschiedenen Gruppen von Menschen, Pflanzen, Mikroorganismen sowie Insekten und anderen Tieren.[76]

Während bei O’Gorman und Filho Landschaftsveränderungen seit dem 19. Jahrhundert im Zentrum stehen, haben Joy Pachuau und Willem van Schendel ihre 2022 erschienene Geschichte des östlichen Himalaya-Dreiecks, das Gebiete in Bangladesch, Bhutan, China, Indien und Myanmar umfasst, langzeitlich angelegt. Gerade die Beobachtung in langer Dauer (longue durée) lässt greifbar werden, wie sich eine Landschaft im gemeinsamen Werden mit Menschen, Tieren und Pflanzen wandelt und wie sich Beziehungen zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Akteuren immer wieder neu konfigurieren. Dies beinhaltet die Beziehungen von Menschen zu Reis, den sie domestizierten und der seinerseits ihre Lebensweisen tiefgreifend umstrukturierte, etwa durch die Veranlassung zu Sesshaftigkeit und körperlicher Schwerstarbeit. Im Fall von Bambus begünstigte der systematische Anbau unter anderem die Lebensbedingungen von Ratten, die sich während der – nur in Abständen von Jahrzehnten auftretenden – Bambusblüte rasant vermehrten, auf die Reisfelder strömten und so unter den Menschen Hungersnöte auslösten. Weitere Kapitel handeln von Bäumen, Tigern, Mikroben und Viren, von Praktiken des Jagens, Sammelns und Verehrens und von nichtmenschlichen Akteuren in den Kosmologien und Geschichtserzählungen der Bevölkerung.[77]

Vordergründig mag das an ältere Überlegungen des französischen Historikers Fernand Braudel erinnern. In seiner berühmt gewordenen Untersuchung über die Welt des Mittelmeers im 16. Jahrhundert, erschienen 1949, hat Braudel unter anderem Gewässer, Gebirge, Böden sowie das Klima und die Jahreszeiten als Elemente einer Tiefenstruktur von Geschichte beschrieben, die den Menschen Handlungen ermöglicht wie auch verunmöglicht habe.[78] Allerdings hat Braudel solche Naturelemente im Sinne einer strukturbezogenen Auffassung von Agency als historische Faktoren betrachtet, die sich nur in langer Dauer veränderten und in den Maßstäben menschlicher Erfahrung mithin weitgehend starre Konstanten darstellten. Demgegenüber bestimmen Vertreterinnen und Vertreter der mehr als menschlichen Geschichte Agency meist relational und nehmen an, dass sich Anteile an Handlungen situativ auf menschliche und nichtmenschliche Akteure verteilen. So besehen kann eine Agency nichtmenschlicher Akteure auch in Zeiteinheiten wie Jahren, Tagen oder Stunden wirkmächtig sein – letztlich in jeder Situation –, und eine mehr als menschliche Geschichte bedarf nicht notwendig einer longue durée-Perspektive, um das herauszuarbeiten.

Auf die nun schon mehrfach verwiesenen seitens der mehr als menschlichen Geschichte favorisierten Auffassungen von Agency bedürfen einer Erläuterung, zumal sie Gegenstand anhaltender Debatten sind. Diese betreffen die Bestimmung des Handlungsvermögens, der Handlungsfähigkeit, der Handlungsmacht und der Handlungswirksamkeit nichtmenschlicher Akteure und die Frage, ob sich all das mit dem Begriff „Agency“ überhaupt angemessen beschreiben lässt.[79] Die vielen und disparaten Bestimmungsversuche von Agency erschweren es, darauf eine eindeutige Antwort zu geben. Manche Definitionen setzen explizit oder implizit die Annahme von Subjekthaftigkeit voraus, mitunter auch von Intentionalität.[80] Demgegenüber vertritt die Physikerin und feministische Theoretikerin Karen Barad den Standpunkt, dass Agency kein Attribut von Subjekten sei, sondern allein prozesshaft im Vollzug existiere – ein Vollzug, an dem stets unbelebte Materie wie Atome und Moleküle beteiligt sei.[81]

Ein weiterer Vorschlag zur Abkopplung des Begriffs von Subjekthaftigkeit und Intentionalität läuft darauf hinaus, Agency an die jeweils spezifische Körperlichkeit eines Organismus zu knüpfen, mit der sich wiederum distinktive Möglichkeiten des Wahrnehmens, Empfindens und Bewegens verbinden. Diese Konzeption einer Embodied Agency erlaubt es unter anderem, Erscheinungsformen historisch veränderungsrelevanten Handelns von Tieren in Quellen zu erfassen.[82] Allerdings weist die Umweltwissenschaftlerin Stacy Alaimo darauf hin, dass von Menschen emittierte Stoffe wie etwa Pestizide, Schwermetalle oder Mikroplastik über die Aufnahme von Nahrung, Wasser und Luft zu Bestandteilen tierlicher und menschlicher Körper werden, eine Kopplung von Agency an Körperlichkeit also der prinzipiellen Unabgeschlossenheit von Körpern gegenüber ihrem nur vermeintlich Äußeren (bei Alaimo: Trans-corporeality) Rechnung tragen müsse.[83]

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Schwarzweißfoto eines Mannes mit Hund im Geschirr in einer Schneelandschaft
Wer führt? Der US-amerikanische Senator Thomas D. Schall (1878-1935) und sein Blindenhund Lux um 1930.
Quelle: Hennepin County Library / Wikimedia Commons,  public domain

Die Politikwissenschaftlerin und Philosophin Jane Bennett betrachtet Agency als etwas, das sich in Konfigurationen menschlicher und nicht-menschlicher Kräfte situativ unter diesen verteilt. Nach diesem Verständnis ist etwa einer Mülldeponie Agency zuzuerkennen, so eines der von Bennett gewählten Beispiele, setze diese doch Gase, Flüssigkeiten und Partikel frei, die die Lebensbedingungen für viele Spezies veränderten und Menschen zu Handlungen wie Abfalltrennung oder Gasabsaugung veranlassten.[84] Bennetts Beitrag reiht sich in eine ganze Reihe von Definitionen ein, die Agency in der ein oder anderen Weise als etwas bestimmen, das sich auf verschiedene menschliche und nichtmenschliche, belebte und unbelebte Beteiligte an einer Handlung verteilt und das diese Beteiligten – je nach Definition – zu Netzwerken, Konfigurationen, Gefügen, Konstellationen oder Assemblagen verknüpft.

Weil sich die theoretische Diskussion für gegenstandsbezogene Forschungen, die ihre Einsichten aus der kritischen Analyse historischer Quellen gewinnen, nicht immer als produktiv erweist, regen jüngere Beiträge an, den Agency-Begriff aus dem Zentrum der Debatten um nichtmenschliche Akteure zu nehmen und stattdessen quellengeleitet zu beobachten, welche menschlichen und nichtmenschlichen Akteure in spezifischen Beziehungskonstellationen in welcher Weise agiert haben.[85]

Relationale Bestimmungen von Agency unterfüttern auch Forschungen zu einem weiteren Themenschwerpunkt der mehr als menschlichen Geschichte, der Beziehungsgefüge untersucht, die sich historisch um bestimmte Spezies herausgebildet und gewandelt haben. Einen solchen Fall hat die Anthropologin Anna Lowenhaupt Tsing in ihrer 2015 erschienenen Untersuchung „Der Pilz am Ende der Welt“ herausgearbeitet, eine mehr als menschliche Geschichte par excellence. Tsing analysiert ein Gefüge aus Beziehungen, das sich seit den 1970er-Jahren um den Pilz Matsutake formiert hat. Als Speisepilz ist er vor allem in Japan begehrt, lässt sich aber nicht kultivieren und wird seit dem Rückgang der einheimischen Vorkommen überwiegend importiert. Matsutake wächst nur auf Böden, in denen er eine Symbiose mit den Wurzeln bestimmter Bäume bilden kann. Am besten verbindet er sich mit Kiefergewächsen. Als vergleichsweise anspruchslose Art wurde Matsutake häufig zur Aufforstung in Böden angepflanzt, deren organische Substanz durch Kahlschlag, monokulturelle Landwirtschaft und industrielle Holzentnahme verwüstet worden sind. Entsprechend weisen viele dieser ökologischen „Ruinen des Kapitalismus“, wie Tsing solche Landschaften nennt, eine hohe Dichte von Matsutake auf. Ausgehend von Verbreitungsgebieten in den Vereinigten Staaten, in Finnland und in China folgt Tsing den Pilzen über Sammlerinnen, Zwischenhändler und Transporteure bis in die japanischen Restaurants. So bringt sie eine globale, dabei weitgehend informelle und prekäre Wertschöpfungskette zum Vorschein, die aus der dritten Natur, das heißt aus den durch den Industriekapitalismus vernutzten Landschaften hervorgegangen ist.[86]

Gleich mehrere Arbeiten über speziesbezogene Beziehungskonstellationen hat der Philosoph und Umweltwissenschaftler Thom van Dooren vorgelegt. In einer 2022 erschienenen Untersuchung diskutiert er die historischen Ursachen und gegenwärtigen Folgen von Artenverlust anhand der Geschichte der Schnecken von Hawai’i, von denen viele Arten inzwischen ausgerottet worden sind. Das Netz der Beziehungen, in denen die Tiere im 20. Jahrhundert lebten, beinhaltete neben Bäumen und anderen Pflanzen auch eingeschleppte Raubtiere und landhungrige Siedler, war also stark durch kolonialgeschichtliche Faktoren geprägt.[87] Drei Jahre zuvor hatte van Dooren, der sich in seinen Arbeiten an Formen und Themen der anglophonen Tradition des Nature Writing anlehnt,[88] eine Darstellung über die Beziehungen zwischen Menschen und Krähen unter den Voraussetzungen von Kolonialismus, Urbanisierung, Globalisierung und Klimawandel veröffentlicht. Anders als den Schnecken ist Krähen das Überleben in einer von Menschen tiefgreifend veränderten Welt bislang gut gelungen – und das, obwohl sie vielerorts als Schädlinge betrachtet werden. Auch während des einschneidenden Wandels der Biosphäre haben sich prekäre Möglichkeiten des Koexistierens und gemeinsamen Überlebens von menschlichem und tierlichem Leben erhalten.[89]

