Kulturtransfer, Transferts culturels
Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 28.01.2016
https://docupedia.de/zg/middell_kulturtransfer_v1_de_2016
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok.2.702.v1
Begriffe, Methoden und Debatten
der zeithistorischen Forschung
Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 28.01.2016
https://docupedia.de/zg/middell_kulturtransfer_v1_de_2016
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok.2.702.v1
Ursprünglich in den Literatur- und Kulturwissenschaften entwickelt, hat sich die Kulturtransferforschung inzwischen in vielen Bereichen der Geschichtswissenschaft etabliert. Sie legt den Schwerpunkt auf die Präsenz von Elementen fremder Kulturen in der eigenen Kultur durch empirisch untersuchbare Auswahl- und Aneignungsprozesse sowie deren Akteure und Medien. Die Kulturtransferforschung betont im Gegensatz zu älteren Annahmen über Einflüsse, die solche Aneignungsprozesse angeblich automatisch nach sich ziehen, das Kontingente an der Perzeption, für die nicht nur die Möglichkeit zum Kontakt und eine entsprechende eigene Motivation – etwa durch die Identifizierung eines Defizits in der aneignenden Kultur – Voraussetzungen sind, sondern bei der sich auch konkrete Vermittler engagieren müssen. Der Gebrauch des Wortes „Transfer” hat dabei zuweilen zu Missverständnissen geführt, weil dies im Deutschen und Englischen häufig mit Ausbreitung oder Diffusion verknüpft wird (etwa im landläufigen Verständnis von Kapital- oder Technologietransfer). Im Französischen, wo die Terminologie der Transferts culturels zunächst eingeführt wurde, ist dagegen der Ausgangspunkt die Sprache der Gaben-Theorie von Marcel Mauss, die den Aneignungsaspekt in sich trägt.
Diese semantischen Unterschiede sind neben anderen, auf die noch einzugehen sein wird, eine Ursache für die relativ lange wirksame Eingrenzung der Kulturtransferforschung auf den deutsch-französischen Kontext. In anderen Wissenschaftskulturen und Untersuchungsfeldern haben sich Begrifflichkeiten etabliert, die Überschneidungen mit der Kulturtransferforschung aufweisen, so etwa Studien zu cultural encounters, Hybridität, Kulturkontakten, Interkulturalität u.v.a.m., aber teilweise andere Schwerpunkte setzen bzw. in der Operationalisierung der Konzepte anders vorgehen.
Als die beiden französischen Germanisten und Kulturhistoriker Michel Espagne und Michael Werner Mitte der 1980er-Jahre in zwei Aufsätzen[1] ihr Forschungsprogramm für die Suche nach ausländischen Referenzen in der deutschen und französischen Nationalkultur erstmals darlegten, war keineswegs abzusehen, dass dieser Vorschlag zur Untersuchung kultureller Transfers einen tiefgreifenden methodologischen Umbruch auslösen sollte. Frontal attackierten die beiden Autoren die bis dahin fast ungebrochene Dominanz diffusionistischer Ansätze. Deren Anhänger suchen primär nach Wirkungen und Einflüssen auffälliger kultureller Muster und konstruieren daraus nicht selten ein „Kulturgefälle” zwischen scheinbar besonders fruchtbaren Ursprungskulturen einerseits und den Zielkulturen eines solchen Einflusses andererseits. Solchen diffusionistischen Ansätzen sind sehr häufig teleologische Annahmen zur Überlegenheit einer bestimmten Kultur, Gesellschafts- oder Regimeform eingeschrieben, wie sie viele Modernisierungstheorien oder auch Vorstellungen von der weitgehend homogenisierten Nationalkultur als Ziel der historischen Entwicklung implizieren.
