Wirtschaftsgeschichte
Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 15.10.2013
https://docupedia.de/zg/steiner_wirtschaftsgeschichte_v1_de_2013
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok.2.123.v1
Begriffe, Methoden und Debatten
der zeithistorischen Forschung
Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 15.10.2013
https://docupedia.de/zg/steiner_wirtschaftsgeschichte_v1_de_2013
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok.2.123.v1
Die Wirtschaftsgeschichte befasst sich mit der historischen Entwicklung sowohl des wirtschaftlichen Handelns der Menschen als auch der materiellen Grundlagen der Gesellschaft. Sie ist disziplinär und methodisch zwischen den Wirtschafts- und Geschichtswissenschaften angesiedelt und nimmt zwischen diesen eine Brückenfunktion wahr.[1] Da diese beiden Fächer in ihren theoretischen Grundlagen sehr heterogen sind, ergeben sich – vereinfacht – drei Zugangsweisen zur Wirtschaftsgeschichte: Eine ist einem engeren ökonomischen Paradigma verpflichtet, eine weitere versteht sich sozialwissenschaftlich-evolutorisch und die letzte folgt einem strikt historischen Ansatz. Dabei scheinen erstere – die nach generalisierbaren theoretischen Aussagen strebt, ohne deren historischen Platz hinreichend zu reflektieren – und letztere – die in ihrer hermeneutisch-narrativen Vorgehensweise mehr oder weniger theoriefern arbeitet – kaum miteinander kompatibel zu sein. Die mittlere Vorgehensweise dagegen greift Anregungen von beiden Seiten auf, indem sie „einerseits Gegenstand und Theoriebildung selbst historisiert, in diesem Rahmen aber wiederum ökonomisch-theoretische Aussagen durchaus für möglich und für sinnvoll hält”.[2] Das heißt, dass hier die ökonomische Theorie selbst als ein historisches Phänomen verstanden wird, deren Aussagen an spezifische historische Bedingungen gebunden sind und die somit keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben kann. Dabei erwuchs die heutige Wirtschaftstheorie aus dem modernen Kapitalismus und seiner historischen Entwicklung und ist damit auch an diesen gebunden. So gesehen haben wirtschaftswissenschaftliche und historiografische Methoden bei der Analyse wirtschaftshistorischer Phänomene den gleichen Stellenwert. Letztlich hängt es jedoch von der Fragestellung ab, zu welcher Verfahrensweise gegriffen wird.
Die drei benannten Richtungen finden sich nicht nur bei den heutigen Vertretern des Fachs, sondern auch in seiner historischen Genese.[3] Die Wirtschaftsgeschichte hat als eigenständiges Fach ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert. Es waren – zumindest in Deutschland – vor allem die Vertreter der jüngeren Historischen Schule (Gustav Schmoller, Lujo Brentano, Karl Bücher, Georg Friedrich Knapp), die nach unserem heutigen Verständnis wirtschaftshistorische Untersuchungen vorlegten, obwohl sie sich selbst als Nationalökonomen verstanden. Sie wollten mit ihren Forschungen empirische Grundlagen für die Wirtschaftstheorie schaffen, woran sie aber – zum einen wegen der historischen Komplexität und zum anderen wegen ihres Misstrauens gegenüber der reinen Theorie – letztlich scheiterten. In ähnliche Richtung arbeiteten jedoch auch Wirtschaftswissenschaftler in anderen Ländern, wie beispielsweise die Studien des amerikanischen Institutionalismus des beginnenden 20. Jahrhunderts belegen (u.a. Thorstein Veblen). Auf der Grundlage dieser unterschiedlichen Ansätze konnte sich die Wirtschaftsgeschichte gerade in Deutschland, den USA, aber auch in Großbritannien um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert herum erstmals institutionalisieren.