Im Schiffsbohrwurm haben Derek Lee Nelson und Adam Sundberg, um eine weitere speziesbezogene Studie herauszugreifen, einen eminent bedeutenden Akteur des Zeitalters der Segelschifffahrt identifiziert, der im Zuge seiner Mobilität mit Schiffen marine Ökosysteme verändert und Menschen zu technologischen Neuerungen wie dem Kupferbeschlag von Schiffsrümpfen veranlasst hat.[90] In den Namen „Schiffsbohrwurm“ ist bereits eingelassen, dass Menschen die so bezeichnete Art über Beziehungen definieren – Bezeichnungen wie „Kartoffelkäfer“, „Hauskatze“, „Topfpflanze“, „Laborratte“ oder etwa „Ernteschädling“ ließen sich ergänzen. In relationaler Perspektive liegt es nahe, für die Bestimmung von Arten nicht ihre Eigenschaften, sondern ihre Beziehungen zu anderen Arten (z. B. Mensch) oder auch zu Technologien (z. B. Schiff) heranzuziehen. In der Beschäftigung damit wirft die mehr als menschliche Geschichte potenziell kontroverse Fragen nach der Bestimmung und Einordnung von Arten nicht allein nach biologischen, sondern auch nach sozialen, kulturellen oder politischen Kriterien auf.[91] In manchen Gesellschaften konnten Kategorisierungen des Lebendigen auch metaphysische Entitäten einbeziehen – etwa, wenn man annahm, dass ein Ahnengeist einen Baum bewohne oder dass die Kraft des Lebendigen über ein Opfertier einer Gottheit zufließe. Können eine Gottheit, ein Ahne oder ein Geist eine Spezies beziehungsweise ein Element davon sein?[92]

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Schwarzweißfoto eines Menschen mit Taucherglocke und Kamera auf dem Grund eines Gewässers
Hat der Mensch die Technik auf den Meeresgrund gebracht oder die Technik den Menschen? Ein Taucher des Observatoire Océanologique de Banyuls-sur-Mer (Frankreich) mit Unterwasserkamera, 1898.
Quelle: Louis Boutan, La photographie sous-marine et les progrès de la photographie, Paris 1900, S. 204, online https://archive.org/details/laphotographieso00bout/page/206/mode/2up, gemeinfrei

Viele weitere spezieszentrierte Untersuchungen ließen sich ergänzen. Seit vielen Jahren untersucht Sandra Swart Beziehungen unter anderem zwischen Menschen, Pferden und Hunden als veränderungsrelevante Faktoren der kolonialen und postkolonialen Geschichte Südafrikas.[93] In ähnlicher Stoßrichtung hat Saheed Aderinto 2022 eine viel beachtete Untersuchung über Tiere als Subjekte der Kolonialgeschichte Nigerias vorgelegt.[94] „We may not fully comprehend the extent of imperial domination until we bring animals into our understanding of colonialism“, so Aderinto.[95]

Um die Breite und Vielfalt der weiteren von der mehr als menschlichen Geschichte bearbeiteten Themen zu veranschaulichen, sei auf drei Aufsatzbände aus den letzten Jahren hingewiesen. Ein 2024 von Diogo de Carvalho Cabral, André Vasques Vital und Margarita Gascón herausgegebener Band begreift den Ansatz als Möglichkeit einer Neuperspektivierung der Geschichte Lateinamerikas und der Karibik.[96] Unter anderem argumentieren darin Bruno Capilé und Lise Fernanda Sedrez am Fall von Rio de Janeiro im 19. Jahrhundert, dass auch Flüsse arbeiteten. Diese Arbeit habe im Zusammenspiel mit der von Menschen sowie dem Agieren von Technologien einen urbanen Stoffwechsel von Material- und Energieströmen hervorgebracht, mit Folgen etwa für die Entwicklung sozialer Milieus, den Wandel sozialräumlicher Strukturen und die Beziehungen zwischen urbanen und ruralen Räumen. Mithin geht auch Stadtentwicklung, so Capilé und Sedrez, aus dem dynamischen Mit- und Gegeneinander menschlicher und nichtmenschlicher Akteure hervor.[97] Luis Alberto Arrioja Díaz Viruell und María Dolores Ramírez Vega demonstrieren, wie sich während der großen Dürrekrise in Guatemala und Neuspanien von 1768 bis 1773 atmosphärische Prozesse, landwirtschaftliche Strukturen, klimatische Anomalien und soziale Verhältnisse ineinander verwoben haben.[98] Auf der Grundlage historischer Tonaufnahmen analysiert schließlich Olivia Arigho-Stiles, um einen letzten Beitrag herauszugreifen, wie der bolivianische Bauernverband in den 1970er- und 1980er-Jahren Elemente indigener Epistemologien in seine Programmatik einführte, um es insbesondere Tieren, Pflanzen und Bergen zu ermöglichen, als Akteure im politischen Raum in Erscheinung zu treten.[99]

Ein im Jahr 2023 von Susan Nance und Jennifer Marks herausgegebener Band geht an Fällen aus der US-amerikanischen Geschichte Verflechtungen zwischen menschlichen und tierlichen Krisen nach.[100] Als Beispiel dafür führt Marks eine Epidemie der Pferdegrippe an, die 1872 die Transportinfrastruktur Chicagos lahmgelegt hat.[101] Jessica Wang diskutiert Initiativen der US-Verwaltung aus dem frühen 20. Jahrhundert, als „Ernteschädlinge“ kategorisierte Insekten auf Hawai‘i durch die Ansiedlung vormals gebietsfremder Arten zu bekämpfen.[102] Und John M. Kinder, dessen zeitgeschichtlicher Beitrag als letzter herausgegriffen sei, geht der Zerstörung des Zoos von Bagdad im Irakkrieg von 2003 nach und analysiert die Bestrebungen des US-Militärs, mit einem medial groß inszenierten Projekt zur „Rettung“ des Zoos einen Beitrag zur moralischen Rechtfertigung der Besatzung des Iraks zu leisten.[103]

Schließlich nimmt ein 2023 von Kaori Nagai herausgegebener Band Beziehungen zwischen Menschen, Tieren und Schiffen in Kontexten der maritimen Geschichte in den Blick. In einem eigenen Beitrag beschreibt Nagai Schiffsratten als „Totemtiere“ und biologische Vollstrecker des britischen Kolonialimperialismus im 19. Jahrhundert, breiteten sich die Tiere doch mit den Schiffen der Royal Navy in fernen Weltregionen aus und bedrohten dort heimische Populationen.[104] Lee Edgar diskutiert Geschichten von Schlittenhunden – oft an Land von Inuit gezüchtet –, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf dem kanadischen Polizeischiff St. Roch in den Rollen von sowohl Arbeits- als auch Haustieren agierten und zugleich als Maskottchen dienten.[105] Mit der Geschichte von Pferden auf Schiffen befasst sich Donna Landry und stützt sich dafür unter anderem auf Berichte aus den Napoleonischen Kriegen und aus dem Krimkrieg – Konstellationen, in denen auch der Pferden zugeschriebene „Charakter“ von Bedeutung war.[106]

 

5. Stories vs. Histories: Die Debatte um das „More-than-Human Storytelling“

Landry, Nagai, van Dooren und einige weitere der genannten Forscherinnen und Forscher bezeichnen ihre Arbeiten nicht als Histories, sondern als Stories. Tsing hat ihr Buch in viele kurze, ineinander verwobene Geschichten unterteilt und damit die Form eines Sprossachsensystems von Pflanzen aufgegriffen. Dies sind auch Positionierungen innerhalb einer oben bereits angerissenen Debatte darüber, welche Form der Darstellung einer relationalen Denkhaltung angemessen ist. Die Form der Stories ist ab den 1980erJahren im Zuge der „Writing Culture“-Debatte zunächst in ethnographischen und kulturanthropologischen Forschungen etabliert worden, um unterschiedliche Aufzeichnungen wie Feldnotizen, Forschungstagebücher oder Interviews zu montieren und dabei mit kontextualisierenden, interpretativen und reflexiven Passagen anzureichern.[107] Eher als ein analytisch-distanziertes Argumentieren erlauben es Stories, die individuelle Positionalität und Situiertheit der oder des Forschenden als Element des Erkenntnisprozesses zu reflektieren, etwa im Hinblick auf Emotionen, Erfahrungen oder Differenzkategorien wie Alter, Geschlecht und Religion.[108]

Haraway misst solchen Reflexionen eminente Bedeutung zu und plädiert für Stories, die vom Miteinander-Werden verschiedener Spezies handeln (bei Haraway: „Sympoiesis“) und dabei wissenschaftliche Fundierung mit Mut zum spekulativen Fabulieren verknüpfen sowie die Leserinnen und Leser aktivieren, durch eigene Beiträge einen kollektiven Erzählprozess ins Werk zu setzen.[109] Ein so verstandenes „More-than-Human Storytelling“ zielt mithin nicht allein auf die Form der Darstellung ab, sondern auch auf die Methodik des Erarbeitens von Wissen.[110] Damit verbindet sich zumindest bei Haraway auch eine gewisse Fabulierlust, die Wörter und Zeichen zu sperrigen Komposita verkettet, um das Denken in Relationen in sprachliche Formen zu überführen – so etwa im Titel ihrer 1997 erschienenen Monographie „Modest_Witness@Second_Millenium.FemaleMan©_Meets_OncoMouseTM“.[111]