Espagne und Werner plädierten dagegen dafür, die interne Dynamik der Rezeptionsvorgänge zwischen verschiedenen Kulturräumen in den Mittelpunkt der Untersuchung zu rücken: „Die Frage der Entstehungsgeschichte deutsch-französischer Differenzierungen, das damit verbundene Problem der Akkulturation, die Suche nach einem spezifisch deutschen Moment in der französischen Kulturgeschichte und umgekehrt, sind die eigentlichen Gegenstände einer Theorie des interkulturellen Kulturtransfers.”[2]
Kulturtransfer wird verstanden als ein aktiv durch verschiedene Mittlergruppen betriebener Aneignungsprozess, der von den Bedürfnissen der Aufnahmekultur gesteuert wird. In diesem Sinne kann es auch nicht zu einem Missverstehen einer fremden Kultur kommen, sondern zu deren notwendigerweise selektiven Wahrnehmung entlang einer Idee von der eigenen Kultur oder Gesellschaft, für die nach Anregungen zur Reform diagnostizierter Mängel gesucht wird. Das idealtypische Design eines Forschungsprojekts im Rahmen dieses Ansatzes kehrt die Anordnung diffusionistischer Ansätze geradezu um, bei der zunächst das Original in einem kulturellen Ausgangskontext A beschrieben und dann dessen (mehr oder minder vollständige und korrekte) Ausbreitung in den kulturellen Zielkontext B analysiert wird. Die Kulturtransferforschung orientiert sich dagegen an der folgenden Sequenz chronologisch aneinander anschließender Untersuchungsgegenstände:
1. Erörterung einer Defizitfeststellung im kulturellen Aneignungskontext B und Identifizierung möglicher Objekte und Muster in einem fremden kulturellen Kontext A, die geeignet erscheinen, das festgestellte Defizit zu beheben.
2. (Selbst-)Mobilisierung von Akteuren, die aufgrund ihrer Biografie, Profession oder kulturellen Positionierung (häufig in einer mit den Kontexten A und B verbundenen Zwischenlage[3]) prädestiniert erscheinen, die für die Perzeption/Aneignung notwendige Übersetzung[4] zu leisten. Diese Vermittlung hat eine nicht zu unterschätzende mediale Seite, die Art und Reichweite der Vermittlung mit bestimmt.
3. Erörterung der Akzeptanz des Anzueignenden und Einbau in die existierenden Muster des Aneignungskontextes.
4. Bewertung des Aneignungsprozesses, die von der offenen Anerkennung der Anregung aus dem kulturellen Kontext A bis zur ebenso offenen Verleugnung (und „Erfindung” eines autochthonen Ursprungs) reichen kann.
![Sorbonne, Paris, Foto: Gouts, 6.8.2014. Quelle: [https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:La_Sorbonne#/media/File:Sorbona_Entrada.jpg Wikimedia Commons] ([http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/ CC BY-SA 4.0]).](sites/default/files/import_images/1818.jpg)
Der vorgestellte Ansatz der Kulturtransferforschung lässt sich auch mit einem Beispiel veranschaulichen: Nach dem Krieg von 1870/71 suchten französische Politiker und Intellektuelle nach möglichen Ursachen für die Niederlage und diskutierten auch eventuell notwendige Reformen des Bildungssystems. Eine ganze Phalanx junger Wissenschaftler wurde an deutsche Universitäten entsandt, um gegebenenfalls Gründe für die Überlegenheit des Konkurrenten aufzuspüren. In ihren Berichten hoben diese Mittler den Diskussionscharakter der Seminare in den Geistes- und Sozialwissenschaften hervor und unterstrichen dessen Bedeutung für die Ausbildung einer Generation, die zu gründlicher Analyse und selbstständiger Entscheidung befähigt würde und die sich dann auch im Heereseinsatz der aus den Hochschulabsolventen gewonnenen Truppenführer bewähre. Erkennbar nutzten die Rapporteure, unter ihnen aufgehende Sterne der französischen Soziologie, Geografie, Psychologie und Geschichtswissenschaft, die strategische Situation, in die sie der staatliche Auftrag gebracht hatte, um ihre eigene künftige Arbeitsumgebung zu gestalten. Einen näheren Beweis für den direkten Zusammenhang zwischen Seminararbeit und militärischer Durchschlagskraft konnten sie wohl auch kaum liefern. Wesentlich ist aber, dass es ihnen gelang, Reformen im französischen Hochschulwesen anzustoßen, die die Schwächen der napoleonischen Universität milderten und eine Ausdifferenzierung der Lehr- und Forschungslandschaft mit sich brachten. Dass dies anschließend als die Einlösung einer alten französischen Bildungsidee, die schon im Collège de France Praxis gewesen sei, renationalisiert und damit als Aneignung eines ausländischen Musters verschleiert wurde, gehört zur Varianz der zu beobachtenden Ergebnisse von kulturellen Transfers. Im Ergebnis jedenfalls, und darum ging es den Urhebern der Kulturtransferforschung, lassen sich „deutsches” und „französisches” Universitätsmodell vielleicht noch als Idealtypen unterscheiden, aber die Realität der Lehr- und Forschungsanstalten in Frankreich und Deutschland erweist sich im Ergebnis der Transfers als eine weitgehend transnationale – aller Betonung ihrer Bedeutung für die nationale Identität zum Trotz.[5]
