Besatzungsgesellschaften

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Die Besatzung großer Teile Europas in den Jahren des Zweiten Weltkriegs stellte einen tiefgreifenden, häufig krisenhaften Einschnitt in die Normalitätsverhältnisse von 200 Millionen betroffenen Menschen dar. Dennoch hat Besatzung als Erfahrungsgeschichte bisher einen eher geringen Widerhall in der Forschung gefunden, zumal in europäisch-vergleichender Perspektive. Tatjana Tönsmeyer beleuchtet mit „Widerstand und Kollaboration“ sowie der jüngeren Holocaustforschung zwei einschlägige Interpretationszusammenhänge, bevor sie mit dem Begriff der Besatzungsgesellschaften ein eigenes konzeptionelles Angebot formuliert. Besonderes Augenmerk gilt dabei den Akteur/innen sowie ihren Handlungsoptionen in Interaktion mit den Besatzern.
Besatzungsgesellschaften.
Begriffliche und konzeptionelle Überlegungen zur Erfahrungsgeschichte des Alltags unter deutscher Besatzung im Zweiten Weltkrieg

von Tatjana Tönsmeyer

Als das Deutsche Reich am 8. Mai 1945 kapitulierte, waren in Europa Schätzungen zufolge 36,5 Millionen Tote aufgrund von direkten Kriegseinwirkungen zu beklagen, wobei mehr als die Hälfte, mindestens 19 Millionen, Zivilist/innen waren, darunter auch die sechs Millionen Opfer der Shoah. Der Kontinent lag buchstäblich in Schutt und Asche; allein in der Sowjetunion waren 25 Millionen Menschen obdachlos.[1] Außerdem hatten mehr als 10 Millionen Menschen für die deutsche Kriegswirtschaft Zwangsarbeit leisten müssen.[2] Selbst die, die überlebt hatten und von Zwangsarbeit verschont geblieben waren, hatten vielfach Jahre katastrophaler Versorgung und existenziellen Mangels erlebt.[3] Was die aggregierten Zahlen verdecken: Jede/r Überlebende hatte eine persönliche Geschichte aus den Besatzungsjahren zu erzählen – und sie handelten fast alle von Leid und Schmerz infolge von Ausbeutung und Verfolgung, von Gewalt, Demütigung, Angst und Verlust.

Angesichts der Tatsache, dass die deutsche Okkupation einen tiefgreifenden, nicht selten krisenhaften Einschnitt in die Normalitätsverhältnisse von 200 Millionen Menschen zwischen Tromsø und Heraklion sowie Smolensk und Bordeaux bedeutete, ist es bemerkenswert, dass Besatzung als Erfahrungsgeschichte einen geringeren Widerhall in der Forschung gefunden hat als der erinnerungskulturelle Umgang mit dem Zweiten Weltkrieg oder die häufig auf deutsche Akteure[4] abhebende Geschichte der institutionellen und politischen Besatzungsstrukturen.

Zurückzuführen ist dies nicht zuletzt auf die Begriffe und Konzepte, die die einschlägige Forschung strukturieren. Der Beitrag nimmt daher seinen Ausgangspunkt bei gängigen Interpretamenten und zeigt, dass „Widerstand und Kollaboration” eher als Begriffe der gesellschaftlichen Selbstbeschreibung zu verstehen sind, während die Figur des bystander angesichts der dem Begriff eingeschriebenen Passivität auch in der Holocaust-Forschung zunehmend nachdenklich reflektiert wird. Für die Vielfalt wie auch die Wucht von Besatzungserfahrungen, die alle Bereiche des täglichen Lebens betraf, braucht es daher andere konzeptionelle Zugänge. Denn: Unter Besatzung wurden grundsätzlich alle Menschen der okkupierten Länder nach den rassistischen und utilitaristischen Kriterien der deutschen Besatzer hierarchisiert, während zugleich bereits vorhandene soziale, ethnische, religiöse oder politische Gegensätze fortbestanden und neue, durch die Besatzung ausgelöste, hinzutraten. Besetzte Gesellschaften zwischen 1939 und 1945 waren somit Gesellschaften, in denen sich spezifische Dynamiken entwickelten, weil ihre Mitglieder in verschiedener Hinsicht unter enormem Druck standen, emotional wie sozial, aber auch im Hinblick auf ihre Geschlechterordnungen und Orientierungshorizonte, die vielfach ebenso fraglich wie Verhaltensfolgen unabsehbar geworden waren. Besatzung eröffnete für die ihr Unterworfenen ebenso Handlungsoptionen, wie sie Handlungszwänge schuf. Sie ist daher als eigener Erfahrungszusammenhang im Begriff der Besatzungsgesellschaften konzeptionell zu fassen, da sich mit ihr spezifische Verhaltenslogiken und Handlungsformen einschließlich von Überlebensstrategien unter den Rahmenbedingungen von Gewalt verbinden.


Frühe Sinnstiftungen: Widerstand und Kollaboration

Feierlichkeiten anlässlich von „runden” Jahrestagen wie der 70. Wiederkehr des Kriegsendes in Europa oder der Befreiung von Auschwitz belegen es ebenso wie Umfragen: Die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg und den Völkermord sind trotz der seither vergangenen Zeit nicht verblasst. Vielmehr spielen die Geschehnisse nach wie vor eine wichtige Rolle in den Gedächtniskulturen der europäischen Staaten, ruht doch ihre Identität auf dem Vermächtnis des Zweiten Weltkriegs auf.

Schon die Meistererzählungen der frühen Nachkriegszeit feierten den Sieg über das Deutsche Reich bzw. den Faschismus als (Selbst-)Befreiung; entsprechend spielten bewaffnete Kräfte einschließlich des Widerstands darin eine prominente Rolle.[5] In den 1950er- und 1960er-Jahren erfuhren diese Erzählungen in vielen europäischen Ländern eine integrative Ausgestaltung, indem immer größere Bevölkerungsgruppen in ein identitätsstiftendes Narrativ einbezogen wurden. Gerade dort, wo es an unbelasteten Eliten fehlte, diente die Erinnerung an den Widerstand der Rekonstruktion von nationaler Identität und Einheit, oder, mit Pieter Lagrou gesprochen, der Wiederherstellung der „Legitimität der Mehrheit”.[6] West- und osteuropäische Narrative stimmten darin überein, dass „die Nation” – zum Beispiel die „wahren” Polen, Tschechen, Franzosen, Niederländer – den Besatzern Widerstand geleistet habe.

Ohne Frage kennt dieser Befund nationale Nuancierungen und Varianten. So nutzte in Frankreich Charles de Gaulle die eigene Rolle im Widerstand als zentrale Quelle politischer Legitimität, um sich als Verkörperung von republikanischer Staatsbürgerlichkeit, der Abwehr von fremden Einflüssen und von überzeitlichem Französisch-Sein („la France éternelle”) zu repräsentieren. Diese Ablösung des Widerstandsbegriffs von den historischen Gegebenheiten ermöglichte seine breite Auslegung, sodass sich mit seiner Hilfe und unter Rehabilitierung der Person Pétains auch Kräfte des Vichy-Regimes, denen man nun zugutehielt, im Rahmen ihrer Möglichkeiten ebenfalls gegen die Besatzung opponiert zu haben, in eine Anti-Links-Koalition einbinden ließen. Ausgeschlossen wurde dagegen unter den Vorzeichen des Kalten Kriegs der kommunistische Widerstand.[7] So re-definiert, avancierte die Résistance zum Kern französischer Nachkriegsidentität; ein Phänomen, das Henry Rousso als „Résistancialisme” beschrieben hat.[8]

Auch in Belgien, wo im Kontext der Erinnerung an Krieg und Okkupation die Natur der belgischen politischen Gemeinschaft und der Nation verhandelt wurde, erfolgte schnell die Etablierung eines inkludierenden Narrativs, das Belgien als Gesellschaft des Widerstands beschrieb – getragen von anonymen, disziplinierten Patrioten, deren „leiser” (d. h. nicht-militärischer) und im Kern unpolitischer Heroismus sich in der Unterstützung abgeschossener alliierter Piloten oder in nachrichtendienstlichen Tätigkeiten gezeigt habe.[9] Das niederländische Narrativ wiederum bediente sich national-moralischer Kategorien, die vor allem vom Doyen der niederländischen Weltkriegsgeschichtsschreibung, Louis de Jong, und seinen Mitarbeitern am RIOD, dem Reichsinstitut für Kriegsdokumentation, geprägt wurden.[10] Danach erschienen die Niederlande als zwar kleines, aber „mutiges und standhaftes” Land, das bereit zum Widerstand bzw. im „inneren Widerstand” gewesen sei.[11]

Eine heroische Überhöhung erfuhr der Widerstand in der sowjetischen Erzählung vom Zweiten Weltkrieg. Wurde der Sieg zunächst vor allem den überragenden Führungseigenschaften des „Generalissimus” Stalin zugeschrieben, fußte nach seinem Tod der sowjetische Sieges- und Überlegenheitsmythos auf Repräsentationen des Kriegs als gemeinsamer Anstrengung und herausragender Leistung des Sowjetvolkes.[12] Das polnische Widerstands-Narrativ wiederum findet seine sinnfällige Verkörperung in der Erinnerung an den Warschauer Aufstand.[13] Während im stalinistischen Nachkriegspolen die Tatsache, dass die Rote Armee diesen von der Armia Krajowa getragenen Widerstand gegen die deutschen Besatzer nicht unterstützte, die amtliche Unterdrückung der Erinnerung an ihn zur Folge hatte, beantwortete die antikommunistische Gegenöffentlichkeit spätere Versuche, ihn als „Volkaufstand” zu propagieren, mit Fragen nach der sowjetischen Rolle dabei. Die Besatzungsjahre insgesamt fanden als „Jahre des Sterbens” Eingang ins kollektive Gedächtnis, repräsentiert lange Zeit auch in Auschwitz als einem herausgehobenen Ort polnischen Leidens und erinnert mit Hilfe eines Narrativs von der bedrohten und dennoch unbeugsamen polnischen Nation.[14]

Auch in der Slowakei ist ein Aufstand, der sog. Slowakische Nationalaufstand, zentraler Erinnerungsort. An ihm zeigt sich beispielhaft, wie eine inkludierende Erweiterung des Widerstandsnarrativs in nach-staatssozialistischer Zeit erfolgte: Die Erzählung von der Nation im Widerstand findet seit 1989 ihre Verkörperung nicht mehr nur in den gemeinsam mit der Roten Armee kämpfenden kommunistischen Partisanen, sondern integriert auch nationalslowakische Kräfte sowie jüdische und ausländische Kämpfer, wodurch die Zugehörigkeit zur europäischen „Völkerfamilie” demonstriert werden soll. Dies ermöglicht eine Interpretation des Slowakischen Staates, die ihn auf seine politischen Spitzen reduziert, denen die Verantwortung für die slowakische Beteiligung am Holocaust zugewiesen wird.[15]

