Polen – Oppositionelle Geschichtsschreibung in der Volksrepublik (1976-1989)
Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 30.08.2011
https://docupedia.de/zg/zaganczyk-neufeld_polen_-_kommentar_v1_de_2011
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok.2.285.v1
Begriffe, Methoden und Debatten
der zeithistorischen Forschung
Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 30.08.2011
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DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok.2.285.v1
In seinem Aufsatz weist Rafał Stobiecki auf zwei Richtungen hin, die die polnische Zeitgeschichtsschreibung nach 1989 prägten: eine stark moralisierende sowie eine methodische Fragen bewusst bagatellisierende Richtung.[1] Dies hat eine lange Tradition: Eine Geschichtsschreibung, die sich als Vermittlung der vermeintlich wahren und objektiven Geschichte versteht, welche anhand der für sich selbst sprechenden Quellen dargestellt wird, wurde in Polen schon seit Anfang des 19. Jahrhunderts erfolgreich praktiziert. Dazu kam noch das fragwürdige Ethos der Historiker als Volksgewissen und „Herzstärkung”[2] für die Nation im besetzten Land. Ein Ethos, das sich im unhinterfragten Selbstbild der Zeithistoriker/innen als einstige Oppositionelle in der Volksrepublik Polen, in ihrem Fokus auf die Verurteilung des kommunistischen Regimes und in der oft kritiklosen Hervorhebung der entscheidenden Rolle der Opposition bis heute fortsetzt.
Dies führt einerseits zwar dazu, dass – so Klaus Bachmann – „die polnische Historiographie etwas hat, worum sie manche westeuropäische Historiographie [...] beneiden kann: Sie wird gelesen.”[3] Durch die gute Verankerung in der Öffentlichkeit und in der Tagespolitik genießen die Zeithistoriker/innen hohes Ansehen. Andererseits bleiben aber zahlreiche (von Stobiecki aufgelistete) Themen unbearbeitet. Die gegenwärtige polnische Zeitgeschichte ist – so meine These – vorwiegend eine einseitige Geschichte der ehemaligen Opposition.
Welche Ursachen hat dieser Zustand? Die Wurzel der von Stobiecki beschriebenen Entwicklungen liegt meines Erachtens in der Spezifik der oppositionellen Geschichtsschreibung im „Zweiten Umlauf”[4] in den 1970er- und 1980er-Jahren. Im Folgenden werde ich zunächst den Begriff „oppositionelle Geschichtsschreibung” definieren. Danach werde ich auf die ideengeschichtlichen Inspirationen und auf die Themenbereiche der oppositionellen Geschichtsschreibung eingehen. Abschließend folgt ein Vorschlag zum wissenschaftlichen Umgang mit der Historiografie der polnischen Opposition.
Trotz der Ideologisierung der Geschichtswissenschaft und verschiedener Repressionen gegen Historiker war die Geschichtsschreibung der Volksrepublik Polen nicht homogen. In den Jahren 1945 bis 1948 habe es noch eine Kontinuität zur Geschichtswissenschaft der Zwischenkriegszeit gegeben, so Konstanze von Acheraden. Erst zwischen der VII. Polnischen Historikerkonferenz 1948 und der Ersten Methodologischen Konferenz 1951/1952 sei die „Überwindung der Vorherrschaft nicht-marxistischer Historiographie” eingeleitet worden. Nach der Gründung der Polnischen Akademie der Wissenschaften 1951 sollte die Wissenschaft zentralisiert und die Geschichte Polens neu geschrieben werden.[5]
Der Höhepunkt des Stalinismus waren die Jahre 1952-1955. Aber auch in dieser Zeit habe es, so der polnische Historiker Jerzy Borejsza, weiterhin Kontakte polnischer Historiker zur Schule der „Annales” gegeben.[6] Borejsza betont, dass die Methodologie des Marxismus-Leninismus für manche bedeutende Historiker inspirierend gewesen sei, „und dies keineswegs unter Zwang”.[7] Es haben sich außerdem zwei wichtige Schulen gebildet, die zwar nicht nur Historiker umfassten, aber für diese von großer Bedeutung waren: die Warschauer Schule der Ideenhistoriker[8] mit Leszek Kołakowski, Bronisław Baczko, Jerzy Szacki, Krzysztof Pomian, Zygmunt Bauman und Andrzej Walicki sowie die sogenannte Posener Methodologische Schule[9] mit den Philosophen Kazimierz Ajdukiewicz, Leszek Nowak und dem Historiker Jerzy Topolski an der Spitze.