Indes werden in der Geschichtsforschung – und nicht nur dort – schon weit weniger provokante Formen von Stories kontrovers diskutiert. Denn die ihr zugrunde liegende Kritik an der Annahme einer objektiven, neutralen und universellen Beobachtungsposition hat einige Forscherinnen und Forscher zu Darstellungen veranlasst, die sich durch das Einbinden etwa von fiktionalen Passagen, Spekulationen oder Träumen weit von konsentierten Grundsätzen wissenschaftlichen Arbeitens entfernen. Diese Kritik haben in den 1980er-Jahren etwa die Arbeiten des Kulturanthropologen Michael Taussig über die Beziehung zwischen kolonialer Gewalt und schamanischer Heilung im kolumbianischen Putumayo auf sich gezogen.[112] In der Geschichtswissenschaft hat sich bereits 1971 eine Kontroverse um Golo Manns viel gelesene Biographie über den böhmischen Feldherrn Albrecht von Wallenstein entzündet, in der der Historiker fiktive „Nachtphantasien“ Wallensteins erfand und sich damit den Vorwurf eintrug, abseits wissenschaftlicher Prinzipien wie Überprüfbarkeit zu operieren.[113]

Was die „Writing Culture“-Debatte für die Ethnologie war, das war für die Geschichtswissenschaft die Kontroverse um die 1973 erschienene Untersuchung „Metahistory“ des Historikers und Literaturwissenschaftlers Hayden White. Die von White formulierte Einsicht, dass Geschichte aus sprachlich-narrativer Modellierung hervorgeht und mithin immer auch Literatur ist, hat einige Historikerinnen und Historiker zu Experimenten mit nichtsequenziellen Darstellungsformen angeregt, die den Widersprüchlichkeiten historischer Vorgänge und der Vielfalt historischer Stimmen angemessener Rechnung tragen sollen als chronologisch aufgebaute und autoritativ argumentierende Darstellungen. In diesem Sinne hat etwa Klaus Theweleit seine aufsehenerregende Untersuchung „Männerphantasien“ (1977/78) über faschistoide Männlichkeiten in der Weimarer Republik als assoziative und nichtchronologische Collage angelegt.[114] Richard Price hat die Geschichte der Saramaka – einer Gemeinschaft von Nachfahren geflohener Sklavinnen und Sklaven afrikanischer Herkunft in Suriname – als dialogische Parallelerzählung in einer zweispaltigen Seitenstruktur dargestellt: Die eine Spalte gibt mündliche Überlieferungen von Geschichtsexperten der Saramaka wieder, die andere reichert dies mit archivgestützten Kontextualisierungen und Kommentierungen an.[115]

Erwartbar haben sich die schärfsten Kontroversen um solche Formen an Darstellungen entzündet, die den Zweiten Weltkrieg und die Shoa berühren. Dazu zählen etwa das 1999 erschienene Buch „Nu dog du“ von Sven Lindqvist über die Geschichte von Luftbombardements. Lindqvist hat das Buch als ein Labyrinth von knapp 400 Textfragmenten montiert, die sich Leserinnen und Leser individuell zusammensetzen und dadurch ganz unterschiedliche Narrative herauslesen können.[116] Die labyrinthische Struktur spiegelt das durch einen Luftangriff verursachte Chaos, hat Lindqvist aber auch die Kritik eingetragen, der Entwicklung einer eigenen Argumentationslinie auszuweichen und die Kontextualisierung der beschriebenen Ereignisse zu vernachlässigen. Schärfer noch fielen die Reaktionen auf Nicholson Bakers 2008 erschienene Textcollage „Human Smoke“ aus (deutsch 2009: „Menschenrauch“), in der er Exzerpte von Zeitungsartikeln, Tagebüchern und weiteren Quellen zu einer Spurensuche nach den Ursprüngen des Zweiten Weltkriegs und der Shoa zusammensetzt.[117] Kritikerinnen und Kritiker monierten, dass Baker das Erfordernis einer methodisch fundierten Quellenkritik ignoriere, notwendige Kontextualisierungen vermissen lasse, sich der Einordnung seines Materials entziehe und letztlich fachliche Analyse durch moralische Haltung ersetze.

Bislang haben die seit den 1970er-Jahren immer wieder ergriffenen Initiativen, das historisch-kritische Argumentieren in der Darstellung von Geschichte durch ein nichtsequenzielles Collagieren von Vielstimmigkeit abzulösen, also weder innerhalb der Fachgemeinschaft noch in der Öffentlichkeit breite Akzeptanz gefunden. Womöglich erfüllt ein solches Storytelling nicht hinreichend die gesellschaftliche Erwartung an die Geschichtswissenschaft, historische Veränderungen zu erklären, anstatt sie bloß zu beschreiben oder von ihnen zu erzählen.[118]

Sollte sich die mehr als menschliche Geschichte auf die Form der Stories festlegen, würde sie also viel Überzeugungsarbeit zu leisten haben. Als Argument könnte sie ins Feld führen, dass die Form bislang voneinander separierte Wissenschaftskulturen zusammenzuführen verspricht. Denn Initiativen zu einem gemeinsamen Diskurs zwischen geistes- und naturwissenschaftlichen Disziplinen scheitern häufig an den jeweils präferierten Kommunikations- beziehungsweise Publikationsformaten. Wer es gewohnt ist, geschichtswissenschaftliche Monographien zu lesen, kann der kleinteiligen Datenpräsentation beispielsweise auf einem bioinformatischen Preprint-Server oft nichts abgewinnen – und umgekehrt. Bestenfalls könnten „Stories“ Elemente aus verschiedenen Kulturen der Fach- und Öffentlichkeitskommunikation zusammenbinden und sich damit auch anbieten, die Befunde disziplinübergreifender Forschungsgruppen zu präsentieren.

 

6. Die Debatte um Verantwortlichkeiten und ihre mögliche Verschleierung

Eine weitere Kontroverse betrifft die Frage danach, inwieweit sich aus einer konsequent relationalen Denkhaltung heraus Handlungsverantwortlichkeit erkennen und benennen lässt. Ein Mensch, eine Organisation oder etwa ein Staat kann Verantwortung für Handlungen tragen beziehungsweise seitens der Geschichtsforschung als handlungsverantwortlich identifiziert werden. Doch können Gefüge, Konfigurationen oder Assemblagen von Beziehungen zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Akteuren Verantwortung tragen? Vor allem marxistisch orientierte Historikerinnen und Historiker betrachten es als Aufgabe der Geschichtswissenschaft, die historische Verantwortung von Entitäten wie dem globalen Norden, des Kapitalismus oder von konkreten Gruppen- und Individualakteuren für die planetare Notlage herauszustellen. Ein Akteursverständnis, das Handlungen auf das Zusammenwirken menschlicher und nichtmenschlicher Beteiligter in Beziehungsgefügen zurückführt, arbeitet dem Erkennen und Benennen solcher Verantwortlichkeiten entgegen, so ein unter anderem von dem Historiker Jason Moore vorgebrachter Einwand.[119] Im Kern ist diese Kritik schon in älteren Debatten um die Akteur-Netzwerk-Theorie formuliert worden. Wenn einzelne Akteure (beziehungsweise bei Latour: Aktanten) in fluide gedachten Zusammenhängen aufgehen, werden sie für die Forschung kaum mehr adressierbar.

Der Vorwurf einer Verantwortungsdiffusion läuft auf den noch grundsätzlicheren Einwand hinaus, dass relationale Ansätze dem kritischen Denken an sich entgegenarbeiteten. Sowohl analytische als auch normative Kritik geht gewöhnlich von kategorialen Unterscheidungen aus. Zweifel an den zugrundeliegenden Kategorien können das Üben von Kritik erschweren. Wer den Blick konsequent auf Gemeinschaften, Artgenossenschaften, Konvivialität und dergleichen richte, könne leicht die Aufmerksamkeit dafür verlieren, dass Beziehungen auch Distanznahme, Entfremdung und Trennung beinhalten.[120] Um Phänomene wie die Ausbeutung oder die Zerstörung von Natur analytisch beschreiben und politisch kritisieren zu können, hat der Anglist Greg Ellermann die Forschung jüngst aufgefordert, zu einem romantischen Ideal von Natur zurückzukehren – obwohl sie wisse, dass sich dieses Ideal aus Mythen, Sehnsüchten und Illusionen speise.[121]Auch der Humangeograph Andreas Malm wirft relationalen Ansätzen vor, ihre Emphase, Menschen als Teil der Natur aufzufassen, schränke den Möglichkeitsraum für Kritik an der Herrschaft von Menschen über Natur ein.[122]

In der Auseinandersetzung hallen manche Konflikte aus den Gender Studies nach, wo unter anderem kontrovers diskutiert wird, ob die Kritik an den Kategorien „Mann“ und „Frau“ und deren Vorherrschaft gegenüber nichtbinären Geschlechterentwürfen die Kritik an der Vorherrschaft von Männern gegenüber Frauen obstruiere. Diskursive Verschränkungen zwischen den More-than-Human Studies und Gender Studies überraschen in Anbetracht des starken Einflusses feministischer Theorien auf beide Felder wenig. Einen Reibungspunkt bildet indes die für die Gender Studies konstitutive Unterscheidung zwischen biologischem und sozialem Geschlecht (Gender), in der sich die seitens der More-than-Human Studies problematisierte Trennung von Natur und Kultur festschreibt.[123]

Gegen die Vorwürfe von Verantwortungsverschleierung und Kritikunfähigkeit lässt sich einwenden, dass Vertreterinnen und Vertreter relationaler Ansätze wie O’Gorman, Tsing oder van Dooren ihre Denkhaltung aus einer reflektierten Positionierung zur Mitverantwortlichkeit der Forschung für den Erhalt des Lebens ableiten. Haraway betrachtet die Einsicht in die existenzielle Abhängigkeit des Menschen von Beziehungen und dem Miteinander-Werden mit nichtmenschlichen Lebewesen als Bedingung dafür, einen verantwortlichen und sorgsamen Umgang mit den lebensermöglichenden Systemen des Planeten zu kultivieren. So gewendet bleibt Verantwortung auch in relationalen und posthumanistischen Ansätzen als zentrale Kategorie erhalten, erscheint aber gewöhnlich nicht im Modus von Schuldzuweisung.[124]