Weitere Varianten ließen sich unschwer ergänzen, doch zeigt sich als gemeinsamer Befund bei allen Variationen in Ausgestaltung und Instrumentalisierungszusammenhang, dass die inkludierenden Erzählungen vom Widerstand der Nation gegen die deutschen Besatzer zu den identitätsstiftenden Narrativen im Nachkriegseuropa gehör(t)en, in die immer größere Bevölkerungsgruppen einbezogen wurden. Damit einher ging unter dem Vorzeichen des Kalten Kriegs ein stillschweigender Ausschluss des kommunistischen sowie im staatssozialistischen Europa des bürgerlichen, national(istisch)en wie auch jüdischen Widerstands. Diese „patriotischen” Narrative wurden, beginnend in den 1970er-Jahren und verstärkt seit 1989/90, in Frage gestellt und von einer „Völkermord-Erinnerung” abgelöst, deren moralische Setzungen Ergebnis transnational geführter Debatten über die Vergangenheit im Namen ethisch-universeller Werte waren.[16]

Von der jüngeren Holocaust-Forschung wird weiter unten noch zu reden sein. An dieser Stelle gilt es zunächst festzuhalten, dass die Erzählungen vom Widerstand als Antipoden den Begriff der „Kollaboration” mit sich führen. So groß die Wertschätzung des Widerstands und damit einhergehend die Betonung der Einheit der „wahren” Nation war, so geschlossen zeigten sich die Nachkriegsgesellschaften in der Ablehnung und Verurteilung jener, denen sie unterstellten, als „Kollaborateure”[17] die Einheit der Nation durch Zusammenarbeit mit den deutschen Besatzern verraten zu haben.

Auch dieser allgemeine Befund weist, wie zuvor das Widerstandsnarrativ, in europäischer Perspektive Varianten auf. So stand in der Sowjetunion jeder überlebte längerfristige Kontakt mit der deutschen Seite, einschließlich demjenigen von Zwangsarbeiter/innen und Kriegsgefangenen, unter dem Verdacht der Kollaboration und zog vielfach die Verhaftung durch den NKVD sowie Gerichtsverfahren und drakonische Strafen nach sich.[18] Auch in den anderen Ländern wurden in einer „heißen Phase” zu Kriegsende und in der unmittelbaren Nachkriegszeit die Spitzen der „Kollaborationsregierungen” als sog. Quislinge[19] in Retributionsprozessen abgeurteilt.[20] Weit verbreitet war ferner, dass Frauen der „horizontalen Kollaboration” beschuldigt, geschlagen und durch Scheren ihrer Haare öffentlich gedemütigt wurden.[21] Die Verurteilungen gingen fallweise mit der Beschlagnahmung von Besitz, der Reduktion von Lebensmittelzuteilungen, der Verweigerung eines „Zertifikats nationaler Zuverlässigkeit” oder dem Entzug des Wahlrechts wegen „Unwürdigkeit” einher.[22] In der Summe zeigt sich, dass mit der Wiederherstellung der „Legitimität der Mehrheit” Gesellschafts- und Geschlechterordnungen (re-)etabliert wurden.

Der Begriff der Kollaboration erweist sich dabei auch dort, wo er im Rahmen von rechtsstaatlich intendierten Verfahren verwendet wurde, als konstruiert.[23] Dies gilt umso stärker für das östliche Europa. So musste sich eine große Zahl von Parteimitgliedern, die nicht evakuiert worden,[24] sondern auf besetztem Territorium verblieben war, in der befreiten Sowjetunion einer internen Prüfung durch lokale Parteistellen unterziehen. Auch wenn nicht alle, die als belastet galten, aus Gründen der Personalknappheit ihre Positionen verloren, galten sie doch als unzuverlässig und standen unter verstärkter Überwachung. Eine andere Gruppe hatte die Lokalpresse im Blick: Sie stellte männlichen Helden schwache und treulose Frauen gegenüber, die im (sexuellen) Kontakt mit den deutschen Besatzern ihre Ehre verloren hatten. Zwar zeigen Eingaben an die Parteiorgane aus dieser Zeit, dass ein Großteil der Bevölkerung sehr wohl um die Grautöne zwischen „Verrat” bzw. „Kollaboration” und „Loyalität” wusste,[25] doch wurden diese Zwischentöne schon bald vom eingangs geschilderten Sieges- und Überlegenheitsmythos überdeckt und waren individuell kaum mehr zu artikulieren.

Dies geschah in Ansätzen nurmehr in der Belletristik. So lässt Konstantin Simonov, der wohl bekannteste und am meisten gelesene sowjetische Kriegsberichterstatter, seine Heldin Sofia Leonidovna sich in der gleichnamigen Erzählung über eine Nachbarin echauffieren: „Dass sie arbeitet [als Schreibkraft in der Stadtverwaltung, lies: wo sie Kontakte zu Kollaborateuren hatte, T.T.], ist ja verständlich, schließlich muss sie die Kinder durchfüttern, aber warum denn ewig jammern? […] Immer klagt sie: ‚Das ist doch entsetzlich, ich eine frühere Komsomolzin, und erst mein Mann, er ist doch Politleiter, was soll er von mir denken, wenn er [von der Front] zurückkommt?'”, um sie gleich im Anschluss daran kategorisch erklären zu lassen: „Wenn er kein Esel ist, dann muss er sich denken können, dass sie drei Kinder zu füttern hatte, oder er hätte eben nicht zurückweichen sollen – eins von beiden.”[26] Da das Regime aber die Versorgung von Kindern nicht als Rechtfertigung akzeptierte, reagiert die Figur, die in der Novelle den prosowjetischen Widerstand verkörpert (eine junge Frau namens Masha), befremdet. Vor Ablehnung oder Verurteilung schützt Simonov seine Sofia, indem er sie als Wiedergängerin des Fürsten Bolkonski aus Leo Tolstois „Krieg und Frieden”, der im Kampf gegen Napoleon fällt, inszeniert.[27] So, wie die Franzosen für Bolkonski Feinde und Verbrecher waren, sind es die Deutschen für Sofia Leonidovna. Daher unterstützt sie den Widerstand und stellt sich sehenden Auges Verhaftung und Folter, um Masha die Flucht zu ermöglichen. Diese bleibt die sowjetische positive Heldin, aber en passant flicht Simonov Aspekte der Lebenswirklichkeit jener Menschen ein, die nicht willens waren, das eigene Leben zu opfern. Er öffnet dadurch kleine Fenster des Sagbaren, ohne die Überzeugung der politischen Führung, wonach die Loyalität der Sowjetbürger dem Staat und nicht ihren Familien zu gehören habe, in Frage zu stellen – die Figur der Nachbarin bleibt negativ konnotiert.

Es würde diesen Beitrag sprengen, einzeln für die besetzten Länder die Konstruktionsmechanismen dessen, was gemeinhin als „Kollaboration” bezeichnet wird, durchzudeklinieren. Festgehalten werden kann aber, dass der Kollaborationsbegriff – jenseits der genauer zu untersuchenden Vielfalt der Interaktionen zwischen Besetzten und Besatzern – die Grenzen jenen gegenüber markiert, die weder in das Widerstandsnarrativ integriert noch stillschweigend aus ihm ausgeschlossen werden können. Damit stellt auch das Reden von der Kollaboration eine Sinnstiftung in identitätsbildender Absicht dar: Separiert wird ein „wir” vom „sie” – das „wir” der vielen, die Widerstand geleistet haben, vom „sie” der wenigen, die zu Verräter/inne/n wurden (und sich deshalb vor Gericht verantworten mussten). Der Kollaborationsbegriff zielt daher auch nicht darauf, Handlungsoptionen und Möglichkeitsräume unter den spezifischen Bedingungen von Besatzung auszuleuchten, sondern er verstellt vielmehr als Teil von sinn- und identitätsstiftenden Narrativen der Nachkriegszeit den Blick auf diese. Anders formuliert: Die Begriffe „Widerstand” und „Kollaboration” sind Begriffe der gesellschaftlichen Selbstbeschreibung. Als solche sind sie nicht dazu entwickelt worden, einen analytischen Beitrag zum Verständnis von besetzten Gesellschaften zu ermöglichen, und verstellen daher auch eher den Blick auf die Vielfalt der Interaktionen zwischen Besetzten und Besatzern sowie den sich daraus ergebenden Verhaltensoptionen in der Realität des Besatzungsalltags.


Anregungen der jüngeren Holocaust-Forschung

Hilfreiche Anregungen für die Beschreibung von Besatzungsgesellschaften unter Einschluss jüdischer Bevölkerungen kommen aus der jüngeren Holocaust-Forschung. Diese ist in den letzten Jahren, zumal mit Blick auf das östliche Europa, fast unübersehbar geworden. Erkennbar ist jedoch, dass die Holocaust-Forschung, die lange durch eine Täter-Opfer-Dichotomie gekennzeichnet war, eine stärkere Kontextualisierung des Verfolgungsgeschehens in seinem gesellschaftlichen Umfeld anstrebt.

Ein früher Impuls dazu ging von Raul Hilberg und dem von ihm verwendeten Begriff des bystanders aus, mit dem er auf die Vielzahl von Akteuren jenseits der unmittelbaren Täter und Opfer hingewiesen hat. Fluchtpunkt des bystander-Begriffs, wie ihn Raul Hilberg und zuvor Michael Marrus verwende(te)n, ist die Frage nach der Hilfeleistung für verfolgte Juden. Entsprechend stehen die Alliierten, die neutralen Staaten oder der Vatikan im Blickpunkt ihres Interesses.[28] Allerdings leidet der Begriff unter einer konzeptionellen Engführung, die er im Rahmen der Holocaust education durch seine moralische Aufladung erfahren hat.[29]

Gleichzeitig trat, je näher die Forschung an die konkreten Orte des Massenmords heranrückte und je unabweisbarer es wurde, dass Krieg und Shoah nicht länger als getrennte Entitäten betrachtet werden können, auch hervor, dass auf den nun stärker ausgeleuchteten Schauplätzen Personen präsent waren, die weder zur Gruppe der deutschen Täter noch der jüdischen Opfer gehörten. Diese verstärkt einzubeziehen, hat Jan T. Gross in seinem vieldiskutierten Buch „Nachbarn” nachdrücklich eingefordert.[30] Mittlerweile liegt eine Reihe von Studien vor, die zeigen, dass Besatzung für die Angehörigen der einheimischen Bevölkerungen Handlungszwänge wie auch neue Handlungsoptionen eröffnete. Dazu gehörte auch die direkte oder indirekte Beteiligung am deutschen Projekt der Ermordung der Juden. Angetrieben von dem Bestreben, sich an jüdischem Besitz zu bereichern, denunzierten Einheimische versteckte Juden und beteiligten sich an regelrechten Jagden auf sie.[31] Lokal vorhandene antijüdische oder antisemitische Stereotype erfuhren dabei unter den Bedingungen von Besatzung und der von ihr freigesetzten Gewalt[32] eine Aktivierung in Form von Verfolgungspraktiken, die für die Opfer fatale Konsequenzen hatten.