Heutzutage findet man in Polen nur schwer Informationen über die beiden Schulen. Da sich die Historiker/innen heute so gut wie gar nicht mit diesem Thema beschäftigen, wissen wir wenig über die Probleme der damaligen Historiker mit der Zensur, über das tatsächliche Ausmaß der ideologiegeprägten Veränderungen in ihren wissenschaftlichen Arbeiten sowie über Repressionen am Arbeitsplatz.[10] Es wird nur vermutet, dass manche von ihnen einen hohen Preis für ihre Karriere bezahlt haben, doch belegen lässt sich diese These nicht.
In der Literatur wird dagegen betont, dass die Universitäten bis zur nationalistischen und antisemitischen Kampagne der Partei 1968 relativ autonom gewesen seien. In den nicht vollständig kontrollierten universitären Kreisen sei das Ideal eines Intellektuellen entstanden, der nicht nur wissenschaftlich arbeite, sondern auch eine meinungsbildende Rolle zu erfüllen habe, z.B. durch Publizistik, Vorträge oder Diskussionen in Cafés.[11] Erst die Repressionen 1968 betrafen dann in besonderer Weise die Universitäten, allerdings ohne den von der Staatsmacht gewünschten Erfolg zu zeitigen. Das Ethos des kritischen Intellektuellen ist durch die Repressionen sogar noch gestärkt worden und hat auch die neue Generation der Studenten nachhaltig beeinflusst.
Das ist – vereinfacht gesehen – die Generation, aus der die Historiker stammen, die den Zweiten Umlauf entwickelt und geprägt haben und deren wissenschaftliche und gesellschaftspolitische Aktivitäten hier als „oppositionelle Geschichtsschreibung” bezeichnet werden.
„Es geht also darum, die kulturelle Wir-Identität zu bewahren und auszubilden. Die Wir-Identität ist so zu verstehen, dass eine Gruppe, in diesem Falle die geistige Elite des Landes, ein bestimmtes Bild aufbaut, mit dem sich die Angehörigen der Gruppe auch identifizieren”,[12] schrieb die in Krakau promovierte deutsche Historikerin Alix Landgrebe zur Instrumentalisierung der Geschichte in Polen am Anfang des 19. Jahrhunderts. Dieses Zitat könnte aber unverändert auch auf die Zeit der Volksrepublik Polen angewendet werden. Das Paradigma der Wir-Sie-Unterscheidung, verbunden mit der Identitäten stiftenden Rolle der polnischen Intelligenz – darunter zum großen Teil Historiker/innen –, gilt bis heute als gewissermaßen selbstverständlich.
Die Erinnerung an den Umgang mit der nationalen Geschichte im 19. Jahrhundert stand auch am Anfang der oppositionellen Historiografie in der Volksrepublik Polen. Noch bevor sich der Zweite Umlauf entwickelte, erschien ein Werk, das für lange Jahre zum Kanon der „unabhängigen” Historiker wurde: Die Genealogie der Verweigerer [Rodowody niepokornych] von Bohdan Cywiński.[13] Cywiński stellte verschiedene Vertreter der Intelligenz im 19. Jahrhundert vor, um zwei Fragen zu beantworten: 1. Was hat das Ethos der Intelligenz ausgemacht? 2. Kann man zu Recht von einer linken und einer rechten Intelligenz sprechen? Cywiński wies darauf hin, dass die besondere Rolle der Intelligenz in ihrem Dienst gegenüber der Gesellschaft – und nicht in ihrem Klassenstolz – gelegen habe. Zwischen Romantikern und Positivisten habe es viele Gemeinsamkeiten gegeben, insbesondere im Hinblick auf ihre Vision der Wiedererlangung der polnischen Staatlichkeit. Die Botschaft für die Intelligenz der Volksrepublik Polen war deutlich: Sie sollte sich nicht in links und rechts aufspalten, sondern gemeinsam und einheitlich für Polen kämpfen.