Mit aktivistischer Emphase argumentiert auch der Historiker und Politikwissenschaftler Achille Mbembe, dass die „menschengemachten massiven und beschleunigten Veränderungen des Klimas, der Oberflächen, der Ozeane und der Biosphäre des Planeten“ ein Umdenken in allen Bereichen verlangten, auch in der Geschichtsforschung. Weil die Kausalketten des massenhaften Artensterbens die Existenzbedingungen vieler weiterer Tier- und Pflanzenarten und letztlich der Menschheit bedrohten, gelte es, auf Menschen verengte Problemauffassungen aufzugeben und Geschichte konsequent als verflochtene Vergangenheit von menschlichen und nichtmenschlichen Lebewesen neu zu denken. Eine nach dem Prinzip von „radikalem Teilen und universeller Inklusion“ erneuerte Geschichtsforschung könne dazu beitragen, die Geschicke des Planeten in ideeller Gemeinschaft mit nichtmenschlichen Lebewesen verantwortlich zu gestalten.[125]

Wie Mbembe argumentieren viele Vertreterinnen und Vertreter relationaler Ansätze dezidiert kapitalismuskritisch, folgen dabei aber nur in Teilen marxistischen beziehungsweise neomarxistischen Ansätzen, wie sie Malm oder Moore vertreten. Letztere müssen sich im Übrigen die Frage gefallen lassen, ob ihr Vorwurf nicht auf sie selbst zurückfällt: Schon Marx hat die Handlungsverantwortung für kapitalistische Missstände wie Ausbeutung, Ungleichheit oder wiederkehrende Wirtschaftskrisen ja nicht individuellen Personen oder Gruppen zugeschrieben, sondern ausdrücklich betont, dass deren Handeln systemischen Zwängen unterliege.[126] Auch in marxistischer Perspektive diffundiert Verantwortlichkeit also in abstrakte Zusammenhänge.

Weitere Felder von Reibungen und Kontroversen ließen sich ergänzen. So fordern viele Fragen und Themen der mehr als menschlichen Geschichte dazu heraus, von Menschen hinterlassene Quellen wie Schriften, Bauwerke oder Alltagsgegenstände mit nichtmenschlichen Überresten wie Knochenfunden, Muschelschalen oder etwa in Sedimenten abgelagerten Pollen in Beziehung zu setzen. Eine Hinwendung zu dem so verstandenen natürlichen beziehungsweise biotischen Archiv[127] eröffnet die Chance, ein Stück weit die Unwuchten klassischer Archive auszugleichen, in denen unter anderem staatliche gegenüber nichtstaatlichen, schriftliche gegenüber nichtschriftlichen und männliche gegenüber weiblichen Überlieferungen überwiegen.[128] Allerdings wirft auch das natürliche Archiv wissenschaftspolitische und -ethische Herausforderungen auf, sei es beispielsweise im Hinblick auf die Beschädigung von Korallenriffen zur wissenschaftlichen Informationsgewinnung oder in Fällen, in denen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus westlichen Ländern biologische Informationsquellen aus dem globalen Süden zunutze machen, ohne die dort lebenden Gesellschaften partnerschaftlich einzubeziehen.

Überdies führt die Zusammenschau von Quellen des klassischen und des natürlichen Archivs etwa im Rahmen von Multi-Proxy-Ansätzen Historikerinnen und Historiker an die Grenzen ihrer methodischen Kompetenzen und darüber hinaus – eine Herausforderung, die die mehr als menschliche Geschichte unter anderem mit Forschungen zur Klimageschichte verbindet.[129] Indem die mehr als menschliche Geschichte die althergebrachte Unterscheidung zwischen Geschichte als Gegenstand der Historiographie und Naturgeschichte als Gegenstand von Geologie, Paläontologie, Evolutionsbiologie und anderen Wissenschaften infragestellt, provoziert sie Konflikte um die Konfiguration des disziplinären Gefüges und um akademische Ausbildungswege.

 

7. Die Landschaft der Veröffentlichungsorgane

Welche Veröffentlichungsorgane bieten Raum für Beiträge zur mehr als menschlichen Geschichte und zu den Debatten darüber? Neben zahlreichen Buchreihen und Zeitschriften zur Umweltgeschichte und den Environmental Humanities haben sich inzwischen auch solche etabliert, die sich dezidiert auf das Forschungsfeld der More-than-Human Studies ausrichten. Seit 2005 erscheint im damals niederländischen, 2024 von Walter de Gruyter aus Berlin übernommenen Wissenschaftsverlag Brill die Reihe „Human-Animal Studies“, die auch historische Untersuchungen veröffentlicht. Die University of Washington Press verlegt seit 2006 die Reihe „Culture, Place, and Nature“, die den Schwerpunkt auf anthropologische Untersuchungen legt, aber auch historische Veröffentlichungen beinhaltet.[130] Mit einem Fokus auf Multispezies-Beziehungen erscheint im US-amerikanischen Verlag Berghahn Books seit 2017 die Reihe „Interspecies Encounters“, deren bislang erschienenen Titel die kategorialen Unterscheidungen zwischen Jäger- und Hirtengesellschaften, zwischen wilden und domestizierten Tieren oder etwa zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Verwandtschaften problematisieren.[131] Die Penn State University Press verlegt seit 2017 die Reihe „Animal Studies“, während der Londoner Verlag Routledge seit 2017 die Reihe „Human-Animal Studies“ und seit 2024 außerdem die Reihe „More Than Human Humanities“ aufbaut. Springer Nature verlegt seit 2019 in der Reihe „Cultural Animal Studies“ deutsch-, englisch- und französischsprachige Titel. Zu nennen ist darüber hinaus der in London ansässige Verlag Reaktion Books, der gleich drei für die mehr als menschliche Geschichte relevante Reihen etabliert hat: „Animal“, „Botanical“ und „Earth“.

Im deutschsprachigen Raum hat der Verlag Matthes & Seitz seit 2013 die von der Schriftstellerin Judith Schalansky herausgegebene Reihe „Naturkunden“ etabliert, die in der anglophon geprägten Tradition des Nature Writing steht. Von 2018 bis 2023 hat Matthes & Seitz außerdem die Zeitschrift „Dritte Natur: Technik Kapital Umwelt“ verlegt. Einen Veröffentlichungsschwerpunkt über Mensch-Tier-Beziehungen hat außerdem der Verlag Neofelis aufgebaut, in dem auch die von der Kunsthistorikerin Jessica Ullrich herausgegebene Zeitschrift „Tierstudien“ erscheint. Möglichkeiten für die Veröffentlichung von Beiträgen zur mehr als menschlichen Geschichte bietet schließlich auch die Zeitschrift „NTM - Zeitschrift für Geschichte der Wissenschaften, Technik und Medizin“.

 

8. Ausblick: Geschichte in Zeiten des Aussterbens

Wo also steht die mehr als menschliche Geschichte in der Landschaft historiographischer Zugänge, Forschungsfelder und Debatten? Die Zusammenschau auf die hier dargestellten Dynamiken zeigt: Sie steht nicht, sondern bewegt sich. Und weil das Infragestellen gedachter Grenzen zum programmatischen Kern der mehr als menschlichen Geschichte zählt, wird sich ihr Ort wohl auch zukünftig nicht scharf konturieren lassen. Auf neue Meistererzählungen oder Großsynthesen laufen die vorgestellten Arbeiten nicht zu; eher positioniert sich die mehr als menschliche Geschichte diesen gegenüber als kritisches Korrektiv. Im Verhältnis zur Umweltgeschichte gibt es sowohl Schnittfelder als auch Reibungsflächen, ebenso zur Anthropozänforschung.[132] Letztere sollte, wie gezeigt, nicht als Rahmen oder Überbau der mehr als menschlichen Geschichte missverstanden werden, denn der Ansatz braucht den Anthropozän-Begriff nicht notwendig.

Anschlussmöglichkeiten für die mehr als menschliche Geschichte bietet auch das inter- und transdisziplinäre Forschungsfeld der Environmental Humanities. Dort werden Themen wie Klimaveränderungen, Artensterben oder Nachhaltigkeit, die lange zuvorderst in naturwissenschaftlichen und technischen Disziplinen beheimatet waren, in geisteswissenschaftlichen Hinsichten untersucht.[133] Die Einordnung in die Humanities (engl. für Geisteswissenschaften) birgt allerdings Potenzial für Spannungen, zielt die mehr als menschliche Geschichte doch auf deren Neuausrichtung als Posthumanities ab.[134] Im deutschsprachigen Diskurs stellt sich diese Zuordnungsfrage in einer anderen Variante, laden die Perspektiven der mehr als menschliche Geschichte doch dazu ein, den Ansatz als eine mögliche Erweiterung der Lebenswissenschaften zu diskutieren. Das Diktum Ciceros von der Geschichte als Lehrmeisterin des Lebens (historia magistra vitae) würde sich gewissermaßen umkehren, das Leben zum Lehrmeister der Geschichte avancieren (vita magistra historiae).

So oder so spricht vieles dafür, dass die Perspektiven und Impulse der mehr als menschlichen Geschichte an Gewicht gewinnen werden. So lenken die sich häufenden Bedrohungen durch Zoonosen wie jüngst COVID-19 oder die Affenpocken die Aufmerksamkeit von Öffentlichkeiten und Politik auf die enge Verflochtenheit menschlicher und tierlicher Räume. Die Auseinandersetzung mit den biophysikalischen Veränderungen des Erdsystems verlängern sich angesichts der in immer höherer Schlagzahl auftretenden Naturkatastrophen wie Überschwemmungen, Dürren oder Hitzewellen (ich schreibe dies am 27. Juni 2026 in Frankfurt am Main, während mit 41,2 Grad die höchste jemals hier gemessene Temperatur registriert wird) von Fachkreisen in gewöhnliche Haushalte.