In der Formulierung der oben genannten und hier an einem Beispiel vorgeführten Stufen des Forschungsprozesses wird bereits berücksichtigt, dass „kulturelle Kontexte” nicht einfach als homogene Nationalkulturen (etwa französische oder deutsche) aufgefasst werden dürfen. Im Laufe der Weiterentwicklung des Ansatzes wurde dies deshalb auch immer differenzierter gefasst, worauf noch zurückzukommen sein wird. Die Kulturtransferforschung hat sich jedoch bei aller gebotenen Relativierung von „Nationalkulturen” nicht von der Idee vergleichsweise kohärenter kultureller Kontexte, die Dispositionen der Zugehörigkeit hervorrufen, verabschiedet. Sie ist der Überlegung treu geblieben, dass solche kulturellen Kontexte, auch wenn sie keineswegs allein die Form von Nationalkulturen haben, für eine gewisse Dauer relativ stabil bleiben und deshalb Bezugsgrößen für Transferprozesse sind. Die Operationalisierung des Ansatzes beruht auf der Annahme, dass die zentralen Akteure, die intermediären Übersetzer, zwei verschiedene Kontexte der Kulturelemente unterscheiden, zwischen denen sie Aneignung und Adaption auslösen bzw. vermitteln. Die Kulturtransferforschung ist deshalb auch nicht jenen Ansätzen gefolgt, die eine völlige Auflösung der Grenzen von Kulturen durch Hybridisierung oder Kreolisierung annehmen,[6] auch wenn sie ihnen in der Problemstellung nahe steht.
In der Perspektive der Kulturtransferforschung konstituieren sich das Eigene und das Fremde wechselseitig, aber sie bleiben unterscheidbar. Das Ergebnis sind kulturell geprägte Räume, die gerade nicht als homogen gedacht werden. Vielmehr ist es Anliegen der Untersuchung von kulturellen Transfers, den Anteil an angeeigneten Elementen wieder zu Bewusstsein zu bringen. Der Ansatz richtet sich damit direkt gegen die Homogenisierungsbemühungen des methodologischen Nationalismus.[7] Das Beharren auf einem von der Vermischung des Eigenen und Fremden charakterisierten Kulturraums kann auch als Beschränkung in der Anwendbarkeit des Konzepts verstanden werden. Zumindest konzentrieren sich die empirischen Arbeiten vor allem auf den Zeitraum von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In dieser Periode lässt sich kulturelle Kohärenzstiftung besonders eindrucksvoll beobachten.
Gleichzeitig haben sich die Arbeiten zu kulturellen Transfers lange Zeit auf Gebiete konzentriert, die durch starke Nationalisierungsprozesse gekennzeichnet waren. Wolfgang Schmale hat darüber hinaus die These aufgestellt, dass für bestimmte historische Perioden jeweils eine Referenzkultur im Mittelpunkt der Transfers gestanden habe, wenn auch nie konkurrenzlos und eindeutig: Italien während der Renaissance; Frankreich im 18. und 19. Jahrhundert; nach dem Zweiten Weltkrieg die USA.[8] Die Ausweitung auf das 16. Jahrhundert hat zu entscheidenden Nuancierungen geführt, denn im Unterschied zum 19. Jahrhundert wäre die Verwendung eines Konzepts von Nationalkulturen hier anachronistisch. Mit der Anwendung auf höfische oder Gelehrtenkulturen wird erst deutlich, dass die allgemeinere Formulierung von kultureller Kohärenzstiftung Vorzüge hat, weil sie nicht notwendigerweise eine Verbindung von Kultur und Territorium mit sich führt.[9]
Die Nutzung des Konzepts für die Periode noch einmal enorm beschleunigter Kommunikation und verdichteter Verflechtung nach dem Zweiten Weltkrieg stößt dagegen auf forschungspragmatische Probleme anderer Art. Dies hängt vor allem damit zusammen, dass aufgrund der Zunahme in Geschwindigkeit und Zahl der Kommunikationsakte eine idealtypische Isolierung der Mittlerfiguren und ihrer Motivation für die kulturellen Transfers schwieriger wird. Das bedeutet keineswegs, dass es keine Kulturtransfers mehr gibt oder das Konzept untauglich wäre, zeitgeschichtliche Prozesse zu erfassen. Allerdings hat sich die Methodendebatte zu dieser Frage teilweise in das Feld der transnationalen Geschichte verlagert. Ungeachtet des Nachweises einer besonderen Leistungskraft für die Zeit zwischen 1750 und 1945, hat die Kulturtransferforschung zeitgeschichtliche Themen aufgegriffen – so etwa bei der Untersuchung der Beziehungen zwischen Frankreich und den beiden deutschen Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg.[10] Das zeitlich parallele Beispiel der deutsch-amerikanischen Beziehungen ist dagegen in viel stärkerem Maße von einer Mischung aus Einfluss- und Kulturtransferforschung geprägt. Vergleicht man allein diese beiden Beispiele, wird deutlich, dass die Durchsetzung eines bestimmten methodischen Ansatzes trotz aller Transnationalisierung der Debatten von vorherrschenden Theorietraditionen in den jeweiligen akademischen Gemeinschaften und von Großnarrativen (wie etwa dem der amerikanischen Hegemonie im 20. Jahrhundert) abhängt.