Zugleich legte auch der „Methodenstreit” zwischen einem deduktiven und induktiven Theorieverständnis in den 1880er-Jahren den Grundstein zu der sich im 20. Jahrhundert immer stärker manifestierenden Trennung zwischen der Wirtschaftsgeschichte und den Wirtschaftswissenschaften, die nach 1945 noch einmal an Dynamik gewann. Letztere entwickelte sich immer stärker zu einer Disziplin formalisierter Modelle und mathematisierter Theorien und damit immer mehr weg von der Wirtschaftsgeschichte. Diese wiederum konstituierte sich in diesem Prozess als eigenes Fach. Während also in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Historisierung der Nationalökonomie (zumindest in Deutschland) erfolgte, erlebte die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts dann auch international die Enthistorisierung der Wirtschaftswissenschaft und damit eine Trennung von der Wirtschaftsgeschichte.[4]
Diese bildete wiederum einen Ausgangspunkt für den Ausbau der Wirtschaftsgeschichte zu einem eigenständigen Fach in den 1950er- und 1960er-Jahren. Außerdem war die Wirtschaftsgeschichte in Großbritannien, den USA (insbesondere mit der Cliometrie) und in den romanischen Ländern (mit der Schule der Annales) stärker expandiert, sodass in der Bundesrepublik ein Nachholbedarf entstanden war. Zugleich öffnete sich die Geschichtswissenschaft für Fragen des gesellschaftlichen Strukturwandels, was die stärkere Aufmerksamkeit gegenüber der Wirtschaftsgeschichte ebenso begünstigte wie die historischen Umstände dieser Zeit. Das golden age – der wirtschaftliche Boom der Nachkriegszeit – evozierte den „Traum immerwährender Prosperität” (Burkhard Lutz) und lenkte damit auch den Blick auf längerfristige Entwicklungs- und Wachstumsprozesse. Dieser Nachkriegsaufschwung vermittelte den handelnden Akteuren zudem ein wachsendes Machbarkeitsgefühl, weshalb staatliche Wirtschaftspolitik, Elemente des Keynesianismus aufgreifend, auch makroökonomische Steuerungsinstrumente meinte einsetzen zu können, was wiederum zu einem Aufschwung der Volkswirtschaftslehre als beratender Wissenschaftsdisziplin führte. Trotz der Entfremdung der Wirtschaftstheorie von der Wirtschaftsgeschichte ebnete das auch letzterer manchen Weg, da sie schließlich ebenfalls – wenn auch vergangenes – wirtschaftliches Geschehen untersuchte. Die Idee, wirtschaftliche und soziale Prozesse steuern zu können, setzte einerseits die Vorstellung voraus, deren zugrunde liegenden Strukturen und Bewegungsabläufe zu kennen, und andererseits, dass diese sozioökonomischen Strukturen die gesellschaftlichen Entwicklungsprozesse dominieren würden.
Zugleich räumte die im Ostblock zur Wissenschaft erhobene Ideologie des Marxismus-Leninismus der Ökonomie als Basis der Gesellschaft einen besonderen Stellenwert ein. Kombiniert mit der Auffassung, begründet durch historische Gesetzmäßigkeiten arbeite man selbst auf einen eschatologischen Gesellschaftszustand hin, verschaffte dies der Wirtschaftsgeschichte eine hohe Bedeutung und wurde in der Systemkonkurrenz im Westen durchaus als Herausforderung gesehen. Die dort vertretenen Gegenauffassungen waren sich mit dem Marxismus zumindest insofern einig, dass es sich bei der Geschichte um einen fortlaufenden Modernisierungsprozess handeln würde, in dem ein enger Zusammenhang zwischen den sozioökonomischen Basisprozessen und dem gesellschaftlichen Fortschritt im weiteren Sinne bestehen würde.[5] Außerdem wirkte die Dekolonisierung darauf hin, dass dem Thema der wirtschaftlichen Entwicklung und den dafür notwendigen Rahmenbedingungen steigende Aufmerksamkeit zukam. All dies zusammengenommen rückte Fragen nach der Industrialisierung, nach Wirtschaftswachstum und Modernisierung in den Mittelpunkt.