Involviert waren lokale Bevölkerungen jedoch auch, wenn es um Identitätszuschreibungen bzw. deren Abwehr ging: In dem Bestreben, den ortsunkundigen Besatzern nicht als Juden zu erscheinen, wurden Kreuze an Haustüren genagelt, um „Juden” deutlich sichtbar von „Nichtjuden” zu scheiden.[33] Andernorts fanden sich auch ukrainische und russische Verwandte deutschstämmiger Familienverbände als „Volksgruppenangehörige” wieder. In der ländlichen Südukraine konnte dies die bevorzugte Versorgung mit Saatgut und landwirtschaftlichem Gerät bedeuten, aber auch die Rekrutierung der Männer als Milizionäre, die als Hilfstruppen bei Massenerschießungen eingesetzt wurden.[34] Die Virulenz autochthoner ethnischer Konflikte hat, wie Omer Bartov betont, in vielen Grenzregionen des östlichen und südöstlichen Europa die von der deutschen Besatzung ins Werk gesetzte Ermordung der Juden zusätzlich dynamisiert.[35]

Zu den Befunden der jüngeren Holocaust-Forschung gehört somit, dass vor allem auf den sogenannten killing fields im Osten Europas neben deutschen Tätern und jüdischen Opfern als „Dritte”[36] Angehörige der lokalen Gesellschaften anwesend waren. Ganz offenkundig waren diese jedoch keine passiven Zuschauer, wie vor allem die jüngere, auch geschlechtergeschichtlich sensible Forschung, die verstärkt auf Formen von agency jenseits der unmittelbaren Macht- und Tötungszusammenhänge abhebt,[37] gezeigt hat. Sogar „Zuschauer” waren keineswegs passiv, sondern signalisierten in der Nähe von Erschießungsorten den Opfern vielfach, dass sie bei einem Fluchtversuch nicht auf Hilfe rechnen konnten.[38]

Insgesamt erforderte die Wucht der Besatzungserfahrungen und das vielfach existenzielle Betroffen-Sein durch Gewalt, aber auch durch Hunger und Mangelversorgung, durch das Auseinanderreißen von Familien und sozialen Netzwerken, den Verlust von Arbeit oder der Wohnung in vielen alltäglichen Situationen ein Sich-Verhalten und Agieren. Da Besatzung außerdem neue Handlungsoptionen eröffnete, greift ein Verständnis dieser lokalen Akteure als passive Zuschauer oder als „Opfer durch Zusehen-Müssen” zu kurz. Als solche sieht Patrick Desbois die Einheimischen, über die er schreibt: „These were people who saw what happened but could do nothing. Powerless people who still ask themselves whether they are guilty or innocent.”[39] Sichtbar wird hier, dass der Opferbegriff selbst historischen Wandlungsprozessen unterliegt.[40]

Besatzungsrealitäten lassen sich somit nur unzureichend in den Kategorien des bystanders oder, wie zuvor gezeigt, von Widerstand und Kollaboration beschreiben, decken sie doch das große Spektrum des besatzungsgeprägten Alltagshandelns von Menschen, die, zumal im östlichen Europa, jederzeit selbst Opfer werden konnten, von denen viele aber auch zu Tätern wurden, nicht ab. Vielmehr muss Besatzung als eigener Erfahrungszusammenhang samt seinen spezifischen Verhaltensformen und Strategien des Überlebens unter den Rahmenbedingungen von Gewalt konzeptionell gefasst werden.


Besatzungsgesellschaften

Der Zweite Weltkrieg, so konstatiert Tony Judt, sei ein „war of occupation”[41] gewesen. Betroffen davon waren nach heutigen Schätzungen 200 Millionen Menschen,[42] die in den Kriegsjahren zwischen Nordnorwegen und Griechenland sowie Russland und dem Westen Frankreichs unter deutscher Besatzung lebten. Auch wenn Besatzung unterschiedliche Ausprägungen haben konnte und es während des Zweiten Weltkriegs sowohl militär- als auch zivilverwaltete, annektierte und unter Protektorat stehende Gebiete gab,[43] gehört zu den Kennzeichen von Okkupation, dass sie stets als Form der kriegsinduzierten Fremdherrschaft zu verstehen ist,[44] die auf Seiten der Besetzten mit einer Entmündigung von Staatlichkeit einhergeht.[45] Ferner ist Besatzung regelmäßig, und so auch im Zweiten Weltkrieg, mit der physischen und/oder regulativen Präsenz der Besatzer verbunden. In deren Folge bildet sich ein relationales, somit nicht statisches, asymmetrisches Verhältnis zwischen Besatzern und besetzten Gesellschaften aus. Angehörige von Besatzungsgesellschaften sind daher in ihren Handlungen und Verhaltensformen vielfach direkt oder indirekt „occupier-driven”[46]. Gerade die deutsche Historiografie, die die Täterforschung zu ihren Domänen zählt, schreibt Besatzungsgeschichte zumeist als Geschichte deutscher Verbrechen. Die Überlebensstrategien der Besetzten, so wird in Polen beobachtet, nehmen demgegenüber einen nachgeordneten Platz ein.[47]

Diesen Befund gilt es stärker zu berücksichtigen, vor allem da Besatzung, wenn auch regional unterschiedlich ausgeprägt, grundsätzlich Konsequenzen für alle Dimensionen des täglichen Lebens hatte. Dazu gehörte neben der Gewalterfahrung die sich überall schnell verschlechternde Versorgungslage, vor allem mit Lebensmitteln, aber auch mit anderen Gütern des täglichen Bedarfs wie Kleidung, Schuhen oder Medikamenten sowie mit Strom, Gas oder Wasser. Hungrige oder hungernde Rumpffamilien fanden sich nicht selten in (teil-)zerstörten Wohnungen wieder, die nicht mehr an eine funktionierende Infrastruktur angeschlossen waren. Zunehmend der Arbeitspflicht unterliegend, gleichzeitig bei Verlust des Arbeitsplatzes von Verschickung zum Arbeitseinsatz im Reich bedroht, mussten gerade Frauen, Kinder und Alte immer weitere Wege zu Fuß zurücklegen, weil der öffentliche Nahverkehr nur noch eingeschränkt fuhr, immer längere Stunden für Lebensmittel anstehen, sich um die Besorgung von Marken kümmern und für eine Vielzahl alltäglicher Belange Bescheinigungen auf Ämtern und deutschen Dienststellen einholen: von Kleiderkarten und Umzugsberechtigungen bis hin zu Zulassungskarten, die zum Kauf einer Fahrkarte berechtigten, und Passierscheinen.[48] Viele der Praktiken zur Befriedigung alltäglicher Bedürfnisse wurden seitens der Besatzer kriminalisiert, wie etwa das Einkaufen auf Schwarzmärkten oder Reisen ohne die entsprechenden Papiere.

Keine Frage, es machte auch unter diesen Umständen einen Unterschied, ob z.B. der Hunger wie in Teilen der Ukraine Ergebnis der deutschen Hungerstrategie war, Folge von Schifffahrtsbeschränkungen und des schnellen Zusammenbruchs der einheimischen Verwaltung wie in Griechenland oder des Zusammenbruchs von Wirtschaftskreisläufen und umfangreichen Requirierungen wie in Frankreich.[49] Zu den offensichtlichen Unterschieden treten aber gerade auf der Ebene der Erfahrungen und Praktiken auch Gemeinsamkeiten, so die Hungererfahrung selbst, das Angewiesen-Sein auf Schwarzmarkt und Tauschhandel und die Sorge, von einheimischer Polizei oder deutschen Kräften dabei aufgegriffen zu werden.[50] Tatsächlich wird gerade beim Blick auf die Lebensmittelversorgung deutlich, dass unter Besatzung grundsätzlich alle Menschen der okkupierten Länder nach den rassistischen und utilitaristischen Kriterien der deutschen Besatzer kategorisiert und hierarchisiert wurden.[51]

In ähnlicher Weise ließen sich für viele weitere mit der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg einhergehende Erfahrungsdimensionen des Alltags Unterschiede wie auch Ähnlichkeiten ausweisen. Vor diesem Hintergrund ist es im Folgenden auch das Anliegen dieses Beitrags, die polnische Kritik aufzunehmen, wie sie jüngst zum Beispiel Robert Traba formuliert hat,[52] und herauszustellen, dass das Verhalten der Besetzten in seinen Ausprägungen wesentlich vielfältiger war, als dass es sich unter den bisher angebotenen, primär auf Sinnstiftung zielenden Interpretamenten subsumieren ließe. Für die alltäglichen Handlungs- und Erfahrungsdimensionen[53] nichtreichsdeutscher Akteure in Interaktion mit den Besatzern bzw. der Besatzung wird daher hier der bisher nicht konzeptionell gefasste Begriff der Besatzungsgesellschaft(en) vorgeschlagen.

Mit dem Begriff der Kriegsgesellschaft verbindet den Begriff der Besatzungsgesellschaft, dass beide gesellschaftliche Formationen Resultat sozialer, kultureller und politischer Transformationsprozesse der „Friedens”-Gesellschaften waren; aus diesen Transformationsprozessen erwuchsen Konsequenzen für Gewalterfahrungen, Herrschaftsformen, soziale Beziehungen und gesellschaftliche Teilhabe.[54] Während Studien unter dem Leitbegriff der Kriegsgesellschaft sich jedoch vor allem auf Deutschland (und England/Großbritannien) konzentrieren und im Kern danach fragen, was der jeweiligen Gesellschaft die Führung des Kriegs ermöglichte, indem sie Agenturen und Maßnahmen der Bevölkerungsmobilisierung zwecks Krisenbewältigung im Sinne der Kriegsziele und Aufrechterhaltung der Kriegsmoral thematisieren,[55] nimmt der Begriff der Besatzungsgesellschaft die Etablierung einer gewalttätigen Fremdherrschaft zum Ausgangspunkt und fragt nach den damit zusammenhängenden Erfahrungsdimensionen. Überspitzt formuliert: Der Begriff der Kriegsgesellschaft zielt auf die Interaktionen zwischen Bevölkerung und „eigenem” Regime (auch wenn nicht alle hinter dem Regime standen), während der Begriff der Besatzungsgesellschaft auf Interaktionen zwischen einheimischer Bevölkerung und fremder Besatzungsmacht abhebt.[56]

Auch nimmt der Begriff der Besatzungsgesellschaft so, wie er hier entwickelt wird, das Postulat auf, die Geschichte jüdischer Menschen nicht auf eine passive Leidensgeschichte zu reduzieren, sondern sie in die weiteren Geschehnisse zu integrieren,[57] da sie bis zu ihrer Ermordung bzw. zu ihrer Internierung in Lagern ohne Außenkontakte Teil der Besatzungsgesellschaften waren. Fraglos wurden ihre Handlungsoptionen massiv durch die Transformationsprozesse, die mit der Besatzung einhergingen, beschränkt, doch wäre ein Überleben ohne eigenes Handeln gerade unter diesen Rahmenbedingungen nicht möglich gewesen.