Zunächst bezogen sich an der Wende von den 1980er- zu den 1990er-Jahren empirische Untersuchungen etwa auf die Folgen kultureller Präsenz hanseatischer Einwanderer im Bordeaux des 18. und 19. Jahrhunderts.[11] Hier wurde das Forschungsprogramm eher exemplarisch als theoretisch aufwändig abgesichert präsentiert. Die Begründung für die Benutzung des Transfer-Begriffs nahm wenig Rücksicht auf verwandte semantische Felder und andere disziplinäre Traditionen: Der Begriff sei wenig besetzt, er berücksichtige Anklänge in der Gaben-Theorie von Marcel Mauss, sei dem Begriff der Übersetzung verwandt, funktioniere als Äquivalent des métissage und beziehe sich auf die Zirkulation jeder Art von Objekten in der wirtschaftlichen ebenso wie der kulturell-symbolischen Sphäre der Gesellschaft.[12]
Zu den Faktoren, die gerade das deutsch-französische Beispiel für die Entwicklung des Kulturtransfer-Ansatzes prädestinierten, gehört sicherlich die lange Tradition wechselseitiger Bezugnahmen und vergleichender Betrachtungen,[13] aber auch die Besonderheit der französischen Deutschlandstudien Etudes gérmaniques, die – selbst ein Produkt eines inzwischen gründlich untersuchten Transfers[14] – stärker kulturhistorisch ausgerichtet sind als etwa die deutsche Romanistik.[15] Hieraus bezogen Espagne und Werner eine Vielzahl von Anregungen – sei es die hohe Aufmerksamkeit für mikrohistorische Studien, die sich für einzelne Akteure und ihre Motive und Deutungsmuster interessierten, oder das Interesse an Mentalitätsgeschichte und kulturellen Repräsentationen.[16] Dazu zählt auch die Aufmerksamkeit für den Konstruktionscharakter des Archivs und die Uneindeutigkeit seiner Bestände in der Zuordnung zu politischen Einheiten.[17] In dieser Perspektive lassen sich gerade die scheinbar besonders eng an die Überlieferung des Territorialstaats gebundenen Archive zu einem Untersuchungsgegenstand machen, der anhand der Brüche in seinen Beständen auf frühere Konflikte mit und Aneignungen aus fremden Kulturen verweist.[18]
Neben solchen Anregungen, die in der französischen Historiografie insgesamt zirkulierten, spielten auch die Erfahrungen von Espagne und Werner in der Heine-Forschung und -Edition eine Rolle[19] sowie die enge Zusammenarbeit mit Kollegen wie dem eher sozialgeschichtlich ausgerichteten Wissenschaftshistoriker Christophe Charle, dem Buchhistoriker Frédéric Barbier oder dem Historiker konfessioneller Konflikte Étienne François. Eine der Folgen dieser Verankerung war, dass eine der hermeneutischen Phänomenologie verwandte Ideengeschichte und Textexegese immer mit der Frage nach der sozialgeschichtlichen Verankerung dieser kulturellen Muster und ihrer Materialität verbunden blieb. Dagegen hat sich etwa in der deutschen Romanistik und Kulturgeschichte eine vorrangig auf Texte und kulturelle Praktiken orientierte Kulturtransferforschung herausgebildet, die sich von einem sozialgeschichtlich grundierten Verständnis von Kulturwissenschaft eher fernhält als abgrenzt.[20]