Vor diesem Hintergrund wurde die Wirtschaftsgeschichte der Moderne in den 1950er- und 1960er-Jahren mit einem starken Bezug zu den Teilen der Wirtschaftswissenschaften untersucht, die sich nicht wegen ihrer realitätsfernen Vorannahmen einer Operationalisierung für die historische Betrachtung von vornherein entzogen. In der wirtschaftshistorischen Forschung nutzte man nun nicht nur statistische Daten – wie bereits im 19. Jahrhundert –, sondern wandte auch ausformulierte Modelle, oft in ökonometrischer Form, an. Diese als Cliometrie bezeichnete Forschungsrichtung fand allerdings in Deutschland zunächst wenig Anhänger und verbreitete sich mehr in den USA, wo sie auch als „New Economic History” bezeichnet wurde. Im besten Fall nutzte sie deduktive Ableitungen zur Interpretation induktiv gewonnener Erkenntnisse, wodurch wirtschafts- und geschichtswissenschaftliche Methoden symbiotisch verbunden wurden. Größtenteils arbeiteten die Wirtschaftshistoriker aber weiter vor allem mit traditionell geschichtswissenschaftlichen Methoden. Gerade in Deutschland entstand vor dem Hintergrund der Sonderwegsdebatte mit der Herausbildung der kritischen Historischen Sozialwissenschaft (u.a. Hans-Ulrich Wehler) „eine Art politischer Wirtschaftsgeschichte”:[6] In dem Versuch, die Verwerfungen der deutschen Geschichte zu erklären, wurde die Ökonomie als zentraler Faktor des historischen Wandels gesehen; die politischen Motive der wirtschaftlichen Akteure rückten dabei in den Vordergrund.
Die bis in die 1970er-Jahre dominierende strukturalistisch und politisch orientierte Wirtschaftsgeschichtsschreibung geriet aber mit dem Keynesianismus und der Modernisierungstheorie in die Krise. Ab den 1980er- und 1990er-Jahren befand sich die Wirtschaftsgeschichte schließlich immer mehr in schwerem Fahrwasser:[7] Die Expansionsphase des westdeutschen Hochschulwesens, in der auch dieses Fach einen Ausbau erfahren hatte, kam an ihr Ende, und damit wuchsen die finanziellen Restriktionen. Sie nährten wiederum in den „Mutterfächern” der Wirtschafts- und Geschichtswissenschaften – jeweils mit disziplinär unterschiedlich gelagerten Gründen – die Zweifel daran, inwieweit dieses eher kleine interdisziplinäre Fach für sie jeweils erforderlich wäre. In den Wirtschaftswissenschaften führte zudem die neoliberale Wende dazu, dass sich der Blick verstärkt vom Staat auf den Markt richtete, was einer ökonomistischen Perspektive Vorschub leistete: Die theoretisch ausgerichteten Teile der Disziplin beschränkten sich immer stärker auf die Entwicklung mathematisch formulierter Gleichgewichtsmodelle und blendeten die politische und historische Dimension der Wirtschaft praktisch aus.
In den Geschichtswissenschaften hatte der Zusammenbruch des Ostblocks auch zur Folge, dass strukturalistisch argumentierende Theorien, wie u.a. der Historische Materialismus, die bereits seit den 1970er-Jahren deutlich an Strahlkraft verloren hatten, nun endgültig diskreditiert erschienen. Zugleich wandte sich das Interesse seit den 1980er-Jahren verstärkt der Kulturgeschichte zu, mit der die Wirtschaft zunehmend aus dem Fokus historiografischer Arbeiten rückte. In diesem Umfeld gelang es der Wirtschaftsgeschichte nicht, sich mit ihrem Gegenstand erfolgreich zu behaupten.[8] Das war umso erstaunlicher, als die Forderungen des neuen kulturhistorischen Zugangs, den Blick auf die historischen Akteure und deren Wahrnehmungs- und Handlungsmuster, ihre Praktiken der Wirklichkeitsdeutung und Selbst- und Fremderklärung sowie auf ihre kommunikativen Strukturen zu lenken, den methodisch avancierteren Arbeiten der Wirtschaftsgeschichte nicht fremd waren.[9] Wenn man die fehlende Rezeption dieser methodischen Bandbreite nicht nur auf ein mangelhaftes „Marketing” zurückführen will, lässt dies nur den Schluss zu, dass es vor allem an dem Gegenstand lag, der in seiner Eigenlogik vielen Historikern nach dem cultural turn unzugänglich erschien.