Besatzungsgesellschaften sind ferner gegenüber der Mehrzahl von friedensmäßig verfassten Gesellschaften durch deutliche Abweichungen in ihrer Geschlechter- und Generationenzusammensetzung gekennzeichnet: Männer, vor allem die der wehrfähigen Jahrgänge, waren einberufen, an der Front, gefallen, in Kriegsgefangenschaft oder zu Arbeitseinsätzen eingezogen. Die lokalen Anwesenheitsgesellschaften bestanden daher in prozentual stärkerem Maße aus Frauen,[58] Kindern, Jugendlichen und alten Menschen als in friedensmäßig verfassten Gesellschaften.[59] Gerade sie sind somit in besonderer Weise als Akteur/innen der Besatzungsgesellschaften anzusprechen.

Wenn weiter oben die Rede davon war, dass Handlungen und Verhaltensformen von Menschen in einem besetzten Land vielfach „occupier-driven” gewesen seien, so ist dabei als driving force ganz wesentlich an die von den Besatzern ausgeübte Gewalt zu denken. Durch diese habe die deutsche Besatzungsherrschaft, so Dieter Pohl, „das Gesicht Europas verändert”.[60] Was für große Gebiete des östlichen und südöstlichen Europa offensichtlich ist, gilt, wenn auch mit Abstrichen, ebenso für viele andere Besatzungsgebiete, wie die hohe Zahl der zivilen Opfer zeigt: Sie übersteigt auch in Griechenland, Frankreich, den Niederlanden, Belgien und Norwegen die Anzahl der militärischen Opfer.[61]

Besatzungsgewalt beschränkte sich außerdem nicht auf Tötungsverbrechen. Vielmehr prägten auch Übergriffe aller Art, die mit Verletzungen, Drohungen, Demütigungen und der Demonstration bewaffneter Übermacht einhergingen, den Alltag unter deutscher Besatzung. So bedrohlich wie demütigend konnten ferner Erfahrungen am Arbeitsplatz sein – nahm Arbeit doch vielerorts immer stärker Zwangscharakter an – oder das Erleben, nach den rassistischen und utilitaristischen Vorstellungen der Besatzer hierarchisiert zu werden, was sich zum Beispiel in gestaffelten Zuteilungen von Lebensmitteln und Heizmaterialien niederschlug.[62]

Angesichts der Gewalt der Besatzer habe es, so Doris Bergen, „no option of non-involvement” gegeben. [63] Die andauernde existenzielle Bedrohung von vertrauten Lebensumständen stellte sich für die Betroffenen daher zumeist als Krise[64] dar: Normalitätsannahmen wurden fraglich, Verhaltenserwartungen und Routinen unsicher, Verlässliches korrodierte, während Empfindungen von Recht- und Schutzlosigkeit sich ausbreiteten. Besatzungsgesellschaften erweisen sich somit als Gesellschaften, deren Ordnungen massiv bedroht sind und die dadurch in erheblichem Maße unter Stress stehen.[65] Wie andere Gesellschaften unter Gewaltbedingungen scheinen auch sie anomisch zu zerfallen, als wären die durch Sitten, Gebräuche und Vorschriften vorgegebenen Regeln des sozialen Handelns außer Kraft gesetzt. Tatsächlich jedoch werden Vertrauen und Misstrauen neu arrangiert, stellen sie doch, so Jan Philipp Reemtsma, „Strategien des Sicheinrichtens im Unübersichtlichen” dar.[66]

Für Besatzungsgesellschaften gilt es daher – mit differenziertem Blick auf ihre verschiedenen Gruppen – über die Auswirkungen des angstvollen Erlebens von Gewaltandrohung und -ausübung weiter nachzudenken und nach den Strategien des (versuchten) Sich-Einrichtens im Unübersichtlichen zu fragen, stellt dies doch eine zentrale Aufgabe der Angehörigen von Besatzungsgesellschaften im Alltag dar. Bei diesen Versuchen kommt sozialen Naheverhältnissen, besonders der Familie und Verwandtschaft, eine herausragende Rolle zu.[67] Wechselseitige Bindungen und über Konventionen gesicherte Verpflichtungen ließen besonders die Familiensolidarität zur „Versicherung auf Gegenseitigkeit in Notzeiten”[68] werden. Sie funktionierte jedoch nicht als abstrakte Norm, sondern musste gelebt werden – bevor die Notsituation eintrat wie auch währenddessen. Auf ihr beruhten nicht nur die Ökonomien des Notbehelfs in den Mangelgebieten oder Versuche, Söhne bei Verwandten zu verstecken, um sie vor einem Arbeitseinsatz im Reich zu bewahren, sondern sie spiegelte sich auch in den Zusammensetzungen von Bunkern wider, in denen Juden hofften, das Kriegsende zu erleben.[69] Familienbasierte Strategien des (versuchten) Sich-Absicherns im Unübersichtlichen konnten ferner auch so aussehen, dass bei mehreren erwachsenen Söhnen einer den einheimischen Polizeikräften beitrat, während sein Bruder sich dem Widerstand anschloss,[70] sodass Kontakte in die einander feindlichen Lager bestanden.

Face-to-face-Beziehungen wie den Familien- und Verwandtschaftsverhältnissen kam unter der Okkupation eine umso größere Bedeutung zu, als überregionale Beziehungen durch die Einschränkung von Mobilität seitens der Besatzer erschwert wurden und sich die besetzten Staaten nur noch bedingt um die Belange ihrer Bürger/innen kümmern konnten. Die Einschränkung der ohnehin unterschiedlich stark ausgeprägten Sozialstaatlichkeit verwies die Angehörigen besetzter Gesellschaften einmal mehr auf familiäre und nachbarschaftliche Solidarstrukturen, zumal Unterstützungsleistungen, etwa für Arbeitslose, an eine Meldung bei den Arbeitsämtern gebunden waren, die eine Verschickung zum Arbeitseinsatz im Reich nach sich ziehen konnte.[71] Familienbasierte Überlebensstrategien und Absicherungsversuche über Verwandtensolidarität stehen somit im Mittelpunkt vieler Neuarrangements von Vertrauen und Misstrauen, gespeist aus der Hoffnung, dass die Familie auch in Krisensituationen Zugehörigkeit und ein Minimum an sozialer Verlässlichkeit generieren könne.

Inwieweit sich diese Strategien, die auf (idealisierten) Normalitätsannahmen beruhten, für Besatzungsgesellschaften, die unter massivem Stress standen, als valide erwiesen, wird die Forschung noch genauer zeigen müssen. Aus Holocaust-Studien wissen wir aber, dass (kleine) Kinder und ihre Mütter die schlechtesten Überlebenschancen hatten, sodass sich Eltern, und offenbar besonders Mütter, vielfach vor unlösbare Entscheidungen im Sinne der choiceless choices gestellt sahen.[72]

Zu den sozialen Nahebeziehungen gehören auch Nachbarschaftsverhältnisse. Nicht nur in ländlichen Regionen, sondern auch im städtischen Umfeld unter weniger begüterten Schichten bildeten sich unter Nachbarn häufig informelle Strukturen mit deutlichem Verpflichtungscharakter zur gegenseitigen Unterstützung aus.[73] Ihre Rolle im Rahmen der unter hohem sozialen Druck stehenden Besatzungsgesellschaften ist noch kaum erforscht, zumal nicht für West- und Nordeuropa. Erste Ergebnisse liegen bisher nur im Kontext der Holocaust-Forschung zum besetzten Polen und den okkupierten Westgebieten der Sowjetunion vor, und hier zeigt sich, dass gerade die jüdische Bevölkerung der ländlichen Regionen vielfach bitter erkennen musste, aus nachbarschaftlichen Zusammenhängen seit der Besatzung ausgeschlossen zu sein. Während Hilfeleistungen in den letzten Jahren zunehmend Berücksichtigung gefunden haben,[74] ist lange nicht gesehen worden, dass „Verstecken” und „Denunzieren” auch aufeinander folgende Formen des Umgangs mit jüdischen Verfolgten darstellen konnten. Tatsächlich ist mittlerweile gut dokumentiert, dass Juden nicht selten von ihren Nachbarn verraten, denunziert und ermordet wurden. Aus den Berichten der Überlebenden spricht daher die große Angst, die sie vor ihren Nachbarn hatten und die vielfach größer war als jene vor „den Deutschen”, weil diese nur selten in abgelegene Dörfer kamen und Juden von Nichtjuden nicht ohne Hilfe unterscheiden konnten.[75] Den örtlichen Bevölkerungen jedoch hatten spätestens die Mordaktionen vom Sommer 1942 vermittelt, dass „die Deutschen” Herren über Leben und Tod waren und ein jüdisches Leben keinen Wert mehr besaß.[76]

Diese „Einsicht” hatte enorme Konsequenzen, wie erste Untersuchungen zu ländlichen Besatzungsräumen belegen: An der von den Besatzern ins Werk gesetzten Jagd nach versteckten Juden beteiligten sich auch Einheimische, was wiederum auch bei denjenigen Angst auslöste, die Juden versteckten, weil immer wieder ganze Familien zusammen mit denen, denen sie Unterschlupf gewährt hatten, von den Dörflern ermordet wurden. Manchmal waren solche Vorfälle Auslöser für weitere Tragödien, wenn Bauern, die bis dahin Juden versteckt hatten, so sehr um ihre eigene Sicherheit fürchteten, dass sie die, denen sie manchmal über Monate Zuflucht gewährt hatten, selbst umbrachten.[77]