Seit Anfang der 1990er-Jahre erlebte das Konzept eine breite Rezeption über den ursprünglichen Kreis der CNRS-Forschungsgruppe hinaus und wurde dabei mit zahlreichen methodischen und theoretischen Kontexten konfrontiert, die zu seiner weiteren Ausdifferenzierung beitrugen. Dieser Rezeptionsprozess wurde durch eine vielfältige Internationalisierungsstrategie vor allem um das regelmäßige Seminar der Forschungsgruppe „Pays germaniques: histoire, culture, philosophie (transferts culturels – archives Husserl)” unter Leitung von Michel Espagne an der Ecole Normale Supérieure Paris befördert, aus dem später das Exzellenzcluster TransferS hervorgegangen ist,[21] während Michael Werner 2002 das Centre de Recherches Interdisciplinaires sur l'Allemagne (CRIA) – inzwischen Centre Georg Simmel – an der École des Hautes Études en Sciences Sociales gründete.[22]
Besonders die 1990er-Jahre bildeten eine Zeit der raschen Entfaltung weiterer Dimensionen des ursprünglichen Konzepts. Mit den französisch-sächsischen Kulturbeziehungen[23] geriet auch die Tatsache stärker in den Blick, dass neben dem Nationalen das Regionale in der kulturellen Kohärenzstiftung eine große Rolle spielt und dabei die Übergänge von frühneuzeitlichen Territorialstaaten zu Regionen innerhalb moderner Nationalstaaten besondere Beachtung verdienen. Dies öffnete die Perspektive für drei Sachverhalte von über den Einzelfall hinausgehender theoretischer Bedeutung: Erstens, Kulturtransfers finden nicht nur zwischen vorher bereits als fix angenommenen territorialen Einheiten statt, sondern schaffen selbst Räume intensivierter kultureller Aneignung. Hier geht der Ansatz eine fruchtbare Symbiose mit dem spatial turn ein und liefert neues Material zu interkulturellen Verräumlichungsprozessen. Zweitens lassen sich innerhalb eines größeren kulturellen Raumes (etwa: „Deutschland”) deutlich markierte Subräume intensivierter kultureller Transferaktivität feststellen; einige von diesen zeigen eine solche Charakteristik über einen historisch langen Zeitraum und können deshalb als „europäische Regionen” bezeichnet werden. [24] Drittens kann die Aneignung ausgeprägt asymmetrisch verlaufen, denn es handelt sich keineswegs immer um einander als äquivalent anerkennende Partner in einem Austauschprozess.[25]
Damit rückten wiederum die spezifischen Qualitäten der Mittler, ihre interkulturellen Karrieren, ihr besonderes kulturelles Kapital zum Aufgreifen von Defiziterfahrungen in der einen und entsprechender Angebote in der anderen Kultur, in den Vordergrund. Neben besonderen technischen Fertigkeiten bestimmter Berufsgruppen[26] und Künstler[27] spielten Glaubensflüchtlinge und politische Emigranten eine besondere Rolle.[28] Standen bis dahin vor allem Mittler im Vordergrund, die sich in positiver Weise zu ihrer Transfertätigkeit geäußert hatten, so rückten nun auch kulturelle Transfers in den Mittelpunkt des Interesses,[29] die sich aus expliziter Ablehnung (und dahinter verborgener Faszination für das ausländische Modell) ergaben.[30] Der auf seinem Hass gegen alles Französische bestehende Ernst Moritz Arndt ist ein interessantes Beispiel, an dem sich die Übernahme bestimmter Muster der Nationalisierung gerade an ihrer Zurückweisung zeigen lässt.[31]
Waren viele der Studien zunächst (einzel- oder kollektiv-)biografisch und qualitativ angelegt, so unternahm ein von Rolf Reichardt und Hans-Jürgen Lüsebrink geleitetes Projekt zu den Übersetzungen aus dem Französischen während der Revolutionszeit den überzeugenden Versuch, Umfang und Gewichtung der kulturellen Transfers auch quantitativ zu vermessen. Sowohl die semantischen Neuerungen und Verschiebungen als auch die Schwerpunktverlagerungen in der Übersetzungstätigkeit vieler deutscher Autoren, Verleger und Zeitschriftenredakteure konnten so erstmals im Detail nachgezeichnet werden.[32] Annahmen von der durchgreifenden Politisierung der deutschen Debatte während der Revolutionszeit mussten wenigstens teilweise korrigiert werden.[33]