Als Reaktion auf diese Entwicklungen in den Wirtschafts- und Geschichtswissenschaften gewannen in der Wirtschaftsgeschichte einerseits auch in Deutschland zunehmend wirtschaftstheoretisch reflektierte Arbeiten an Gewicht, die sich vor allem auf cliometrische und institutionenökonomische Ansätze stützten. Andererseits wurde die Verbindung von Kultur- und Wirtschaftsgeschichte gerade darin gesucht, das Verhalten der Akteure zu rekonstruieren. Mitunter wird dieser Zugriff als ein „Bündnis aus methodischem Individualismus der Neoklassik und akteursbezogenen Vorstellungen der neueren Kulturgeschichtsschreibung” verstanden.[10] Allerdings fallen zumindest die mit programmatischem Anspruch auftretenden Versuche, Wirtschafts- und Kulturgeschichte zu verbinden, bisher nicht immer überzeugend aus.[11]
In der jüngeren Zeit hätten Prozesse wie die weltweite Wachstumsschwäche, der Zusammenbruch des Ostblocks und eine neue Dimension der Globalisierung, denen eine eminent wirtschaftliche Dimension eigen ist und die einer historischen Erklärung bedürfen, das Interesse an der Wirtschaftsgeschichte beflügeln müssen. Das geschah aber erst mit Verzögerung, nachdem die Ökonomie mit der Finanz- und Schuldenkrise seit 2007/2008 wieder massiv ins Bewusstsein vieler Menschen rückte. Zur Erklärung dieser Phänomene wandten sich sowohl die Wirtschaftswissenschaften auf der einen Seite als auch die Geschichtswissenschaft auf der anderen Seite wieder der Wirtschaftsgeschichte zu.
Der Wirtschaft und dem wirtschaftlichen Handeln kann man sich also aus verschiedenen Perspektiven historisch nähern: Die Betrachtungsweisen reichen von der klassisch politikhistorischen bis zur kulturhistorischen. Zwar können und sollten solche Perspektiven Teil wirtschaftshistorischer Analyse sein, aber sie sind es nicht schon allein deshalb, weil sie sich „die” Wirtschaft oder wirtschaftliche Prozesse zum Gegenstand genommen haben. Um eine Untersuchung der Wirtschaftsgeschichte zuzurechnen, ist die Conditio sine qua non, inwieweit sich diese auf die Logik wirtschaftlichen Handelns – in ihrem jeweiligen historischen Kontext und Entstehungszusammenhang – einlässt. Die Rationalität des Wirtschaftens stellt also nichts für ewig Gegebenes dar, sondern ist selbst Gegenstand historischer Entwicklung und schließt damit (unter dem Blickwinkel anderer historischer Gegebenheiten) auch vermeintlich irrationales Handeln ein. So gesehen, ist aber sowohl eine Kulturgeschichte des Wirtschaftens denkbar, die beispielsweise einer begriffsgeschichtlichen Perspektive folgt, als auch eine Wirtschaftsgeschichte der Familie, die sich anknüpfend an Gary Becker der wirtschaftlichen Logik der Gründung und Entwicklung von Familien widmet.[12]
Die im Fach mitunter vertretene Position, dass erst die explizite Anwendung ökonomischer Modellvorstellungen eine Arbeit zu einer wirtschaftshistorischen mache, erscheint deshalb zu eng.[13] So sehr die Nutzung wirtschaftswissenschaftlicher Theorieangebote zu begrüßen ist, kann sie nicht zum alleinigen oder entscheidenden Kriterium gemacht werden, ob eine Untersuchung als genuin wirtschaftshistorisch gelten kann. Vielmehr hängt die Wahl der Methode von der Fragestellung ab, und maßgeblich ist, inwieweit dabei die Untersuchung ökonomischer Rationalitäten forschungsleitend ist. Deshalb und wegen der Vielzahl miteinander konkurrierender Theorieangebote, aus denen die „passende” Theorie auszusuchen ist, hat sich in der Praxis der wirtschaftshistorischen Forschung gezeigt, dass man „mit einem gesunden Theorieneklektizismus kombiniert mit der klassischen historischen Methode der Quellenauswahl und -kritik” am weitesten kommt.[14]
In einer akteurszentrierten Vorgehensweise in der Wirtschaftsgeschichte bieten sich vier Untersuchungsdimensionen an, die in engen Wechselbeziehungen zueinander stehen: Erstens sind die Wahrnehmungen und Reflexionen von wirtschaftlichen Handlungen, Prozessen und Strukturen durch die Akteure in Öffentlichkeit, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zu analysieren. Zweitens sollten die sich daraus ergebenden normativen Vorstellungen zum wirtschaftlichen Handeln sowie die darauf aufbauenden Institutionen in den Blick genommen werden. Drittens können die dabei verfolgten Praktiken der Akteure bei der Sicherung der materiellen Reproduktion betrachtet werden. Schließlich geht es viertens darum, die Ergebnisse, Konsequenzen und Strukturen des wirtschaftlichen Handelns aufzuzeigen. Dabei sind die Zusammenhänge und Rückwirkungen zwischen den vier Dimensionen im Auge zu behalten und diese ebenso wie die „Wirtschaft” und die ihr zugrunde liegende Rationalität immer als historische Phänomene zu behandeln.