Eine Vielzahl solcher Episoden deutet darauf hin, dass nach den dörflichen Logiken das Verstecken von Juden zum Teil als ungerechte Vorteilsnahme bei der Redistribution von jüdischem Besitz verstanden wurde. Dies war in den Augen dörflicher Gemeinschaften umso verwerflicher, als im Falle einer Entdeckung das ganze Dorf in Mitleidenschaft gezogen werden konnte, d. h. auch die, die vom Verstecken nicht profitiert hatten. Dagegen war Empathie mit den Verfolgten, die sich als Hilfe konkretisierte, offenbar eher selten Teil des kommunikativ erzeugten dörflichen Konsenses.[78] Anders formuliert: Verstecken bedeutete in den dörflichen Logiken vielfach eine „Privatisierung” des „Nutzens”, während die gegebenenfalls katastrophalen Folgen von der Gemeinschaft zu tragen waren. Es verletzte daher die Normen des unter Besatzung etablierten Gruppenverhaltens. Wer diese nicht einhielt, lief daher Gefahr, die dörfliche Gemeinschaft gegen sich aufzubringen, was die Anwendung von Gewalt einschließen konnte.[79]

Die den geschilderten Logiken zugrunde liegenden Episoden werfen ein Schlaglicht darauf, was Leben unter Besatzung bedeutete, denn sie illustrieren eindrücklich, dass die Mitglieder von Besatzungsgesellschaften massiv unter Stress standen. Die Ergebnisse aus dem Kontext der Shoah verweisen dabei auf allgemeinere gesellschaftliche Mechanismen und lenken den Blick auf die Vulnerabilität[80] bestimmter Gruppen der Besatzungsgesellschaften. Auch machen sie deutlich, dass die jeweils gefundenen Arrangements von Vertrauen und Misstrauen stets prekär blieben – nicht zuletzt deswegen, weil die locals Besatzungspolitiken nicht steuern konnten, die Okkupation aber für einige neue Optionen eröffnete. Bereicherung an jüdischem Besitz gehörte wesentlich dazu, und so scheint es sinnvoll, Antisemitismus als Set von Praktiken zu untersuchen.[81] Dafür spricht, und dies gilt über den Verfolgungszusammenhang hinaus, dass Menschen, sozialpsychologisch betrachtet, bestrebt sind, ihr Handeln an gesellschaftlichen Settings und gültigen sozialen Normen zu orientieren, sodass sie es situativ als angemessen und sinnvoll begreifen können.[82] Allerdings wurde nicht jede Selbstgefährdung als situativ unangemessen empfunden, wie die Beispiele von Frauen und Kindern auf dem Gebiet der besetzten Sowjetunion zeigen, die in der Nähe der großen Kriegsgefangenenlager versuchten, vom Verhungern bedrohte, inhaftierte Rotarmisten mitzuversorgen. Dahinter stand offenbar die Überzeugung, dass, wenn sich Frauen überall in der besetzten Sowjetunion so verhielten, auch die eigenen Männer, Brüder oder Väter eine Chance auf Heimkehr hätten.[83]

Die Unterschiede im Umgang mit verschiedenen Gruppen von Hilfsbedürftigen harren der weiteren Erforschung. Zu einem genaueren Verständnis dieses Phänomens könnte die Beobachtung beitragen, dass Gruppenmitglieder umso positiver behandelt werden, je expliziter die Grenzen gegenüber Nichtmitgliedern gezogen werden, die in der Konsequenz dieses Mechanismus geringere Chancen auf Empathie und Hilfe haben.[84] Die Ausführungen zu dörflichen Gemeinschaften zeigen, dass dort jene Grenzziehungen, die die Besatzer auf äußerst brutale Weise zwischen „Juden” und „Nichtjuden” (andernorts auch zwischen „Deutschen” und „Nichtdeutschen”) zogen, bestätigt wurden. Für einen Vergleich von Besatzungsgesellschaften in West- und Osteuropa ließe sich daher fragen, ob angesichts unterschiedlicher Gewaltniveaus und vielfach unterschiedlicher Gewaltformen – Nichtjuden in westeuropäischen Ländern mussten z.B. kaum befürchten, zu Opfern antisemitisch motivierter Ausschreitungen zu werden – auch die Ziehung bzw. Bestätigung von Gruppengrenzen, etwa durch dörfliche Gemeinschaften, sich anders als im östlichen Europa darstellte.

Zwei weitere Aspekte gilt es in diesem Zusammenhang zu berücksichtigen: Die Wahrscheinlichkeit, Gefühle der Empathie für andere Personen zu entwickeln, aus denen heraus solidarisches Verhalten erwachsen kann, ist abhängig von deren wahrgenommenen Eigenschaften.[85] Tradierter Antijudaismus und gewalttätiger Antisemitismus ließen daher wenig Empathie und Hilfsbereitschaft gegenüber verfolgten jüdischen Nachbarn entstehen. Auch trug die Selbstperzeption dörflicher Bevölkerungen als „arm”, bei gleichzeitiger Stereotypisierung der Juden als „reich”, dazu bei, dass sich Dörfler, zumeist unter Anleitung oder mit Billigung der örtlichen Honoratioren,[86] gegen die Verfolgten solidarisierten. Sozialpsychologen sprechen in diesem Zusammenhang von relativer Deprivation auf der Basis wahrgenommener Ungerechtigkeit und verstehen darunter ein Gefühl der Unzufriedenheit, das durch den Glauben ausgelöst wird, man selbst schneide, verglichen mit anderen, schlecht ab. Stark ausgeprägt seien diese Gefühle vor allem dann, wenn das gewünschte Ziel nah, der letzte Schritt dorthin aber blockiert erscheine, was Ärger auslöse, der umso größer sei, je näher das Ziel vermeintlich sei.[87] Diese Logik gilt es im Hinblick auf angestrebte Bereicherungen an jüdischem Besitz stärker zu berücksichtigen. Auch lässt sie es angemessen erscheinen, den emotionalen Dispositionen von Besatzungsgesellschaften und ihren Auswirkungen auf konkretes Handeln insgesamt in der weiteren Forschung einen hohen Stellenwert zuzubilligen.

Besatzung als eigenen Erfahrungszusammenhang mit spezifischen Verhaltensformen und Strategien des Überlebens unter den Bedingungen von Gewalt zu konturieren, ist das Anliegen dieses Beitrags. Zu den daraus resultierenden Forschungsfeldern gehören die Versuche des Sich-Einrichtens im Unübersichtlichen unter Rückgriff auf familiäre Netzwerke und Solidarstrukturen oder die Untersuchung von Verhaltensoptionen, die den Akteur/innen unter den Bedingungen von Besatzung situativ angemessen erschienen. Dies schließt auch emotionale Grundierungen von Verhalten sowie die Tatsache ein, dass Handlungsfolgen gegebenenfalls unabsehbar waren, was für ein Verständnis von Besatzungsgesellschaften essenziell ist und sich nicht auf das gegenwärtig im Mittelpunkt der Forschung stehende östliche Europa beschränken lässt.

Zu den Desideraten im Hinblick auf die Erforschung von Besatzungsgesellschaften gehören neben den Auswirkungen auf Sozialbeziehungen, einschließlich des Umgangs mit Gewalterfahrungen, auch Orientierungshorizonte, Sprechweisen und Sagbarkeitsregeln unter Besatzung. Dabei ist zum einen zu bedenken, dass die Entmündigung von Staatlichkeit durch Besatzung häufig mit der Ausbildung hybrider staatlicher Strukturen einherging, die ihren Ausdruck in einheimischen Funktionsträgern, zumal der unteren Verwaltungsebene, fand, die nun einer deutschen Leitung unterstanden. Auch wenn bekannt ist, dass die Zahl der einheimischen Behördenmitarbeiter/innen in die Hunderttausende ging, fehlt es doch noch vielfach an auf Praktiken abhebenden Untersuchungen, die danach fragen, welche Verhaltensoptionen Institutionen hybrider Staatlichkeit Angehörigen von Besatzungsgesellschaften eröffneten und welche Orientierungshorizonte sich darin gegebenenfalls widerspiegelten. Sagbarkeitsregeln wiederum finden ihren Ausdruck auch in Gerüchten, die sich als Ringen „um die richtige Sprache für das Kommende”[88] interpretieren lassen, und in Denunziationen, die eine spezifische Form von Teilhabe an Besatzungsherrschaft darstellen. Insgesamt ist auch die Rolle von Agenturen der lokalen wie überregionalen Sinnstiftung und ihrer Deutungsangebote bisher nur in Ansätzen erforscht, was die Rolle von Kirchen und religiösen Gemeinschaften wie auch nationalen Einheitsorganisationen einschließt.


Fazit

Die vorstehenden Ausführungen wollen keine Theorie der Besatzungsgesellschaft entwerfen. Vielmehr nehmen sie die sich überaus ertragreich entwickelnde Forschung zum Zweiten Weltkrieg und zu den Massenverbrechen zum Ausgangspunkt, um über den Begriff der Besatzungsgesellschaften zu einer Systematisierung der damit verbundenen Erfahrungsdimensionen beizutragen und diese für einen europäischen Vergleich aufzuschließen.

Zum Kern dieses Begriffs gehört, dass er seinen Ausgangspunkt bei Besatzung als Form von kriegsinduzierter Fremdherrschaft nimmt, die mit einer physischen und/oder regulativen Präsenz der Besatzer verbunden ist, sodass Angehörige von Besatzungsgesellschaften in ihren Handlungen und Verhaltensformen vielfach „occupier-driven” sind. Auch bringt Besatzung die Entmündigung von Staatlichkeit mit sich, woraus häufig die Entstehung hybrider staatlicher Strukturen resultiert. Fragen nach dem Verhältnis von Lokalität und Staatlichkeit sind dabei bisher noch wenig diskutiert worden, darunter auch diejenige nach den Verhaltensoptionen, die die Institutionen hybrider Staatlichkeit für die Angehörigen von Besatzungsgesellschaften eröffneten.

Im Hinblick auf die Akteur/innen ist eine stärkere Geschlechter- und Generationen-Sensibilität angezeigt, unterschieden sich besetzte Gesellschaften doch von friedensmäßig verfassten Gesellschaften insofern, als aufgrund der kriegsbedingten Abwesenheit vieler Männer die lokal Anwesenden in prozentual höheren Anteilen als in Friedenzeiten aus Frauen, Kindern, Jugendlichen und alten Menschen bestanden. Ihren Handlungsoptionen und Verhaltensmustern, Überlebensstrategien und Normalitätsannahmen, Konsensbildungen und Sagbarkeitsregeln, Orientierungshorizonten sowie den Agenturen, die diese (überregional) vermittelten, gilt das zentrale Forschungsinteresse, das über den engeren Kontext der deutschen Massenverbrechen hinausreicht.