Die rasanten Entwicklungen im Feld der künstlichen Intelligenz stellen die Unterscheidbarkeit von Menschen und maschinellen Simulationen infrage, sei es im Hinblick auf Bilder, Texte, Stimmen, Emotionen, Bewusstsein oder Entscheidungen. Überdies machen medizinische Neuerungen im Schnittfeld von Natur und Technik wie Stammzelltherapien, Transplantationen von tierlichen Organen auf Menschen oder gentechnisch veränderte Impfstoffe die Beschäftigung mit der Abgrenzbarkeit des Menschlichen von dem, was nicht Mensch ist, zu einer persönlichen Angelegenheit, die sich Tag für Tag etwa in Patientenverfügungen oder Organspende-Ausweisen manifestiert. In Anbetracht all dessen wundert es nicht, dass aktuell vor allem jüngere Historikerinnen und Historiker die mehr als menschliche Geschichte profilieren. Generell stoßen relationale Ansätze heute auf breitere Akzeptanz als noch in der Generation von Haraway und Latour, die lange aus Außenseiterpositionen argumentiert haben und von vielen als akademische Enfants terribles wahrgenommen worden sind.

Die weiterhin ungebrochene Verschärfung der planetaren Notlage lässt erwarten, dass kommende Generationen das historische Geschehen weit stärker auf seine Folgen für das Erdsystem befragen und bewerten werden als frühere. Bei den gegenwärtigen „Catastrophic Times“ handelt es sich der Philosophin und Historikerin Isabelle Stengers zufolge nicht um eine Krise – denn das wäre ein Ausnahmezustand, der früher oder später wieder in einen (veränderten) Normalzustand überginge. Doch weil viele planetare Belastbarkeitsgrenzen bereits überschritten worden sind, ist eine solche Rückkehr zur Normalität im Sinne stabiler Lebensbedingungen nicht mehr möglich.[135]

Aus dieser Einsicht leitet der Historiker John McNeill die Annahme ab, dass die Frage, wie es dazu kommen konnte, in künftigen Bilanzen des 20. Jahrhunderts „wichtiger als der Zweite Weltkrieg, das kommunistische Experiment, das Aufkommen der Massenalphabetisierung, die Verbreitung der Demokratie oder die zunehmende Emanzipation von Frauen“ sein wird.[136] Noch weiter geht der britische Historiker Gregory Claeys: Im Angesicht der Katastrophe sei jede Forschung, die nicht die planetare Notlage thematisiert, von nun an irrelevant, so sein Verdikt.[137]

Aus den Positionierungen von McNeill und Claeys spricht ein Wissenschaftsverständnis, das Forschung in einer Verantwortung zum Anstoßen von Veränderungen sieht. Man kann, muss aber keinem öko-aktivistischen Verständnis von Geschichtsschreibung anhängen, um den Standpunkt zu teilen, dass die gegenwärtige Transformation des Erdsystems, wie sie sich in vergleichbaren Tragweiten nur in Abständen von Jahrmillionen zugetragen hat, auch Konsequenzen für die Geschichtskultur und die Geschichtswissenschaft haben wird. Die Historiker Marek Tamm and Zoltán Boldizsár Simon betrachten die mehr als menschliche Geschichte als einen Aufschlag für eine Erneuerung der Geschichtsphilosophie nach der Maßgabe, die Geschichtswissenschaft zu einem angemessenen Umgang mit dieser neuen historischen Situation zu ertüchtigen.[138]

Indes sind die gesellschaftlichen Interessen an Geschichte zu vielfältig, als dass historische Untersuchungen künftig allein noch über Themen wie das Aussterben von Arten, den Ausstoß von Treibhausgasen, den Verbrauch von Flächen oder das Erzeugen von Abfällen unternommen werden könnten. Auch wird es wohl weiterhin ein Interesse nach Geschichte in zeitlich und räumlich überschaubaren Beobachtungsmaßstäben geben, also in den Maßstäben menschlicher Erfahrung und nicht allein in geochronologischen Zeitdimensionen. Und gerade solche Geschichten braucht es, um langzeitlich angelegte Großerzählungen über das Anthropozän auch kritisch zu befragen und zu Differenzierungen herauszufordern.

Für die mehr als menschliche Geschichte, die so wenig auf einen thematischen Gegenstandsbereich festgelegt ist wie auf eine Epoche oder Weltregion, könnte sich diese Konstellation als Vorteil erweisen: Der Forschungsansatz ermöglicht es, eine Aufmerksamkeit für die veränderlichen Bedingungen des Lebens und die Beziehungsabhängigkeiten des Menschen auch in klassische Themen beispielsweise der Sozial-, Politik- oder Wirtschaftsgeschichte einzulagern. Die mehr als menschliche Geschichte ist mithin weit mehr als eine bloß thematische Erweiterung der Geschichtsforschung. Letztlich geht es ihr um nicht weniger als darum, so ein Resümee, die bislang in den Humanities positionierte Geschichtswissenschaft als Teil der Posthumanities neu auszurichten, die Vorstellung von einzelnen Menschen als Primärakteuren von Geschichte zu korrigieren und konsentierte Urteile durch das Einbeziehen des Mit- und Gegeneinanders menschlicher und nichtmenschlicher Akteure und Kräfte kritischen Revisionen zu unterziehen. Die ersten Schritte dafür sind getan.

 

Anmerkungen

[1] Bertolt Brecht, Fragen eines lesenden Arbeiters, in: ders., Kalendergeschichten, Hamburg 1953, S. 74. Für Hinweise und Anmerkungen zu diesem Beitrag danke ich Pavla Šimková, Fidan Tülin und der Redaktion von Docupedia-Zeitgeschichte.

[2] Vgl. zum Posthumanismus die klassische Untersuchung von Katherine Hayles, How We Became Posthuman, Chicago/London 1999, sowie für die Abgrenzung gegenüber dem Transhumanismus insb. Cary Wolfe, What Is Posthumanism?, Minneapolis 2010.

[3] Thom Van Dooren/Eben Kirksey/Ursula Münster, Multispecies Studies: Cultivating Arts of Attentiveness, in: Environmental Humanities 8 (2016), S. 2.

[4] Donna J. Haraway, When Species Meet, Minneapolis 2008, S. 6 (im Original: „Beings do not preexist their relatings.“).

[5] Vgl. von ihren jüngeren Arbeiten insb. Donna J. Haraway, The Companion Species Manifesto: Dogs, People, and Significant Otherness, Chicago 2003; dies., Unruhig bleiben: Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän, Frankfurt a.M./New York 2018.

[6] Ulrike Freitag/Achim von Oppen, Translokalität als ein Zugang zur Geschichte globaler Verflechtungen, in: Connections. A Journal for Historians and Area Specialists, 10.06.2005, online https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0168-ssoar-427594 [10.07.2026].

[7] Morten Reitmayer/Christian Marx, Netzwerkansätze in der Geschichtswissenschaft, in: Christian Stegbauer/Roger Häußling (Hrsg.), Handbuch Netzwerkforschung, Wiesbaden 2010, S. 869-880.

[8] Angelika Epple, Relationale Geschichtsschreibung: Gegenstand, Erkenntnisinteresse und Methode globaler und weltregionaler Geschichtsschreibung, in: H-Soz-Kult, 02.11.2017, https://www.hsozkult.de/debate/id/fddebate-132350 [10.07.2026].

[9] John Law, Actor Network Theory and Material Semiotics, in: Bryan S. Turner (Hrsg.), The New Blackwell Companion to Social Theory, Oxford ³2008, S. 141-158, hier S. 141 (im Original: „the enactment of materially and discursively heterogeneous relations that produce and reshuffle all kinds of actors including objects, subjects, human beings, machines, animals, ‘nature,’ ideas, organizations, inequalities, scale and sizes, and geographical arrangements“.), online https://voidnetwork.gr/wp-content/uploads/2016/09/The-Blackwell-Companion-to-Social-Movements-Edited-by-David-A.-Snow-Sarah-A.-Soule-and-Hanspeter-Kriesi.pdf  [10.07.2026].

[10] Donna J. Haraway, Simians, Cyborgs, and Women. The Reinvention of Nature, New York 1991, S. 150.

[11] Maria Gerolemou, Technical Automation in Classical Antiquity, London 2023; dies./Giulia Maria Chesi (Hrsg.), Body Technologies in the Greco-Roman World. Technosôma, Gender and Sex, Liverpool 2023.

[12] Ulrich Beck, Die Metamorphose der Welt, Berlin 2016.

[13] Dipesh Chakrabarty, Das Klima der Geschichte im planetarischen Zeitalter, Berlin 2022; ders., Planetary Humanities: Straddling the Decolonial/Postcolonial Divide, in: Daedalus 151 (2022), H. 3, S. 222-233, online https://direct.mit.edu/daed/article/151/3/222/112686/Planetary-Humanities-Straddling-the-Decolonial; ders., Verändert der Klimawandel die Geschichtsschreibung?, in: Transit 41 (2011), S. 143-163, online https://zeithistorische-forschungen.de/sites/default/files/medien/material/2012-1/Chakrabarty_2011.pdf [beide 10.07.2026].

[14] Ariane Tanner, Anthropozän, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 03.05.2022, http://docupedia.de/zg/Tanner_anthropozaen_v1_de_2022 [10.07.2026].

[15] Melanie Arndt, Umweltgeschichte Version: 3.0. Docupedia-Zeitgeschichte, 10.11.2015, https://docupedia.de/zg/Arndt_umweltgeschichte_v3_de_2015; Mieke Roscher, Human-Animal Studies, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 25.01.2012, http://docupedia.de/zg/Human-Animal_Studies [beide 10.07.2026].

[16] Arthur Davison Ficke, Sonnets of a Portrait-Painter [1914], New York 1922, S. 40.

[17] Charles M. Cooper, The Old Testament in Theology, in: The Lutheran Church Quarterly 20 (1947), H. 2, S. 164-172, hier S. 171.