Mit einer in solcherweise dimensionierten akteurszentrierten Perspektive kommen auch die verschiedenen klassischen Untersuchungsfelder der Wirtschaftsgeschichte in den Blick:[15] Neben den herkömmlich als Wirtschaftsakteuren betrachteten privaten Haushalten und Unternehmen finden politische Institutionen als Gestalter von Wirtschaftspolitik und damit des politischen Rahmens wirtschaftlichen Handelns Beachtung. Ebenso werden die konstitutiven Rahmenbedingungen des Wirtschaftens in Gestalt von Bevölkerung, Raum und Technik und der ökonomische Prozess selbst behandelt, wie er sich in Wachstum und Konjunktur, im Strukturwandel, auf verschiedenen Märkten (Arbeits-, Geld- und Kreditmärkte, Rohstoff- und Warenmärkte), in der Einkommensverteilung oder den internationalen Wirtschaftsbeziehungen niederschlägt. Zugleich schließt dieser Zugang sowohl die Makro- als auch die Mikroperspektive ein. In dieser Perspektive bildet die Unternehmensgeschichte auch einen Teil der Wirtschaftsgeschichte, selbst wenn es in jüngerer Zeit Versuche gibt, diese als eigenständige Disziplin zu verankern. Die benannten Untersuchungsfelder der Wirtschaftsgeschichte sollen aber lediglich deren Breite verdeutlichen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben. Ebenso zeigt diese Aufstellung aber, dass die Wirtschaftsgeschichte wiederum erhebliche Schnittmengen mit der Sozial-, Konsum-, Technik- oder der Umweltgeschichte aufweist.
Für die Zeitgeschichte als jüngsten Epochenabschnitt historischer Betrachtung gilt wohl das, was für die Geschichte der Moderne insgesamt zu sagen ist: Ist die Wirtschaftsgeschichte bei der Untersuchung vormoderner Epochen bis heute in hohem Maße integraler Bestandteil der betreffenden Historiografie, so hat sie bei der Betrachtung der modernen Zeitabschnitte ihren eigenen Stellenwert. Das entspricht der stärkeren Ausdifferenzierung der verschiedenen Lebenssphären, wie sie seit dem 19. Jahrhundert erfolgte.
In programmatischen Erklärungen zur Zeitgeschichte aus den frühen 1990er-Jahren spielte zwar die Wirtschaftsgeschichte – auch in den aufgezeigten Perspektiven – eine Rolle, aber sie blieb eher am Rande als eine begleitende Teildisziplin.[16] In den aktuellen Diskussionen zeigt sich inzwischen eine gewisse Veränderung: In der überwiegenden Zahl der nach der Jahrtausendwende erschienenen Einführungen in die Zeitgeschichte wird wirtschaftlichen Perspektiven wieder deutlich mehr Raum gegeben. Die ökonomische Entwicklung wird als Themenfeld der Zeitgeschichte ebenso behandelt wie die wirtschaftshistorische Fragestellung als methodischer Ansatz.[17] Hier schlägt sich der Trend nieder, dass der Wirtschaftsgeschichte angesichts der aktuellen Entwicklungen zumindest in der Wahrnehmung und der ihr entgegengebrachten Aufmerksamkeit, wenngleich auch noch nicht bei den für sie aufgewendeten materiellen Ressourcen, inzwischen wieder mehr Bedeutung zugemessen wird.