Die Kulturtransferforschung traf spätestens Mitte der 1990er-Jahre auf das rasch wachsende Interesse an der Historiografiegeschichte, sodass eine beeindruckende Zahl neuer Geschichtswissenschaften in verschiedenen Ländern dies- und jenseits des Atlantiks erschien. Nicht zufällig waren auch hier zunächst deutsch-französische Transfers für die Exploration wichtig, noch befördert durch die Prominenz der „Annales”-Schule, die nun in ihrem Verhältnis zu deutschen und belgischen Historikern vor und nach dem Ersten bzw. Zweiten Weltkrieg betrachtet wurde.[34] Mittlerweile sind aber auch die kulturellen Transfers zwischen lateinamerikanischen Historikern und den „Annales” gründlich untersucht und als Ausgangspunkt für Neuvorschläge zur theoretisch-methodologischen Positionierung genutzt worden.[35] Gabriele Lingelbach verband einen Vergleich der Institutionalisierungsprozesse mit der Analyse dabei wirksamer Transfers in die Geschichtswissenschaften Frankreichs und der USA,[36] während Marc Schalenberg der Zirkulation von Universitätsmodellen und Christophe Charle der von Vorstellungen über den Intellektuellen nachgingen,[37] um nur einige der wichtigsten Themenfelder zu erwähnen.
Bald stellte sich heraus, dass die vorzugsweise bilaterale Anlage vieler Arbeiten zu kulturellen Transfers eine aus pragmatischen Gründen einsichtige, aber zugleich wichtige Mechanismen vernachlässigende Komplexitätsreduktion darstellte. Trianguläre Transfers und selbst vier „Stationen” einbeziehende Konfigurationen wurden getestet mit dem Ergebnis, dass häufig „Dritte” die Rezeption zwischen zwei kulturellen Räumen vermittelten. Dies konnten etwa Übersetzer und Journalisten sein, die als Relais zwischen dem östlichen und dem westlichen Europa fungierten und ohne deren Beachtung schwierig zu verstehen bleibt, wie bestimmte Konzepte und Informationen etwa zwischen Petersburg und Paris zirkulierten. [38] Die genauere Betrachtung des Verhältnisses zwischen Frankreich, Deutschland und Italien, Skandinavien sowie Russland belegt nicht nur die Dichte entsprechender Mittlertätigkeiten, sondern auch die Mobilität der Mittler zwischen den kulturellen Zentren.[39]
Während diese Ausweitung auf mehrpolige Transferkonfigurationen vor allem synchrone Prozesse betraf, nahm die Kulturtransferforschung gleichzeitig Anregungen aus Untersuchungen zur Erinnerungs- und Geschichtspolitik auf. Dies war bereits im ursprünglichen Programm angelegt, in dem die Einordnung der angeeigneten Kulturelemente in eine bestehende kulturelle Ordnung als offensives Bekenntnis zur Offenheit gegenüber ausländischen Anregungen oder aber als bewusstes Verbergen der fremden Ursprünge konzipiert wurde. Bei einer diachronen Betrachtung erwies sich, dass bestimmte Aneignungsprozesse zu unterschiedlichen Zeitpunkten erneut aufgegriffen und thematisiert wurden, sodass sich verschiedene Aneignungsweisen aufeinander schichteten.[40] Systematisch lassen sich also horizontale bzw. synchrone und vertikale bzw. diachrone Transferzyklen unterscheiden.