Aus dieser Interpretation der Geschichte des 19. Jahrhunderts entstand in der Volksrepublik Polen das Ideal der aufgeklärten, im Dienste der Gesellschaft arbeitenden, gegen den kommunistischen Staat vereinten Intelligenz. Historiker galten als Schöpfer der Nationalkultur. Aus der Geschichte der Teilungen ließen sich viele Parallelen zu der Situation der Volksrepublik herstellen: ein besetztes Land mit einer fremden, von niemandem gewählten und gemochten Herrschaft; eine Gesellschaft mit großen Traditionen der Freiheitskämpfe und der Demokratie; und natürlich der Katholizismus als immanentes Element des Polentums. Besonders am Beispiel des Katholizismus wurde deutlich, dass diese Geschichtskonstruktion auch von Wunschvorstellungen der Historiker geprägt war: Bei der katholischen Kirche wurde vor allem ihre Offenheit für die Nicht-Gläubigen betont – eine Tugend, die sich die linke, ex-revisionistische Opposition von der Kirche sehr gewünscht hat.
Manche Historiker befanden sich spätestens seit Mitte der 1970er-Jahre in einer Doppelrolle: als Wissenschaftler und als Oppositionelle. Der Anteil der Historiker in der oppositionellen Elite war groß: Bogdan Borusewicz, Bronisław Geremek, Aleksander Hall, Marcin Król, Jacek Kuroń, Jan Józef Lipski, Adam Michnik. In der Opposition engagierten sich auch die heute wichtigsten Zeithistoriker: Andrzej Friszke, Jerzy Holzer und Andrzej Paczkowski. Friszke arbeitete als Redakteur des historischen Teils der Wochenzeitschrift „Tygodnik Solidarność”. Holzer verfasste die erste Monografie der Solidarność.[14] Diese Doppelrolle beeinflusste ihre Geschichtsschreibung, und die Geschichtsschreibung beeinflusste die Wahrnehmung der polnischen Geschichte in der Gesellschaft. Klaus Bachmann stellte diese Problematik am Beispiel des Gegensatzes zwischen „der Macht” und „der Gesellschaft” dar, den Holzer mit seiner Monografie etabliert hat:
„Holzer hat seine Analyse auf den Anfang der achtziger Jahre bezogen, doch er ist so interessant und populär geworden, dass er von vielen Autoren auf die gesamte Zeit der Volksrepublik übertragen wurde. Manchmal, wenn für das 19. Jahrhundert plötzlich von den Polen, der polnischen Gesellschaft auf der einen Seite und den Teilungsmächten auf der anderen Seite die Rede ist […], hat man sogar den Eindruck, Holzers Ansatz werde über hundert Jahre zurückprojiziert. […] Die darin enthaltene Überbetonung der Rolle der Intellektuellen, die natürlich auch nicht so homogen aufgetreten sind, wie dieses Schema suggeriert, lasse ich hier beiseite.”[15]
Nichtsdestotrotz war die Bildung der Wir-Identität als einer Werte- und Schicksalsgemeinschaft, die ihre Geschichte gut bewahrt hat und aus ihr lernen kann, erfolgreich. Auch das Bild der fremden, gegen die Interessen der Nation handelnden Herrschaft setzte sich durch.