[18] Gilian R. Evans, Augustine on Evil, Cambridge u.a. 1982, S. 99; John D. Wild, The Rebirth of the Divine, in: William A. Earle/James M. Edie/John D. Wild (Hrsg.), Christianity and Existentialism, Evanston 1963, S. 149-186, hier S. 179.

[19] Susan Stewart, Garden Agon, in: Representations 62 (1998), S. 111-143, hier S. 111.

[20] David Abram, The Spell of the Sensuous: Perception and Language in a More-than-Human World, New York 1996, in deutscher Übersetzung erschienen als ders., Im Bann der sinnlichen Natur. Die Kunst der Wahrnehmung und die mehr-als-menschliche Welt, Klein Jasedow 2012; vgl. auch das Folgebuch: Abram, Becoming Animal: An Earthly Cosmology, New York 2010.

[21] Vgl. auch die Diskussion in Haraway, When Species Meet, S. 3f.; Bruno Latour, To Modernize or Ecologise? That Is the Question, in: Bruce Braun/Noel Castree (Hrsg.), Remaking Reality: Nature at the Millennium, London 1998, S. 221-242, hier S. 235, online https://www.bruno-latour.fr/sites/default/files/73-7TH-CITY-GB.pdf; David L. Schoenbrun/Jennifer L. Johnson, Introduction: Ethnic Formation with Other-Than-Human Beings, in: History in Africa 45 (2018), S. 307-345, hier S. 316, online https://history.northwestern.edu/documents/people/faculty/schoenbrun/schoenbrun-introduction-ethnic-formation.pdf [beide 10.07.2026]; Dooren/Kirksey/Münster, Multispecies Studies, S. 14.

[22] Haraway, Unruhig bleiben.

[23] Abram, Im Bann der sinnlichen Natur, S. 44.

[24] Ebd. S. 270.

[25] Michael Marder, Plant-Thinking: A Philosophy of Vegetal Life, New York 2013; Gary Steiner, Anthropocentrism and its Discontents: The Moral Status of Animals in the History of Western Philosophy, Pittsburgh 2005.

[26] Emanuela Bianchi/Sara Brill/Brooke Holmes (Hrsg.), Antiquities Beyond Humanism, Oxford 2019; Vinzenz Brinkmann (Hrsg.), Maschinenraum der Götter. Wie unsere Zukunft erfunden wurde, Berlin 2023; Guilia Maria Chesi/Francesca Spiegel (Hrsg.), Classical Literature and Posthumanism, London 2020.

[27] Hermann Aubert/Friedrich Wimmer (Hrsg.), Ἀριστοτέλους ἱστοριαι περί ζώων. Aristoteles Thierkunde. Kritisch-berichtigter Text mit deutscher Übersetzung, sachlicher und sprachlicher Erklärung und vollständigem Index, Leipzig 1868.

[28] Anna Novokhatko, Das Anthropozän und posthumane Studien: Menschheit, Geschichte und die Antike neu denken, in: H-Soz-Kult, 30.04.2026, https://www.hsozkult.de/literaturereview/id/fdl-160965 [10.07.2026].

[29] Adrian Franklin, The Separation?, in: ders. (Hrsg.), The Routledge International Handbook of More-than-Human Studies, London/New York 2023, S. 1-28, hier S. 3, 7.

[30] Alfred North Whitehead, The Concept of Nature, Cambridge 1920. Vgl. für eine Wiederentdeckung Whiteheads für die More-than-Human Studies: Isabelle Stengers, Penser avec Whitehead: Une libre et sauvage création de concepts, Montrouge 2002.

[31] Keith Thomas, Man and the Natural World, London 1983.

[32] Franklin, The Separation, S. 5-7.

[33] Ebd., S. 7-22.

[34] Schürmann, Die Verwilderung einer Insel in Zeiten des Aussterbens: Rubondo (Tansania), 1880-1980, Göttingen 2026, S. 221-244.

[35] Shepard Krech III, The Ecological Indian: Myth and History, New York 1999.

[36] Lewis Henry Morgan, The American Beaver and his Works, Philadelphia 1868, S. 99 (im Original: „engineering skill“), online https://archive.org/details/americanbeaverhi68morg/mode/2up [10.07.2026].

[37] Ebd. S. 253 (im Original: „fixed relations to each other“).

[38] Ebd. S. v (im Original: „adaptation of the surrounding elements to the condition and wants of the multitude of animal organisms“).

[39] Johann Wolfgang von Goethe, Die Metamorphose der Pflanzen, in: Friedrich Schiller (Hrsg.), Musen-Almanach für das Jahr 1799, Tübingen 1799, S. 17-23, hier S. 22.

[40] Franklin, The Routledge International Handbook of More-than-Human Studies; Andrés Jaque/Marina Otero Verzier/Lucia Pietroiusti (Hrsg.), More-than-Human. A Reader, Rotterdam 2020; Sherryl Vint (Hrsg.), After the Human: Culture, Theory, and Criticism in the 21st Century, Cambridge 2020.

[41] Sarah Whatmore, Hybrid Geographies: Natures, Cultures, Spaces, London/Thousand Oaks 2002; dies., Materialist Returns: Practising Cultural Geography in and for a More-than-human World, in: Cultural Geographies 13 (2006), H. 4, S. 600-609. Für eine kritische Einordnung siehe Castree/Nash, Posthuman Geographies.

[42] Beth Greenhough, More-than-human Geographies, in: Roger Lee u.a. (Hrsg.), The SAGE Handbook of Human Geography, London 2014, S. 94-119; dies., Vitalist Geographies. Life and the More-than-Human, in: Ben Anderson/Paul Harrison (Hrsg.), Taking-Place: Non-Representational Theories and Geography, London 2010, S. 37-54; Jamie Lorimer/Timothy Hodgetts, More-than-Human, London 2024.

[43] Steve Hinchliffe u.a., Urban Wild Things: A Cosmopolitical Experiment, in: Environment and Planning D: Society and Space 23 (2005), H. 5, S. 643-658; Franklin Ginn, Sticky Lives: Slugs, Detachment and More-than-human Ethics in the Garden, in: Transactions of the Institute of British Geographers 39 (2014), S. 532-544; Shaun McKiernan/Lesley Instone, From Pest to Partner: Rethinking the Australian White Ibis in the More-than-human City, in: Cultural Geographies 23 (2015), H. 3, S. 475-494; Krithika Srinivasan, Remaking More-than-human Society: Thought Experiments on Street Dogs as „Nature“, in: Transactions of the Institute of British Geographers 44 (2019), H. 2, S. 376-391.

[44] Eben Kirksey/Stefan Helmreich, The Emergence of Multispecies Ethnography, in: Cultural Anthropology 25 (2010), H. 4, S. 545-576, online https://anthropology.mit.edu/files/anthropology/imce/people/papers/helmreich_multispecies_ethnography.pdf [10.07.2026].

[45] Philippe Descola, Par-delà nature et culture, Paris 2005.

[46] Eduardo Kohn, How Forests Think: Towards an Anthropology Beyond the Human, Berkeley 2013.

[47] Tim Ingold, Anthropology beyond Humanity, in: Suomen Antropologi: Journal of the Finnish Anthropological Society 38 (2013), H. 3, S. 5-23; ders., The Perception of the Environment, Essays on Livelihood, Dwelling and Skill, London 2021, online https://anthropological.cloud/wau/wcaa/archive/downloads/wcaa/dejalu/feb_2015/ingold.pdf [10.07.2026].

[48] Sarah Franklin, Biological Relatives: IVF, Stem Cells, and the Future of Kinship, Durham 2013, online https://library.oapen.org/bitstream/handle/20.500.12657/43740/469257.pdf?sequence=1&isAllowed=y [10.07.2026].

[49] Michaela Fenske, Becoming Aware of Insects: Dangers and Endangerments in the Anthropocene, in: Laura Hollsten u.a. (Hrsg.), Human-Bug Encounters in Multispecies Networks, Boston/Leiden 2025, S. 27-46; dies./Martha Norkunas, Experiencing the More-than-Human World in: Narrative Culture 4 (2018), H. 2, S. 105-110; dies., Narrating the Multispecies World. Stories in Times of Crises, Loss, and Hope, Bielefeld 2025, online https://www.transcript-verlag.de/shopMedia/openaccess/pdf/oa9783839470565.pdf [10.07.2026]; Fenske, Der Stich der Biene. Multispecies-Forschung als methodische Herausforderung, in: kuckuck 2 (2017), S. 22-26.

[50] Sven Bergmann, Schleimige Assoziationen im Meer – die Plastisphäre, in: Friederike Gesing u.a. (Hrsg.), NaturenKulturen. Denkräume und Werkzeuge für neue politische Ökologien, Bielefeld 2019, S. 353-384.

[51] Hans P. Hahn, Vom Eigensinn der Dinge. Für eine neue Perspektive auf die Welt des Materiellen, Berlin 2015. Für dahingehende Beiträge aus der Geschichtsforschung siehe das Themenheft „Der Wert der Dinge“: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 13 (2016), H. 3, https://zeithistorische-forschungen.de/3-2016.

[52] Insb. Michel Callon/John Law/Arie Rip (Hrsg.), Mapping the Dynamics of Science and Technology: Sociology of Science in the Real World, London 1986; Bruno Latour, Les microbes. Guerre et paix suivi de Irréductions, Paris 1984; ders., Reassembling the Social: An Introduction to Actor-Network-Theory, Oxford 2005; ders., Science in Action. How to Follow Scientists and Engineers through Society, Cambridge 1988; Steve Woolgar/Bruno Latour, Laboratory Life: The Construction of Scientific Facts, Thousand Oaks 1979.

[53] John Law, Notizen zur Akteur-Netzwerk-Theorie: Ordnung, Strategie und Heterogenität, in: Andréa Belliger/David J. Krieger (Hrsg.), ANThology: Ein einfürendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie, Bielefeld 2006, S. 429-446; ders., Organising Modernity: Social Ordering and Social Theory, Hoboken 1993; Annemarie Mol, The Body Multiple: Ontology in Medical Practice, Durham/London 2002.