Zugleich ist nicht zu übersehen, dass gerade die wirtschaftshistorischen Kontroversen über den engeren Bereich der Wirtschaftsgeschichte hinaus in die Geschichtswissenschaft insgesamt oder gar in die Öffentlichkeit wirkten, die auch eminent politisch waren, so bei der sogenannten Borchardt-Debatte um die Probleme der Weimarer Wirtschaft oder bei der bis heute anhaltenden Diskussion um die Rolle der Unternehmen im „Dritten Reich”.[18] Insofern gehört nicht viel Fantasie zu der Vorhersage, dass in absehbarer Zukunft wirtschaftshistorische Untersuchungen zur Schulden- und Krisenproblematik verstärkt öffentliche Aufmerksamkeit finden werden.
Dies führt zu der Frage, welchen Stellenwert die Zeitgeschichte in der Wirtschaftsgeschichtsschreibung einnimmt. In den letzten zwanzig Jahren ließ sich diesbezüglich ein grundlegender Paradigmenwechsel beobachten: Standen noch bis Anfang der 1990er-Jahre die Industrialisierung und das 19. Jahrhundert eindeutig im Mittelpunkt wirtschaftshistorischen Forschens, so dominiert – ausgehend von der verstärkten Beschäftigung der Wirtschaftshistoriker mit den beiden deutschen Diktaturen – inzwischen die Zeitgeschichte auch die Wirtschaftsgeschichtsschreibung.[19]
Die Weimarer Republik bildete bereits seit den 1970er-Jahren einen der Schwerpunkte der Zeitgeschichtsschreibung, wobei wirtschaftshistorische Aspekte eine tragende Rolle spielten. Aus der Sicht der Zeitgeschichte ging es vor allem darum, die „Machtergreifung” der Nationalsozialisten zu erklären, deren Ursachen und Hintergründe gerade in den ökonomischen und sozialen Problemen der Zeit gesehen wurden.[20] Aus wirtschaftshistorischer Perspektive standen und stehen dagegen die Inflation[21] und – mit internationalem Blick – die Weltwirtschaftskrise 1929-1932,[22] ihre Ursachen und Folgen im Mittelpunkt der Untersuchungen zu diesem Zeitabschnitt, was für den deutschen Fall auch den Brückenschlag zur Zeit des Nationalsozialismus herstellt. Dabei bildet die Frage nach dem Verhältnis der Wirtschaft zum nationalsozialistischen Regime immer einen Schwerpunkt. Galt zunächst nicht nur in der DDR die Vorstellung, dass das „Dritte Reich” im Interesse des Kapitals errichtet worden sei und entsprechend agierte, fand diese Position schon sehr früh Widerspruch, und empirische Forschungen brachten auch die entsprechenden Belege.[23] Aber gerade die seit den 1990er-Jahren im Zuge der Diskussion über Entschädigungszahlungen deutscher Unternehmen an die Opfer der NS-Diktatur angestoßenen Forschungen zur Rolle einzelner Unternehmen in diesem System erbrachten ein weitaus differenzierteres Bild, das nicht leicht auf den Punkt zu bringen ist[24] und immer wieder für Kontroversen sorgt.[25]
Die Nachkriegsgeschichte wurde vereinzelt bereits in den 1970er-Jahren zum Gegenstand wirtschaftshistorischer Untersuchungen,[26] woraus eine Debatte über Entstehung und Bedingungsfaktoren des westdeutschen Wirtschaftswunders erwuchs.[27] Aber auch die SBZ/DDR fand bereits – neben den in der DDR selbst entstandenen, teilweise materialreichen Arbeiten[28] – in der westlichen Wirtschaftsgeschichtsschreibung Aufmerksamkeit.[29] Mit dem Zusammenbruch des ostdeutschen Teilstaats und der Öffnung der dortigen Archive erlebte die Untersuchung der DDR-Wirtschaft vor allem auch im Vergleich zur Bundesrepublik einen Boom. Diese Arbeiten hatten ihren Schwerpunkt in der Untersuchung von Innovationsprozessen und der ihnen zugrunde liegenden Konkurrenz der verschiedenen Systementwürfe.[30] Inzwischen liegen auch Gesamtdarstellungen zur Wirtschaftsgeschichte der beiden deutschen Staaten vor.[31] Ebenso wurde die Langfristentwicklung der deutschen Wirtschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert systematisch zusammengefasst.[32] Solche langfristigen Perspektiven werden auch in diversen Handbüchern zur europäischen Geschichte und darüber hinaus aufgezeigt.[33] In den Anfängen befinden sich bisher Forschungen zur Wirtschaftsgeschichte der (west)europäischen Integration[34] und der Globalisierung.[35]
Die verstärkte Aufmerksamkeit gegenüber der Wirtschaftsgeschichte hängt auch mit der in der Zeitgeschichte angestoßenen Debatte um die Umbrüche im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts zusammen, die einen starken Schwerpunkt auf die sozioökonomischen Prozesse legt.[36] Die in diesem Umfeld erfolgenden Untersuchungen führen mehr und mehr über die Epochenschwelle von 1989/91 hinaus und erfassen damit auch die Transformation der ehemaligen Ostblockländer. Auf diesen Gebieten werden sich wohl mittelfristig die Arbeiten in der Wirtschaftszeitgeschichte konzentrieren.