Aus der rapiden Entwicklung der Opposition und des Zweiten Umlaufs ab 1976 resultierte unter anderem ein enorm wachsendes gesellschaftliches Interesse an der „wahren” Geschichte – insbesondere an der Zeitgeschichte. Wie Magdalena Mikołajczyk in ihrer Dissertation zur Geschichtsschreibung des Zweiten Umlaufs herausgearbeitet hat, hatte die oppositionelle Zeitgeschichtsschreibung nicht nur eine wissenschaftliche, sondern vor allem eine politische und propagandistische Bedeutung.[16] Die politischen Inhalte der Historiografie seien wichtige Elemente einer Strategie der Delegitimierung der kommunistischen Parteiherrschaft gewesen.[17] Die meisten zeitgeschichtlichen Abhandlungen seien in Form von Interviews, Tagebüchern, historischen Essays und Dokumentensammlungen veröffentlicht worden und hätten eine breite Wirksamkeit in der Öffentlichkeit entfaltet.[18]
Zu den aufklärungsbedürftigen „weißen Flecken” gehörten für die oppositionellen Historiker/innen vor allem: ausgewählte Probleme der polnisch-sowjetischen Beziehungen (der „polnisch-bolschewistische” Krieg 1920; der Ribbentrop-Molotow-Pakt von 1939 und die sowjetische Okkupation Polens nach 1939; der Massenmord in Katyń 1940; die Deportationen von Polen in die Sowjetunion); die politische Biografie von Józef Piłsudski; die polnische Heimatarmee [Armia Krajowa]; der Warschauer Aufstand 1944; die legale Opposition bis 1947; der polnische Stalinismus sowie die Umstände der kommunistischen Machtergreifung in Polen.[19]
Die Politisierung der Zeitgeschichtsschreibung bei gleichzeitigem Streben nach Aufklärung der „weißen Flecken” der Geschichte und nach der „Wahrheit” führte zu einer erneuten Verzerrung der polnischen Vergangenheit. Mikołajczyk listet die Interpretationsschemata der oppositionellen Zeitgeschichtsschreibung auf:
Deutlich wird in diesen Schemata, dass die Geschichtsschreibung mehr der „Stärkung der Herzen” als der Beschreibung der tatsächlichen Zustände diente. Die Osteuropahistorikerin Claudia Kraft beschrieb die oppositionelle Geschichtsschreibung deshalb als einen Gegenentwurf zur kommunistischen Erinnerungskultur und zum staatlichen Deutungsmonopol. Nach dem amerikanischen Ethnologen und Politologen Jan Kubik, der den oppositionellen Diskurs als „counterhegemonic discourse”[21] bezeichnet hat, zählt Kraft seine Merkmale auf: Romantik, polonozentrischer Katholizismus und universalistische zivilgesellschaftliche Entwürfe.[22]
Im Schlusswort ihrer Dissertation schlägt Mikołajczyk vor, die Zeitgeschichtsschreibung des Zweiten Umlaufs auf vier Ebenen zu bewerten. Auf der informativen Ebene seien die Verdienste der Zeithistoriker besonders hervorzuheben. Auf der sprachlichen und begrifflichen Ebene sei die große Bedeutung der Abkehr von der parteipolitischen Rhetorik zu betonen. Bestimmte Begriffe, wie zum Beispiel der Begriff der Politik, seien jedoch durch die oppositionelle Rhetorik so stark beeinflusst worden, dass sie in der wissenschaftlichen Forschung nur mit Vorbehalten gebraucht werden könnten oder gar nicht mehr geeignet seien. Die vierte, interpretatorische Ebene sei dagegen – wegen der oben skizzierten Interpretationsmuster – kritisch zu betrachten.[23]
Dieser Kommentar soll die Verdienste der oppositionellen Zeitgeschichtsschreibung nicht mindern oder in Frage stellen. Ich möchte vielmehr einen kritischen Blick auf ausgewählte Forschungstendenzen werfen und darauf hinweisen, dass die Zeitgeschichtsschreibung in Polen sich nicht nur mit den zahlreichen ideologisch-propagandistischen Einflüssen des Ancien Régime kritisch auseinandersetzen sollte, sondern auch mit bestimmten Einflüssen der oppositionellen Perspektive auf die Vergangenheit. In der jüngeren Generation der Zeithistoriker/innen wird diese Problematik immer häufiger als wichtiger Forschungsgegenstand definiert.
Die Zeitgeschichtsschreibung ist stark an Generationen gebunden. Ein Ausblick auf die bevorstehende Entwicklung der polnischen Zeitgeschichte lässt vermuten, dass die zeitgeschichtlichen Abhandlungen der ehemals mit der Opposition sympathisierenden Historiker/innen durch die nächste Forschergeneration nicht nur als wissenschaftliche Werke, sondern auch als eine Bestandsaufnahme des damaligen historischen Bewusstseins und somit als Primärquellen betrachtet werden können.
↑ Mikołajczyk, Jak się pisało o historii, S. 232-240.
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