Bei all dem spielen regionale Unterschiede in den Besatzungsstrukturen wie auch eine genaue Situierung in der kriegsbedingten Chronologie eine wichtige Rolle. Doch zeichnet sich insgesamt ab, dass Okkupation für die Angehörigen der Besatzungsgesellschaften eine Vielfalt von Optionen bereithielt, die von Repression und Verfolgung bis zu Chancen auf Bereicherung und sozialem Aufstieg reichten. Dabei zeigt sich, dass Besatzung – wie Naturkatastrophen auch – Normalitätsannahmen, auf denen das Funktionieren von Gesellschaften beruht,[89] erkennbar werden lässt, weil sie als „das Gewöhnliche” im Außergewöhnlichen von Krieg und Besatzung aufscheinen.[90] Der Begriff der Besatzungsgesellschaft will einen Beitrag leisten, dieses Außergewöhnliche in europäischer Perspektive aufzuschließen.


Empfohlene Literatur zum Thema

Zitation

Tatjana Tönsmeyer, Besatzungsgesellschaften.
Begriffliche und konzeptionelle Überlegungen zur Erfahrungsgeschichte des Alltags unter deutscher Besatzung im Zweiten Weltkrieg, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 18.12.2015, URL: http://docupedia.de/zg/Besatzungsgesellschaften?oldid=125790