[54] Für eine Einordnung der theoretischen Impulse Latours siehe Lars Gertenbach, Entgrenzungen der Soziologie. Bruno Latour und der Konstruktivismus, Weilerswist 2015.

[55] In dieser Zuspitzung vor allem in Bruno Latour, Nous n’avons jamais été modernes. Essai d’anthropologie symétrique, Paris 1991.

[56] Latour, Les microbes.

[57] C. Wright Mills, The Sociological Imagination, New York 1959.

[58] Michel Foucault, Histoire de la sexualité 1: La volonté de savoir, Paris 1976; ders., Il faut défendre la société, Paris 1997; ders., Sécurité, territoire et population, Paris 2004; ders., Naissance de la biopolitique, Paris 2004.

[59] Jane Bennett, Vibrant Matter: A Political Ecology of Things, Durham 2009.

[60] Olli Pyyhtinen, More-than-Human Sociology: A New Sociological Imagination, London 2016.

[61] Für neuere Beiträge zu der Debatte siehe Katharina Hoppe, Mehr-als-menschliche Soziologie: Neue Materialismen und Posthumanismus, in: Heike Delitz/Julian Müller/Robert Seyfert (Hrsg.), Handbuch Theorien der Soziologie, Berlin 2022, S. 1-22; Justus Pötzsch, Die mehr-als-menschliche Gesellschaft: Auf der Suche nach einem neuen Weltverhältnis im Anthropozän, Bielefeld 2025.

[62] Jedediah S. Purdy, After Nature: A Politics for the Anthropocene, Cambridge 2015.

[63] Maria A. Pallante, From Monkey Selfies to Open Source: The Essential Interplay of Creative Culture, Technology, Copyright Office Practice, and the Law, in: Washington Journal of Law, Technology & Arts 12 (2017), H. 2, S. 123-143; Sebnem Susam-Saraeva, Translation Rights of the More-than-human: Thoughts on Whale Bioacoustics, in: Translation Studies 19 (2026), H.1, S. 115-134, online https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/14781700.2026.2628086 [10.07.2026].

[64] Richard White, The Organic Machine, New York 1996, S. ix (im Original: „[W]e cannot understand human history without natural history and we cannot understand natural history without human history“).

[65] Ebd., S. x (im Original: „I mean to do more than write a human history alongside a natural history and call it environmental history. This would be like writing a biography of a wife, placing it alongside the biography of a husband and call it the history of a marriage. I want the history of the relationship itself.“).

[66] Ebd. (im Original: „at once a cultural construct and a set of actual things outside of us and not fully contained by our constructions“).

[67] William Cronon, The Trouble with Wilderness; or, Getting Back to the Wrong Nature, in: ders. (Hrsg.), Uncommon Ground: Rethinking the Human Place in Nature, New York 1995, S. 69-90, hier S. 80f. Vgl. auch die älteren Analysen von Roderick Nash zur Ideengeschichte der „natürlichen Wildnis“ in den Vereinigten Staaten, auf die Cronon mit seinem Beitrag reagiert. Roderick Nash, Wilderness and the American Mind, New Haven 1967.

[68] Cronon, The Trouble with Wilderness.

[69] Emily O’Gorman/Andrea Gaynor, More-Than-Human Histories, in: Environmental History 25 (2020), H. 4, S. 711-735, S. 723, online https://www.journals.uchicago.edu/doi/full/10.1093/envhis/emaa027 [10.07.2026].

[70] Kristin Asdal, The Problematic Nature of Nature: The Post-Constructivist Challenge to Environmental History, in: History & Theory 42 (2003), H. 4, S. 60-74, hier S. 63.

[71] Lorraine Daston/Peter L. Galison, Objectivity, New York 2007.

[72] Zur spannungsvollen Geschichte der Beziehungen zwischen geistes- und naturwissenschaftlichen Ansätzen der Tierforschung im 19. und 20. Jahrhundert siehe Kristian Köchy, Beseelte Tiere. Umwelten und Netzwerke der Tierpsychologie, Berlin 2022.

[73] O’Gorman/Gaynor, More-Than-Human Histories, S. 723.

[74] Arndt, Umweltgeschichte.

[75] Emily O’Gorman, Wetlands in a Dry Land: More-Than-Human Histories of Australia’s Murray-Darling Basin, Seattle 2021.

[76] José Marcelo Marques Ferreira Filho, Human-Insect Relations in Northeast Brazil’s Twentieth-century Sugar Industry, in: Diogo de Carvalho Cabral/André Vasques Vital/Margarita Gascón (Hrsg.), More-Than-Human Histories of Latin America and the Caribbean: Decentring the Human in Environmental History, London 2024, S. 177-204, online https://read.uolpress.co.uk/read/more-than-human-histories-of-latin-america-and-the-caribbean/section/2540a991-3a36-4a80-9c08-b3c048ebc925 [10.07.2026].

[77] Joy L. K. Pachuau/Willem van Schendel, Entangled Lives. Human-Animal-Plant Histories of the Eastern Himalayan Triangle, Cambridge 2022.

[78] Fernand Braudel, La méditerranée et le monde méditerranéen à l’époque de Philippe II, Paris 1949.

[79] Paul S. Sutter, The World with Us: The State of American Environmental History, in: The Journal of American History 100 (2013), H. 1, S. 94-119.

[80] Walter Johnson, On Agency, in: Journal of Social History 37 (2003) H. 1, S. 113-124, online https://glc.yale.edu/sites/default/files/pdf/on_agency_johnson.pdf [10.07.2026].

[81] Karen Barad, Agentieller Realismus. Über die Bedeutung materiell-diskursiver Praktiken, Berlin 2012.

[82] Gesine Krüger/Aline Steinbrecher/Clemens Wischermann, Animate History: Zugänge und Konzepte einer Geschichte zwischen Menschen und Tieren, in: dies. (Hrsg.), Tiere und Geschichte: Konturen einer „Animate History“, Stuttgart 2015, S. 8-33, hier S. 31.

[83] Stacy Alaimo, Bodily Natures: Science, Environment, and the Material Self, Bloomington 2010.

[84] Bennett, Vibrant Matter. Vgl. für eine dahingehende Argumentation an historischen Beispielen: Tony Bennett, The „Shuffle of Things“ and the Distribution of Agency, in: Franklin (Hrsg.), The Routledge International Handbook of More-than-Human Studies, S. 141-57.

[85] Whitney Barlow Robles, On Nonhuman Agency, The Journal of Interdisciplinary History 54 (2024) H. 3, S. 305-321.

[86] Anna Lowenhaupt Tsing, Der Pilz am Ende der Welt. Über das Leben in den Ruinen des Kapitalismus, Berlin 2018.

[87] Thom van Dooren, A World in a Shell: Snail Stories for a Time of Extinctions, Cambridge 2022; ders., Drifting with Snails: Stories from Hawai‘i, in: Kaori Nagai (Hrsg.), Maritime Animals: Ships, Species, Stories, University Park 2023, S. 197-214.

[88] Im deutschsprachigen Raum veröffentlicht vor allem der Berliner Verlag Matthes & Seitz Darstellungen, die sich dem Nature Writing zuordnen lassen. Auch die Bücher des Försters Peter Wohlleben lassen sich in diese Tradition einordnen, vgl. insb. Peter Wohlleben, Das geheime Leben der Bäume, München 2015.

[89] Thom van Dooren, The Wake of Crows: Living and Dying in Shared Worlds, New York 2019.

[90] Derek Lee Nelson/Adam Sundberg, Shipworms and Maritime Ecology in the Age of Sail, in: Nagai (Hrsg.), Maritime Animals, S. 38-55.

[91] Multispecies Editing Collective (Hrsg.), The Troubling Species: Care and Belonging in a Relational World, RCC Perspectives: Transformations in Environment and Society 2017, No. 1, München 2017, online https://www.environmentandsociety.org/perspectives/2017/1/troubling-species-care-and-belonging-relational-world; Thom van Dooren/Eben Kirksey/Ursula Münster, Multispecies Studies: Cultivating Arts of Attentiveness, in: Environmental Humanities 8 (2016), S. 1-23, online https://www.environmentandsociety.org/mml/multispecies-studies-cultivating-arts-attentiveness [beide 10.07.2026].

[92] Schürmann, Die Verwilderung einer Insel in Zeiten des Aussterbens, S. 221-244.

[93] Innocent Dande/Sandra Swart, „Today We Will Milk Dogs!“)’ (Nhasi tinokama imbwa) * – A Socio-political History of African-owned Dogs and the Dog Tax in Southern Rhodesia, c.1900-1950, in: The Journal of Imperial and Commonwealth History 50 (2022), H. 4, S. 672-704; Sandra Swart, Horses in the South African War, c. 1899-1902, in: Society & Animals 18 (2010), H. 4, S. 348-366; dies., Riding High – Horses, Humans and History in South Africa, Johannesburg 2010; dies., Writing Animals into African History, in: Critical African Studies 8 (2016), H. 2, S. 95-108; Mia Uys/Sandra Swart, Big Cat Acts and Big Men: Performing Power and Gender in South Africa’s Circus Industry, c. 1888-1916, in: Early Popular Visual Culture 18 (2020), H. 3, S. 283-304.

[94] Saheed Aderinto, Animality and Colonial Subjecthood in Africa: The Human and Nonhuman Creatures of Nigeria, Athens 2022.

[95] Ebd., S. 3.

[96] Carvalho Cabral/Vasques Vital/Gascón (Hrsg.), More-Than-Human Histories of Latin America and the Caribbean.

[97] Bruno Capilé/Lise Fernanda Sedrez, Water Labour: Urban Metabolism, Energy and Rivers in Nineteenth-century Rio de Janeiro, Brazil, in: Carvalho Cabral/Vasques Vital/Gascón (Hrsg.), More-Than-Human Histories of Latin America and the Caribbean, S. 119-144, online https://uolpress.co.uk/book/more-than-human-histories-of-latin-america-and-the-caribbean/ [10.07.2026].