Mit den Arbeiten von Laurier Turgeon,[41] der das Konzept des Kulturtransfers in den kanadischen Kontext übernahm und damit die Verflechtungen in bereits bikulturellen Gesellschaften zum Thema machte, gelangte erstmals die außereuropäische Welt und die Kolonialgeschichte stärker in den Fokus der Weiterentwicklung des Konzepts. Mit der intensiveren Erörterung der Wissenschaftsgeschichte der Anthropologie und ihres kolonialen Kontextes im 19. und 20. Jahrhundert näherte sich die Kulturtransferforschung der Kritik am Eurozentrismus an und stellte ein Instrumentarium bereit, die Aneignung des in der Karibik entwickelten Konzepts des métissage, der letztlich nicht mehr auflösbaren kulturellen Vermischung, in der europäischen Historiografie voranzutreiben.[42] In den letzten Jahren hat sich aus dieser erneuten geografischen und konzeptionellen Erweiterung eine Ausdehnung der Kooperationsbeziehungen ergeben: einerseits nach Asien[43] und Russland[44], andererseits nach Afrika.[45] Mit dieser Erweiterung des Gegenstandsbereichs von einem Kernbereich der europäischen Geschichte zu transregionalen kulturellen Transfers ist ein Anschluss zur Globalgeschichtsschreibung hergestellt, die sich methodisch neben dem Vergleich immer mehr auf Verflechtungsanalysen stützt und damit in wachsendem Maße auf die Kulturtransferforschung zurückgreift.
![Der thailändische König Chulalongkorn (1853-1910) während seiner zweiten „Grand Tour” durch Europa mit seinen Söhnen in England 1907, Fotograf: unbekannt. Quelle: [https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Grand_Tour?uselang=de#/media/File:Chulalongkorn_and_Princes.jpg Wikimedia Commons] ([https://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=Commons:Licensing&uselang=de#Material_in_the_public_domain gemeinfrei]).](sites/default/files/import_images/1817.jpg)
Eine erste Annäherung zwischen der aus Frankreich kommenden Transferforschung und dem in Deutschland besonders prominenten sozialhistorischen Vergleich mündete zunächst in eine Betonung der Differenzen.[46] Espagne unterstrich, dass der Vergleich in seiner bis dahin hauptsächlich praktizierten Art eher das Trennende zwischen den Untersuchungseinheiten hervorhebe und diese damit überhaupt erst als homogene, getrennte Entitäten ohne wesentliche wechselseitige Beeinflussung konstituiere, ja geradezu erfinde. Dabei seien viele Vergleiche gar nicht wirklich gleichberechtigte Untersuchungen zweier Objekte, sondern das Messen des einen an einem (zuweilen idealisierten) Anderen, wie dies in der Sonderwegs-Diskussion hervorträte. Entgegen ihrer Absicht würden die Komparatisten eher zur Nationalisierung des Geschichtsbildes statt zu dessen transnationaler Transzendierung beitragen.[47] Erst die beginnende Kontroverse um die Komparatistik rief in Erinnerung, dass bereits Marc Bloch – oft angerufener Stammvater der vergleichenden Geschichtswissenschaft – in seinem klassischen Vortrag auf dem Osloer Historikerkongress von 1928[48] darauf aufmerksam gemacht hatte, dass streng voneinander isolierte Einheiten, die sich für einen kontrastiven Vergleich eignen würden, historisch kaum anzutreffen seien, vielmehr das Problem der Beziehung und wechselseitigen Beeinflussung der Vergleichsentitäten durchweg mit bedacht werden müsse.[49]
Hierauf gründete die inzwischen weithin akzeptierte These von der Notwendigkeit einer (noch genauer zu bestimmenden) Kombination des Vergleichs mit der Kulturtransferforschung.[50] Jürgen Osterhammel hat darauf hingewiesen, dass der Unterschied gerade darin bestünde, dass der Vergleich zur Herausarbeitung einer begrenzten Zahl von Gemeinsamkeiten und Unterschieden eine Dekontextualisierung der Objekte in Kauf nehmen müsse, während die Fokussierung auf kulturelle Transfers wiederum eine Rekontextualisierung mit sich bringe, die allerdings ebenfalls ihre Grenzen in der Komplexitätsbewältigung habe.[51] Im Ergebnis dieser Debatte kam es zu einer Ausdifferenzierung des Methodenspektrums der Geschichtswissenschaft in Richtung einer stärkeren Integration transnationaler Verflechtungen[52] und einer größeren Aufmerksamkeit für die verschiedenen Varianten des historischen Vergleichens und ihre jeweiligen Fallstricke. In den letzten Jahren ist die Debatte innerhalb der Geschichtswissenschaft abgeflaut, hat sich aber auf die Neubestimmung des Verhältnisses zu Nachbardisziplinen verlagert – etwa der vergleichenden Politikwissenschaft[53] oder der Interkulturalitätsforschung in den Kulturwissenschaften[54], um zwei entgegengesetzte Richtungen zu nennen, die sich auf unterschiedliche Weise der Herausforderungen einer enger verflochtenen Welt annehmen.