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  1. Tony Judt, Postwar. A History of Europe Since 1945, London 2005, S. 16ff.
  2. Marc Buggeln/Michael Wildt (Hrsg.), Arbeit im Nationalsozialismus, München 2014; Dieter Pohl/Tanja Sebta (Hrsg.), Zwangsarbeit in Hitlers Europa – Besatzung, Arbeit, Folgen, Berlin 2013; Karsten Linne/Florian Dierl (Hrsg.), Arbeitskräfte als Kriegsbeute. Der Fall Ost- und Südosteuropa 1939-1945, Berlin 2011.
  3. Tatjana Tönsmeyer, Hungerökonomien. Zum Umgang mit der Mangelversorgung im besetzten Europa des Zweiten Weltkrieges, in: Historische Zeitschrift 301 (2015), S. 662-704.
  4. Siehe zusammenfassend zur neueren Täterforschung: Frank Bajohr, Neuere Täterforschung, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 18.6.2013, http://docupedia.de/zg/Neuere_Taeterforschung?oldid=106458.
  5. Die Ausstellung „Mythen der Nationen. 1945 – Arena der Erinnerungen“ des Deutschen Historischen Museums hat 2004/5 diesen Befund für die ehemals besetzten Länder in seinen nationalen Variationen ausgebreitet. Etienne François, Meistererzählungen und Dammbrüche. Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg zwischen Nationalisierung und Universalisierung, in: Monika Flacke (Hrsg.), Mythen der Nationen. 1945 – Arena der Erinnerungen, Berlin 2004, S. 13-28, bes. S. 15f.
  6. Pieter Lagrou, The Legacy of Nazi Occupation. Patriotic Memory and National Recovery in Western Europe, 1945-1965, Cambridge 2000, S. 35.
  7. Matthias Waechter, Der Mythos des Gaullismus. Heldenkult, Geschichtspolitik und Ideologie 1940-1958, Göttingen 2006. Zum Widerstandsmythos, den die KPF in den 1950er-Jahren pflegte und in dem de Gaulle als „Faschist“ oder „Wegbereiter des Faschismus“ firmierte, siehe Serge Berstein, Le PCF et de Gaulles sous la IVème Républic, in: Stéphane Courtois/Marc Lazar (Hrsg.), 50 ans d’une passion française. De Gaulle et les communistes, Paris 1991, S. 197-215.
  8. Maud Anne Bracke, From Politics to Nostalgia. The Transformation of War Memories in France during the 1960s-1970s, in: European History Quarterly 41 (2011), H. 1, S. 5-24; Henry Rousso, Le syndrome de Vichy 1944-198 …, Paris 1987. Zur sich anschließenden Debatte ders., Frankreich und die „dunklen Jahre“. Das Regime von Vichy in Geschichte und Gegenwart, Göttingen 2010.
  9. Martin Conway, The End(s) of Memory. Memories of the Second World War in Belgium, in: Journal of Belgian History 42 (2012), S. 170-187, hier S. 173 und S. 176, online unter http://www.journalbelgianhistory.be/en/system/files/article_pdf/009_Conway_Martin_2012_2_3.pdf.
  10. Christoph Strupp, Niederlande – Entwicklungen und Tendenzen der zeithistorischen Forschung, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 22.3.2011, http://docupedia.de/zg/Niederlande_-_Entwicklungen_und_Tendenzen_der_zeithistorischen_Forschung?oldid=97428; siehe dazu auch Krijn Thijs, Niederlande – Schwarz, Weiß, Grau. Zeithistorische Debatten seit 2000, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 3.6.2011, http://docupedia.de/zg/Niederlande_-_Schwarz_Weiss_Grau?oldid=106461.
  11. Ellen Tops, Niederlande – Lebendige Vergangenheit, in: Flacke, Mythen, S. 427-452, hier S. 429 und S. 433ff.
  12. Als Zusammenfassung hierzu jüngst Imke Hansen, Sowjetische und postsowjetische Repräsentationen des Zweiten Weltkrieges, in: Babette Quinkert/Jörg Morré (Hrsg.), Deutsche Besatzung in der Sowjetunion 1941-1944. Vernichtungskrieg, Reaktionen, Erinnerung, Paderborn 2014, S. 299-317.
  13. Zum 2004 eröffneten Museum des Warschauer Aufstands siehe Monika Heinemann, Das Museum des Warschauer Aufstands, in: Zeitgeschichte-online, Juli 2014, http://www.zeitgeschichte-online.de/geschichtskultur/das-museum-des-warschauer-aufstands.
  14. Włodzimierz Borodziej, Der Warschauer Aufstand 1944, Frankfurt a.M. 2004, S. 126-139; Beate Kosmala, Polen – Lange Schatten der Erinnerung: Der Zweite Weltkrieg im kollektiven Gedächtnis, in: Flacke, Mythen, S. 509-530. Zur veränderten Wahrnehmung von Auschwitz siehe Marek Kucia, Auschwitz in der öffentlichen Meinung Polens, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 11 (2002), S. 198-216, sowie zur Debatte über das polnisch-jüdische Verhältnis Barbara Engelking/Helga Hirsch (Hrsg.), Unbequeme Wahrheiten. Polen und sein Verhältnis zu den Juden, Frankfurt a.M. 2008.
  15. Tatjana Tönsmeyer, Slowakei – Erfahrung und Erinnerung, in: Flacke, Mythen, S. 799-812; dies., Vom „Recht auf die eigene Geschichte“ – Der Slowakische Staat 1939 bis 1945 in der Historiographie, in: Bohemia 44 (2003), H. 2, S. 356-369.
  16. Daniel Levy/Natan Sznaider (Hrsg.), Erinnerung im globalen Zeitalter – Der Holocaust, Frankfurt a.M. 2001.
  17. Der Begriff geht zurück auf den französischen Staatschef Philippe Pétain, der im Radio am 11. Oktober 1940 verkündete: „Jetzt, nach seinem Sieg, kann uns Deutschland einen neuen Frieden auf der Grundlage der Kollaboration [bieten].“ Zitiert nach Marc Olivier Baruch, Das Vichy-Regime. Frankreich 1940-1944, Stuttgart 1999, S. 75.
  18. Tanja Penter, Collaboration on Trial: New Source Material on Soviet Postwar Trials against Collaborators, in: Slavic Review 64 (2005), H. 4, S. 780-790, online unter http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/volltextserver/18039/1/Penter_Collaboration_on_trial.pdf; dies., Local Collaborators on Trial. Soviet War Crimes Trials under Stalin (1943-1953), in: Cahiers du Monde russe 49 (2008), H. 2-3, S. 341-364, online unter http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/volltextserver/18100/1/Penter_Mr49_2_3.pdf.
  19. Vidkun Quisling war nach der Besetzung Norwegens zunächst Vorsitzender des regierenden Verwaltungsrats, 1942 bis 1945 als Vorsitzender der vom Nationalsozialismus inspirierten norwegischen faschistischen Partei Nasjonal Samling Ministerpräsident einer eng mit der Besatzungsmacht zusammenarbeitenden Regierung. Er wurde am 9. Mai 1945 verhaftet und nach einem Prozess wegen Hochverrats am 24. Oktober 1945 hingerichtet. Sein Name galt in der Nachkriegszeit als Synonym für einen Landesverräter und Kollaborateur.
  20. Siehe z. B. István Deák/Jan T. Gross/Tony Judt (Hrsg.), The Politics of Retribution in Europe: World War II and its Aftermath, Princeton 2000. Weitere Forschungen haben sich nicht zuletzt unter der Überschrift der transitional justice entwickelt. Dazu Jon Elster (Hrsg.), Retribution and Reparation in the Transition to Democracy, New York 2006.
  21. Als ein Beispiel: Fabrice Virgili, Shorn Women. Gender and Punishment in Liberation France, Oxford 2002.
  22. Luc Huyse, The Criminal Justice System as a Political Actor in Regime Transitions. The Case of Belgium, 1944-1950, in: Deák/Gross/Judt, Politics, S. 157-172, zu Belgien (wo der Wahlrechtsentzug überproportional Katholiken traf und somit linken Parteien zugutekam); Benjamin Frommer, National Cleansing. Retribution against Nazi Collaboration in Postwar Czechoslovakia, Cambridge 2005, S. 192-222, der zeigt, dass „Verstöße gegen die nationale Ehre“ in der Tschechoslowakei rückwirkend interethnischer Kontakte kriminalisierten.
  23. Dies zeigt sich etwa im Umgang mit weniger exponierten Angehörigen der Verwaltung oder der sog. Wirtschaftskollaboration, deren Aburteilung zumeist zurückhaltend verlief, um den Wiederaufbau nicht zu behindern.
  24. Angesichts der ungenügenden Vorbereitung, der schlechten Durchführung und der Prämisse, v. a. Industriekapazitäten abzutransportieren, blieben fast überall auf dem Gebiet der besetzten Sowjetunion Kader zurück, die eigentlich hätten evakuiert werden sollen. Rebecca Manley, To the Tashkent Station. Evacuation and Survival in the Soviet Union at War, Ithaca 2009.
  25. Jeffrey W. Jones, „Every Family Has its Freak.” Perceptions of Collaboration in Occupied Soviet Russia, 1943-1948, in: Slavic Review 64 (2005), H. 4, S. 747-770.
  26. Konstantin Simonov, Sofia Leonidowna, Berlin (Ost) 1989, S. 11.
  27. Ebd., S. 25.
  28. Michael Marrus, The Holocaust in History, London 1987, S. 156-183. Siehe auch ders. (Hrsg.), The Nazi Holocaust. Historical Articles on the Destruction of European Jews, Part 8: Bystanders to the Holocaust, Berlin 1989; Raul Hilberg, Täter, Opfer, Zuschauer. Die Vernichtung der Juden 1933-1945, Frankfurt a.M. 1997, S. 215-293.
  29. Das United States Holocaust Memorial Museum hält paradigmatisch fest: „ [… O]ne of the Holocaust’s fundamental lessons is that to be a bystander is to share the guilt […]. Only the intervention of the bystander can help society to become more human.“ Zitiert nach Donald Bloxham/Tony Kushner, The Holocaust. Critical Historical Approaches, Manchester/New York 2005, S. 176. Zur zunehmend kritischen Reflexion des Begriffs siehe auch die Ergebnisse der internationalen Tagung „Probing the Limits of Categorization: The ‚Bystander‘ in Holocaust History“, die im September 2015 in Amsterdam stattgefunden hat. Ein Tagungsband ist in Vorbereitung, Tagungsbericht auf H-Soz-Kult von Markus Wegewitz: Probing the Limits of Categorization. The „Bystander“ in Holocaust History, 24. - 26.9.2015 Amsterdam, in: H-Soz-Kult, 11.12.2015, http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6278.
  30. Jan T. Gross, Neighbors. The Destruction of the Jewish Community in Jedwabne, Poland, Princeton 2001.
  31. Barbara Engelking, Jest taki pie̜kny słoneczny dzień. Losy Żydów szukaja̜cych ratunku na wsi polskiej 1942-1945, Warszawa 2011; Jan Tomasz Gross/Irena Grudzińska Gross, Golden Harvest. Events at the Periphery of the Holocaust, Oxford 2012; Jan Grabowski, Hunt for the Jews. Betrayal and Murder in German-Occupied Poland, Bloomington 2013.
  32. Mark Levene, The Crisis of Genocide, Oxford 2013 (2 Bde.); Omer Bartov/Eric D. Weitz (Hrsg.), Shatterzone of Empires. Coexistence and Violence in the German, Habsburg, Russian, and Ottoman Borderlands, Indiana University Press 2013; Christian Gerlach, Extremely Violent Societies. Mass Violence in the Twentieth-Century World, Cambridge 2010; Alexander V. Prusin, Conflict in the East European Borderlands, 1870-1992, Oxford 2010; Timothy Snyder, Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin, München 2010.
  33. Michaela Christ, Die Dynamik des Tötens. Die Ermordung der Juden von Berditschew, Ukraine 1941-44, Frankfurt a.M. 2011, S. 125.
  34. Eric C. Steinhart, Family, Fascists, and „Volksdeutsche”: The Bogdanovka Collective Farm and the Holocaust in Southern Ukraine, December 1941, in: Holocaust Studies: A Journal of Culture and History 16 (2010), H. 1-2, S. 65-96. Steinhart zeigt am Beispiel einer Kolchose in der Südukraine, zu der zwei Dörfer gehörten, eines überwiegend von Ukrainern bewohnt, das andere volksdeutsch, dass das Sonderkommando R der in diesem Gebiet operierenden Einsatzgruppe D volksdeutsche Zugehörigkeit nicht selbst festlegte, sondern dies einem vertrauenswürdig erscheinenden volksdeutschen Clanchef überließ. Er definierte überwiegend seine Verwandten als „volksdeutsch“, sodass sich darunter aufgrund von interethnischen Eheschließungen Ukrainer und Russen fanden. Mit der Zugehörigkeit verbanden sich die genannten Vorteile, sodass diese auch später, nach Aufstellung der Miliz und ihrem Einsatz als Hilfstruppe des SK R bei Massenerschießungen, nicht in Frage gestellt wurde, zumal die „Beuteverteilung“ nach solchen „Aktionen“ ebenfalls entlang rassistischer Hierarchien erfolgte: Nach den SS-Männern erhielten die „volksdeutschen“ Milizionäre qualitativ hochwertige Kleidung. Die verbleibenden Stücke wurden unter den Ukrainern aus dem zweiten Dorf, die Wache gestanden hatten, verteilt.
  35. Omer Bartov, Communal Genocide: Personal Accounts of the Destruction of Buczacz, Eastern Galicia, 1941-1944, in: Bartov/Weitz, Shatterzone, S. 399-420, hier S. 400.
  36. Mark Roseman, Bloodlines. Review Forum on Timothy Snyder, Bloodlands. Europe between Hitler and Stalin, in: Journal of Genocide Research 13 (2011), H. 3, S. 320-326, hier S. 322. Siehe in Teilen auch Saul Friedländer, Nazi Germany and the Jews 1939-1945. The Years of Extermination, New York 2007.
  37. Doris Bergen, What do Studies of Women, Gender, and Sexuality Contribute to Understanding the Holocaust, in: Myrna Goldenberg/Amy Shapiro (Hrsg.), Different Horrors, Same Hell. Gender and the Holocaust, Washington 2013, S. 16-37, hier S. 21ff.
  38. Siehe z. B. Christ, Dynamik, S. 111f.
  39. Patrick Desbois, The Holocaust by Bullets. A Priest's Journey to Uncover the Truth behind the Murder of 1.5 Million Jews, New York 2008, S. 74; weitere Aussagen dieser Art finden sich an verschiedenen Stellen im Text. Auch wenn Desbois Beispiele von Bereicherung notiert, stellt er diese nicht als aktive Handlung dar, sondern schreibt „They found things, they even found American dollar (!)“ (S. 40), „they received things“ (S. 109) oder „Jews […] were throwing away last possessions – necklaces, wedding rings, and the few bits of jewelry they had left – so as not to leave them to the Germans” (S. 74). Diese und weitere Zitate lassen sich als übernommene Sinnstiftungen von Akteuren der lokalen Gesellschaften lesen.