[98] Luis Alberto Arrioja Díaz Viruell/María Dolores Ramírez Vega, Extreme Weather in New Spain and Guatemala: The Great Drought (1768-1773), in: Carvalho Cabral/Vasques Vital/Gascón (Hrsg.), More-Than-Human Histories of Latin America and the Caribbean, S. 91-118, online https://uolpress.co.uk/book/more-than-human-histories-of-latin-america-and-the-caribbean/ [10.07.2026].

[99] Olivia Arigho-Stiles, „We Are the Air, the Land, the Pampas …“: Campesino Politics and the Other-than-human in Highland Bolivia1970-1990, in: Carvalho Cabral/Vasques Vital/Gascón (Hrsg.), More-Than-Human Histories of Latin America and the Caribbean, S. 205-232, online https://uolpress.co.uk/book/more-than-human-histories-of-latin-america-and-the-caribbean/ [10.07.2026].

[100] Susan Nance/Jennifer Marks (Hrsg.), Bellwether Histories: Animals, Humans, and US Environments in Crisis, Seattle 2023.

[101] Jeniffer Marks, Chicago’s 1872 Equine Influenza Epizootic and the Evolution of Urban Transit Technology, in: Nance/Marks (Hrsg.), Bellwether Histories, S. 46-72.

[102] Jessica Wang, Animals, Infrastructure, and Empire: Insects and Birds as Biological Control Agents in Early Twentieth-Century Hawai‘i, in: Nance/Marks (Hrsg.), Bellwether Histories, S. 130-156.

[103] John M. Kinder, The US Occupation of the Baghdad Zoo, in: Nance/Marks (Hrsg.), Bellwether Histories, S. 206-232.

[104] Kaori Nagai, Rattus-Homo-Machine: Rats as Seafarers in the Nineteenth Century, in: dies. (Hrsg.), Maritime Animals, S. 1-14.

[105] Lea Edgar, „Beloved Member of Our Team“: The Sled Dogs of the St. Roch, in: Nagai (Hrsg.), Maritime Animals, S. 134-155.

[106] Donna Landry, Weapons, Commodities, Subjects: Stories of Horses at Sea, in: Nagai (Hrsg.), Maritime Animals, S. 76-93.

[107] Paul Atkinson, The Ethnographic Imagination: Textual Construction of Reality, London 1990; James Clifford, The Predicament of Culture: Twentieth-Century Ethnography, Literature, and Art, Harvard 1988; James Clifford/George E. Marcus (Hrsg.), Writing Culture: The Poetics and Politics of Ethnography, Berkeley 1986, online https://people.ucsc.edu/~jcliff/PUBS/WritingCulture.pdf [10.07.2026].

[108] Vgl. exemplarisch die klassischen Arbeiten des Kulturanthropologen Renato Rosaldo: Culture and Truth: The Remaking of Social Analysis, Boston 1989; ders., Grief and a Headhunter's Rage: On the Cultural Force of Emotions, in: Edward M. Bruner (Hrsg.), Text, Play, and Story: The Construction and Reconstruction of Self and Society, Washington, D.C. 1984, S. 178-195; ders., Ilongot Headhunting, 1883-1974: A Study in Society and History, Stanford 1980.

[109] Haraway, Unruhig bleiben.

[110] Fenske/Norkunas (Hrsg.), Experiencing the More-than-Human World, S. 105.

[111] Donna J. Haraway, Modest_Witness@Second_Millenium.FemaleMan©_Meets_OncoMouseTM: Feminism and Technoscience, New York 1997.

[112] Michael Taussig, Shamanism, Colonialism, and the Wild Man: A Study in Terror and Healing, Chicago 1987.

[113] Golo Mann, Wallenstein. Sein Leben erzählt von Golo Mann, Frankfurt a.M. 1971.

[114] Klaus Theweleit, Männerphantasien, 2 Bde., Frankfurt a.M. 1977/1978.

[115] Richard Price, First-Time: The Historical Vision of an Afro-American People, Baltimore 1983.

[116] Sven Lindqvist, Nu dog du: Bombernas århundrade, Stockholm 1999.

[117] Nicholson Baker, Menschenrauch: Wie der Zweite Weltkrieg begann und die Zivilisation endete, Reinbek 2009.

[118] Vgl. etwa Nils Güttler, Rezension zu Anna Lowenhaupt Tsing: Der Pilz am Ende der Welt. Über das Leben in den Ruinen des Kapitalismus (2018), in: H-Soz-Kult, 26.03.2019, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-27118 [10.07.2026].

[119] Jason W. Moore, The Capitalocene, Part I: on the Nature and Origins of Our Ecological Crisis, in: Journal of Peasant Studies 44 (2017), S. 594-630, hier S. 598f.

[120] Ginn, Sticky Lives.

[121] Greg Ellermann, Thought’s Wilderness: Romanticism and the Apprehension of Nature, Stanford 2022.

[122] Andreas Malm, The Progress of this Storm: Nature and Society in a Warming World, Brooklyn/London 2018.

[123] Alaimo, Bodily Natures.

[124] Vgl. zur Debatte um die ethische Angemessenheit von Biodekonstruktion auch Vicki Kirby/Astrid Schrader/Eszter Timár, How Do We Do Biodeconstruction?, in: Postmodern Culture 28 (2018), H. 3, https://www.pomoculture.org/2020/10/28/how-do-we-do-biodeconstruction/ [10.07.2026].

[125] Achille Mbembe, Decolonizing Knowledge and the Question of the Archive. Vortragsmanuskript, University of the Witwatersrand/Wits Institute for Social and Economic Research, 2015, online https://wiser.wits.ac.za/system/files/Achille%20Mbembe%20-%20Decolonizing%20Knowledge%20and%20the%20Question%20of%20the%20Archive.pdf [10.07.2026] (im Original: „human-induced massive and accelerated changes to the Earth’s climate, land, oceans and biosphere“ und „radical sharing and universal inclusion“).

[126] Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Oekonomie. Erster Band, Buch I: Der Produktionsprocess des Kapitals, Hamburg 1867.

[127] Felix Schürmann, Rubondo und eine Reise dorthin: Der Feldaufenthalt in der Geschichtswissenschaft – und unter afrikanischen Wildtieren, in: Forschungsschwerpunkt „Tier - Mensch - Gesellschaft“ (Hrsg.), Den Fährten folgen: Methoden interdisziplinärer Tierforschung, Bielefeld 2016, S. 133-153.

[128] Novokhatko, Das Anthropozän und posthumane Studien.

[129] Vgl. etwa Rob Marchant, Climate Change in Eastern Africa, in: Thomas Spear u.a. (Hrsg.), Oxford Research Encyclopedia of African History, Oxford 2021.

[130] Nance/Marks (Hrsg.), Bellwether Histories.

[131] David Arnold, The Tropics and the Traveling Gaze: India, Landscape, and Science, 1800-1856, Washington 2006.

[132] Tanner, Anthropozän.

[133] Emily O’Gorman/Andrea Gaynor, Histories in, of and for More-than-Human Worlds, in: Franklin (Hrsg.), The Routledge International Handbook of More-than-Human Studies, S. 308-321.

[134] Stephen Muecke u.a., Nine Methodological Principles for the Posthumanities, in: Franklin (Hrsg.), The Routledge International Handbook of More-than-Human Studies, S. 361-375.

[135] Isabelle Stengers, In Catastrophic Times: Resisting the Coming Barbarism, Paris 2015, online https://www.openhumanitiespress.org/books/titles/in-catastrophic-times/ [10.07.2026].

[136] Im Original: „In time, I think, this will appear as the most important aspect of twentieth-century history, more so than World War II, the communist enterprise, the rise of mass literacy, the spread of democracy, or the growing emancipation of women.“ John R. McNeill, Something New Under the Sun: An Environmental History of the Twentieth-Century World, New York 2000, S. 4. Für eine historisch langzeitliche Einordnung des Klimawandels siehe Christian Pfister/Heinz Wanner, Klima und Gesellschaft in Europa: Die letzten tausend Jahre, Bern 2021.

[137] Gregory Claeys, Utopianism for a Dying Planet. Life after Consumerism, Princeton 2022, S. 509.

[138] Marek Tamm/Zoltán Boldizsár Simon, More-than-Human History: Philosophy of History at the Time of the Anthropocene, in: Jouni-Matti Kuukkanen (Hrsg.), Philosophy of History. Twenty-First-Century Perspectives, London 2020, S. 198-215.

 

Empfohlene Literatur zum Thema

David Abram, Im Bann der sinnlichen Natur. Die Kunst der Wahrnehmung und die mehr-als-menschliche Welt, Klein Jasedow 2012

Saheed Aderinto, Animality and Colonial Subjecthood in Africa: The Human and Nonhuman Creatures of Nigeria, Athens 2022

Thom van Dooren, A World in a Shell: Snail Stories for a Time of Extinctions, Cambridge 2022

Emily O’Gorman, Wetlands in a Dry Land: More-Than-Human Histories of Australia’s Murray-Darling Basin, Seattle 2021

Emily O’Gorman/Andrea Gaynor, More-Than-Human Histories, in: Environmental History 25 (2020), H. 4, S. 711-735

Joy L. K. Pachuau/Willem van Schendel, Entangled Lives. Human-Animal-Plant Histories of the Eastern Himalayan Triangle, Cambridge 2022

Felix Schürmann, Die Verwilderung einer Insel in Zeiten des Aussterbens: Rubondo (Tansania), 1880-1980, Göttingen 2026

Sandra Swart, Riding High – Horses, Humans and History in South Africa, Johannesburg 2010

Anna Lowenhaupt Tsing, Der Pilz am Ende der Welt. Über das Leben in den Ruinen des Kapitalismus, Berlin 2018