Die Zukunft der Wirtschaftsgeschichte liegt – darauf hat Werner Plumpe hingewiesen – in der Analyse des wirtschaftlichen Strukturwandels in seiner Einbettung in den gesellschaftlichen Wandel mit verschiedenen theoretisch-methodischen Zugängen. Dieser Wandel hängt von den Entscheidungen ab, die „die Wirtschaftssubjekte (Unternehmen, Haushalte, Konsumenten) in einem für sie grundsätzlich zukunftsoffenen Horizont in kulturell ermöglichter und vermittelter Weise treffen”. Auf diese Weise steht die Wirtschaftsgeschichte in einem engen Zusammenhang mit der Geschichtswissenschaft im Allgemeinen und der Zeitgeschichte im Besonderen, und sie wird trotz des notwendigen Bezugs auf die moderne ökonomische Theorie auf ihre historischen Grundlagen verwiesen.[37]
↑ Plumpe, "Moden und Mythen", S. 233f., Zitat S. 234.
Gerold Ambrosius, Dietmar Petzina, Werner Plumpe (Hrsg.), Moderne Wirtschaftsgeschichte. Eine Einführung für Historiker und Ökonomen, 2. Auflage. Oldenbourg, München 2006, ISBN 9783486578782.
Hartmut Berghoff, Jakob Vogel, Wirtschaftsgeschichte als Kulturgeschichte. Dimensionen eines Perspektivenwechsels, Campus, Frankfurt a. M. 2004, ISBN 9783593375960.
Christoph Buchheim, Einführung in die Wirtschaftsgeschichte, Beck, München 1997, ISBN 9783406419010.
Toni Pierenkemper, Wirtschaftsgeschichte. Eine Einführung - oder: wie wir reich wurden, Oldenbourg, München 2005, ISBN 9783486577945.
Werner Plumpe (Hrsg.), Wirtschaftsgeschichte. Basistexte Geschichte, Steiner, Stuttgart 2008, ISBN 9783515090643.
Günther Schulz et al. (Hrsg.), Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Arbeitsgebiete Probleme Perspektiven (= 100 Jahre Vierteljahresschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte), Steiner, Stuttgart 2004, ISBN 9783515084352.
Hansjörg Siegenthaler, Geschichte und Ökonomie nach der kulturalistischen Wende, in: Geschichte und Gesellschaft. 25, 1999, ISSN 0340-613X, S. 276-301 (online).
Reinhard Spree (Hrsg.), Geschichte der deutschen Wirtschaft im 20. Jahrhundert, Beck, München 2001, ISBN 9783406475696.
Jakob Tanner, Kultur in den Wirtschaftswissenschaften und kulturwissenschaftliche Interpretationen ökonomischen Handelns, in: Handbuch der Kulturwissenschaften, Bd. 3: Themen und Tendenzen. Metzler, Stuttgart 2004, ISBN 9783476024008, S. 195-224.
Copyright © 2013: Clio-online – Historisches Fachinformationssystem e.V. und Autor:in, alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk ist zum Download und zur Vervielfältigung für nicht-kommerzielle Zwecke freigegeben. Es darf jedoch nur erneut veröffentlicht werden, sofern die Einwilligung der o.g. Rechteinhaber vorliegt. Dies betrifft auch die Übersetzungsrechte. Bitte kontaktieren Sie: redaktion@docupedia.de.