  40. Zum Wandel des Opferbegriffs Svenja Goltermann, Der Markt der Leiden, das Menschenrecht auf Entschädigung und die Kategorie des Opfers. Ein Problemaufriss, in: Historische Anthropologie 23 (2015), H. 1, S. 70-92.
  41. Judt, Postwar, S. 13.
  42. Dieter Pohl, Herrscher und Unterworfene. Die deutsche Besatzung und die Gesellschaften Europas, in: Dietmar Süß/Winfried Süß (Hrsg.), Das „Dritte Reich“. Eine Einführung, München 2008, S. 267-285, hier S. 276.
  43. Militärhistorisches Forschungsamt (Hrsg.), Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Stuttgart 1979-2008 (10 Bde.); Czesław Madajczyk, Faszyzm i okupacje, 1938-1945. Wykonywanie okupacji przez państwa Osi w Europie, Poznań 1983-1984 (2 Bde.); Werner Röhr (Hrsg.), Europa unterm Hakenkreuz, Berlin 1994-1996 (2 Bde); Wolfgang Benz/Johannes Houwink ten Cate/Gerhard Otto (Hrsg.), Nationalsozialistische Besatzungspolitik in Europa 1939-1945, Berlin 1996-2001 (10 Bde.).
  44. In Abgrenzung zum völkerrechtlichen Begriff der Besatzung, als dessen Kern die Haager Landkriegsordnung das Einstellen der Kampfhandlungen beschreibt, zeigen die realtypischen Ausprägungen von Besatzung während des Zeiten Weltkriegs sowohl solche, die zu Waffenstillstandsverträgen führten (wie in Frankreich), als auch die Besatzung von Gebieten, in denen die Kampfhandlungen andauerten (wie in der Sowjetunion).
  45. Stephan Leibfried/Michael Zürn, Von der nationalen zur post-nationalen Konstellation, in: dies. (Hrsg.), Transformationen des Staates?, Frankfurt a.M. 2006, S. 19-65, hier S. 47. Im Zweiten Weltkrieg wies eine solche „Entmündigung“ unterschiedliche Formen, je nach Besatzungsverwaltung, auf.
  46. István Deák schreibt die Prägung des Begriffs „occupier-driven“ Jan Gross zu. István Deák, Introduction, in: Deák/Gross/Judt, Politics, S. 3-14, hier S. 6.
  47. Robert Traba, Warum Besatzung? Reflexionen über die deutsch-polnische Geschichte, in: Historie. Jahrbuch des Zentrums für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften 7/2013-14, S. 7-26, hier S. 11.
  48. Siehe z.B. Gert C. Lübbers, Die 6. Armee und die Zivilbevölkerung von Stalingrad, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 54 (2006) Nr. 1, S. 87-123, hier S. 100, online unter http://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/2006_1_4_l%C3%BCbbers.pdf, oder Tomasz Szarota, Warschau unter dem Hakenkreuz, Paderborn 1985, S. 121.
  49. Karel Berkhoff, Harvest of Despair. Life and Death in Ukraine under Nazi Rule, Cambridge/Mass. 2004, S. 164-186; Mark Mazower, Inside Hitler’s Greece. The Experience of Occupation, 1941-1944, New Haven/London 1993, S. 56-61; Richard Vinen, The Unfree French. Life under the Occupation, London 2006, S. 219-223.
  50. Hungererfahrungen unter Besatzung dokumentiert in zwei Bänden als „Shortage and Supply“ die im Entstehen begriffene Quellenedition „World War II: Everyday Life Under German Occupation“, die Alltagserfahrungen unter Besatzung in europäischer Perspektive dokumentiert (hrsg. v. Włodzimierz Borodziej, Peter Haslinger, Stefan Martens, Irina Sherbakova und Tatjana Tönsmeyer).
  51. Tönsmeyer, Hungerökonomien, S. 671ff.
  52. Traba, Warum Besatzung? S. 11.
  53. Reinhart Koselleck, Erfahrungsraum und Erwartungshorizont. Zwei historische Kategorien, in: ders. (Hrsg.), Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt a.M. 1989, S. 349-375, online unter http://studioroma.istitutosvizzero.it/wp-content/uploads/2014/02/ISR_StudioRoma_Koselleck_DE1.pdf; Nikolaus Buschmann/Horst Carl (Hrsg.), Die Erfahrung des Krieges. Erfahrungsgeschichtliche Perspektiven von der Französischen Revolution bis zum Zweiten Weltkrieg, Paderborn 2001; Michel De Certeau, The Practice of Everyday Life, Berkeley 1984.
  54. Dietmar Süß, Tod aus der Luft. Kriegsgesellschaft und Luftkrieg in Deutschland und England, München 2011, S. 16.
  55. Jörg Echternkamp, Im Kampf an der inneren und äußeren Front. Grundzüge der deutschen Gesellschaft im Zweiten Weltkrieg, in: ders. (im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes), Die deutsche Kriegsgesellschaft 1939-1945, München 2004, S. 1-93, hier S. 2ff. und grundsätzlich Süß, Tod. Zu den aus der Erfahrung resultierenden Erinnerungsgemeinschaften nach Kriegsende z.B. Neil Gregor, Haunted City Nuremberg and the Nazi Past, New Haven 2008 oder Malte Thießen, Eingebrannt ins Gedächtnis. Hamburgs Gedenken an Luftkrieg und Kriegsende 1943 bis 2005, München 2007. Mit Blick auf den Ersten Weltkrieg Christoph Nübel, Die Mobilisierung der Kriegsgesellschaft, Propaganda und Alltag im Ersten Weltkrieg in Münster, Münster 2006 oder Ute Daniel, Arbeiterfrauen in der Kriegsgesellschaft. Beruf, Familie und Politik im Ersten Weltkrieg, Göttingen 1989.
  56. Je nach Kriegsverlauf kann die Gesellschaft eines Staates daher auch in eine Kriegs- und eine Besatzungsgesellschaft gespalten sein, wie dies in der Sowjetunion der Fall war, die in ihrem unbesetzten Teil als Kriegsgesellschaft zu beschreiben ist. Allerdings richtet sich die Forschung der letzten Jahre in der Folge der Konzentration auf den nationalsozialistischen Vernichtungskrieg stärker auf die besetzten Gebiete.
  57. Zu Postulat und glanzvoller Einlösung: Saul Friedländer, Nazi Germany and the Jews 1939-1945. The Years of Extermination, New York 2007.
  58. Sexuelle Gewalt gegenüber Frauen hat in den letzten Jahren vermerkt Aufmerksamkeit gefunden, s. jüngst Maren Röger, Kriegsbeziehungen. Intimität, Gewalt und Prostitution im besetzten Polen 1939 bis 1945, Frankfurt a.M. 2015.
  59. Als eine Ausnahme kann das Protektorat gelten, das bereits vor Kriegsbeginn im Zuge der Zerschlagung der Tschechoslowakei errichtet wurde, sodass die männliche Bevölkerung zumeist anwesend war.
  60. Pohl, Herrscher, S. 282. Siehe außerdem auch Bernd Weisbrod, Sozialgeschichte und Gewalterfahrung im 20. Jahrhundert, in: Paul Nolte/Manfred Hettling (Hrsg.), Perspektiven der Gesellschaftsgeschichte, München 2000, S. 112-123.
  61. Judt, Postwar, S. 18. Die Zahl der militärischen Opfer überwog dagegen die der zivilen in den beiden Kriegsgesellschaften Deutschland und Großbritannien. Ebd.
  62. Marc Buggeln, Unfreie Arbeit im Nationalsozialismus. Begrifflichkeiten und Vergleichsaspekte zu den Arbeitsbedingungen im Deutschen Reich und in den besetzten Gebieten, in: Buggeln/Wildt, Arbeit, S. 231-252 und Tönsmeyer, Hungerökonomien.
  63. Bergen, What do, S. 23.
  64. Die Literatur zu Krisen wächst in der Nachfolge von Reinhart Koselleck, Kritik und Krise. Eine Studie zur Pathogenese der bürgerlichen Welt, Freiburg/München 1959, in den letzten Jahren kontinuierlich an. Siehe unter den jüngeren Publikationen Thomas Mergel (Hrsg.), Krisen verstehen. Historische und kulturwissenschaftliche Annäherungen, Frankfurt a.M. 2012.
  65. Ewald Frie/Mischa Meier, Bedrohte Ordnungen. Gesellschaften unter Stress im Vergleich, in: dies. (Hrsg.), Aufruhr, Katastrophe, Konkurrenz, Zerfall. Bedrohte Ordnungen als Thema der Kulturwissenschaften, Tübingen 2014, S. 1-27, hier S. 4.
  66. Jan Philipp Reemtsma, Vertrauen und Gewalt. Versuch über eine besondere Konstellation der Moderne, Hamburg 2008, S. 66f.
  67. Erforscht ist dies bisher eher mit Blick auf jüdische Überlebende des Holocaust, zumal der Topos in Erinnerungen eine wichtige Rolle spielt. Als ein Beispiel unter vielen: Boris Zabarko, „Nur wir haben überlebt“. Holocaust in der Ukraine. Zeugnisse und Dokumente, Wittenberg 2004; siehe darin besonders den Überlebensbericht von Jelisaweta Brusch, „Im Ghetto kamen 106 und an der Front 38 unserer Verwandten ums Leben …“, S. 68-75.
  68. Gerd Spittler, Handeln in einer Hungerkrise. Das Beispiel der Kel Ewey Tuareg, in: Dominik Collet/Thore Lassen/Ansgar Schanbacher (Hrsg.), Handeln in Hungerkrisen. Neue Perspektiven auf soziale und klimatische Vulnerabilität, Göttingen 2012, S. 27-44, hier S. 30.
  69. Tönsmeyer, Hungerökonomien; Hein A. M. Klemann, Die niederländische Wirtschaft von 1938 bis 1948 im Griff von Krieg und Besatzung, in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 2001, S. 53-76, hier S. 71; Natalia Aleksiun, Gender and the Daily Lives of Jews in Hiding in Eastern Galicia, in: NASHIM: A Journal of Jewish Women's Studies and Gender Issues 27 (2014), S. 38-61.
  70. Tanja Penter hat verschiedentlich darauf aufmerksam gemacht, dass angesichts der existenziellen Krisen, die Menschen in der besetzten Ukraine durchlebten, ihre Lebensläufe sich nicht nach einfachen Gut-Böse-Kategorien erschließen lassen; z. B. Tanja Penter, Die Ukrainer und der „Große Vaterländische Krieg“. Die Komplexität der Kriegsbiographien, in: Andreas Kappeler (Hrsg.), Die Ukraine. Prozesse der Nationsbildung Köln/Wien 2011, S. 335-348. Dies gilt umso stärker, wenn ganze Familien betrachtet werden (und nicht nur mit Blick auf die Ukraine).
  71. Klemann, Wirtschaft, S. 67 mit Blick auf die Niederlande. In den besetzten Ostgebieten war der deutsche Arbeitskräftebedarf hingegen so groß, dass er trotz Arbeitspflicht nicht gedeckt werden konnte. Wer sich nicht täglich auf dem Arbeitsamt meldete, unterlag drakonischen Strafen und war umso mehr auf Hilfsnetzwerke angewiesen. Siehe z.B. Maryna Dubyk, Arbeitseinsatz und Lebensbedingungen im Reichskommissariat Ukraine und im ukrainischen Gebiet unter Militärverwaltung (1941-1944), in: Pohl/Sebta, Zwangsarbeit, S. 195-213.
  72. Zum Begriff der choiceless choices Lawrence L. Langer, Versions of Survival. The Holocaust and the Human Spirit, Albany 1982, bes. S. 72. Zur Tabuisierung von Entscheidungen, die sich aus choiceless-choices-Situationen ergaben und die vor allem in Eltern-(Klein-)Kind-Konstellationen auftraten, siehe Christopher Browning, Remembering Survival. Inside a Nazi Slave-Labor Camp. New York 2010, bes. S. 10, 35, 94, 204 und S. 298f.
  73. Andreas Gestrich/Jens-Uwe Krause/Michael Mitterauer, Geschichte der Familie, Stuttgart 2003, S. 643f.
  74. Siehe für die deutsche Historiografie stellvertretend z.B. die Reihe „Solidarität und Hilfe. Rettungsversuche für Juden vor der Verfolgung und Vernichtung unter nationalsozialistischer Herrschaft“, hrsg. v. Wolfgang Benz und Juliane Wetzel, 7 Bde., Berlin 1996-2004.
  75. Jan T. Gross, Neighbors. The Destruction of the Jewish Community in Jedwabne, Poland, Princeton 2001; Barbara Engelking, Jest taki pie̜kny słoneczny dzień. Losy Żydów szukaja̜cych ratunku na wsi polskiej 1942-1945, Warszawa 2011 und Jan Grabowski, Hunt for the Jews. Betrayal and Murder in German-Occupied Poland, Bloomington 2013.
  76. Grabowski, Hunt, S. 54.
  77. Ebd., S. 153.
  78. Ebd., S. 161-170.
  79. So berichtet Fela Grün in ihrem testimonial, dass im Dezember 1943 zwei Polizisten auf dem Hof ihrer Retter erschienen seien, um nach versteckten Juden zu suchen. Da die Bauersleute leugneten, Juden versteckt zu haben, wurden sie geschlagen, die Frau sexuell bedroht. Grün schreibt, einer der Polizisten „tried to rape (or maybe even raped) Sołtys’s wife. I could hear very well when she sobbed and asked him to leave her alone, saying that her husband could come at any moment.” Zitiert nach ebd., S. 166.
  80. Zum Begriff der Vulnerabilität, der vor allem im Kontext der Katastrophenforschung zunehmend Verwendung findet, siehe z.B. Dominik Collet, „Vulnerabilität“ als Brückenkonzept der Hungerforschung, in: ders./Lassen/Schanbacher, Handeln, S. 13-26, und Brenda D. Phillips (Hrsg.), Social Vulnerability to Disasters, Boca Raton 2012. Eine kritische Bewertung findet sich bei Stephen Devereux, Theories of Famine, New York 1993, S. 66-85.
  81. Tim Buchen, Antisemitismus in Galizien. Agitation, Gewalt und Politik gegen Juden in der Habsburgermonarchie um 1900, Berlin 2012.
  82. In Anlehnung an Harald Welzer, Wer waren die Täter? Anmerkungen zur Täterforschung aus sozialpsychologischer Sicht, in: Gerhard Paul (Hrsg.), Die Täter der Shoah. Fanatische Nationalsozialisten oder ganz normale Deutsche?, Göttingen 2002, S. 237-253.
  83. Siehe z.B. Berkhoff, Harvest, S. 95-104 und S. 109f.
  84. Hans W. Bierhoff/Beate Küpper, Sozialpsychologie der Solidarität, in: Kurt Bayertz (Hrsg.), Solidarität. Begriff und Problem, Frankfurt a.M. 1998, S. 263-297, hier S. 281 und S. 283.
  85. Bierhoff/Küpper, Sozialpsychologie, S. 277.
  86. Gross/Grudzińska Gross, Harvest, S. 59ff.
  87. Bierhoff/Küpper, Sozialpsychologie, S. 278f.
  88. Süß, Tod, S. 71.
  89. Harald Welzer, Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird, Frankfurt a.M. 2010, S. 43.
  90. Marc Elie/Klaus Gestwa, Zwischen Risikogesellschaft und Katastrophenkulturen. Zur Einführung in die Katastrophengeschichte des östlichen Europa, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 62 (2014), H. 2, S. 161-179, hier S. 161.