Im Ergebnis werden heute im Wesentlichen zwei Positionen vertreten: Für die einen erscheinen Vergleich und Kulturtransferforschung miteinander kombinierbar,[55] während andere gerade den fundamentalen Unterschied beider Zugänge betonen.[56] Nicht übersehen werden sollte, dass die Kulturtransferforschung an zwei wichtigen Punkten den Vergleich gewissermaßen voraussetzt bzw. einschließt. Wer kulturelle Transfers beobachtet, die ihre Wurzeln in der Defizitwahrnehmung innerhalb einer je eigenen Kultur und in der Suche nach fremden Kulturelementen haben, die dieses Defizit beheben könnten, der beobachtet den vergleichenden Blick der Akteure, die diesen Transfer intendieren und in Gang bringen. Wer nicht einen einzelnen kulturellen Transfer isoliert untersucht, vergleicht Kulturtransfers nach ihrer Motivation, Reichweite, Zielrichtung, Erfolgsaussicht und ihren Konsequenzen. Ein solches Programm der Komplementarität von Komparatistik und Transferforschung ist bisher allerdings erst in Anfängen eingelöst.
Die Kulturtransferforschung hat sich bisher eher durch eine empirisch geleitete Experimentierfreude als durch das Bedürfnis nach theoretischer Abgrenzung von anderen Konzepten ausgezeichnet. Der Ansatz selbst ist Teil einer immer weiter um sich greifenden Sensibilität für die Rolle von Verflechtungen in der Gegenwart und ihrer erst noch globalgeschichtlich zu konstruierenden Vergangenheit. Diese Aufmerksamkeit für Verflechtungen (etwa im Konzept der entangled history oder der connected history[57]) korrespondiert mit der Analyse kultureller Transfers, die sich oft nicht eindeutig von anderen Bestrebungen um eine transnationale Perspektive klar unterscheiden lässt.
Michael Werner und Bénédicte Zimmermann haben mit dem Vorschlag einer „histoire croisée” einen in verschiedenen Ländern breiter rezipierten Vorstoß unternommen,[58] die verschiedenen Diskussionsstränge zu ordnen. Sie folgen der Grundannahme der Kulturtransferforschung, wonach es letztlich kein Objekt der Geschichte gibt, das als isolierte Einheit existiert und nicht Phänomene der Verflechtung (croisement) aufweist. Diese seien, so Werner und Zimmermann, wegen ihrer langen und systematischen Verdrängung durch die historischen Wissenschaften heute besonders bedeutsam für die Neuorientierung in einer intensiver verflochtenen Welt. Dabei komme es zu immer neuen Verflechtungen zwischen bereits verflochtenen Objekten, wodurch sich die Objekte verändern würden, da die Verflechtung in der Regel in asymmetrischen Konstellationen stattfinde. Demzufolge sei zwischen drei Ebenen zu unterscheiden: den Verflechtungen der Objekte selbst, den Verflechtungen zwischen den verschiedenen Perspektiven, die den Blick auf diese verflochtenen Objekte steuern, sowie Verflechtungen der Analysepraxen der wissenschaftlichen Beobachter.[59]
Insbesondere die Verflechtung der verschiedenen Raum-Zeitstrukturen, in denen sich die Objekte definieren lassen, ergibt einen lange Zeit in der Forschung nur unzureichend beachteten Analyserahmen, dessen systematische Ausarbeitung zu den Stärken der histoire croisée gehört. Denn sie verweist uns darauf, dass die Annahme, Objekte seien per se an identische Raumformate (etwa nationalisierte Flächenstaaten) gebunden oder bewegten sich im gleichen historischen Rhythmus, eine unzulässige Verkürzung darstellt. Es handelt sich also auch hier nicht um eine fertig ausgearbeitete Theorie oder ein kohärentes methodisches Programm, sondern um eine Sammlung von Perspektiven, die mit einer gewissen Virtuosität gleichzeitig einzunehmen wären. Während die theoretischen Überlegungen überzeugend sind, erweist sich die Operationalisierbarkeit einer histoire croisée als außerordentlich schwierig, weshalb es einfacher ist, Bekenntnisse zur Programmatik als überzeugende Beispiele ihrer Einlösung zu finden.[60]
In der amerikanischen Weltgeschichtsschreibung ließ sich dagegen für längere Zeit eine entgegengesetzte Tendenz beobachten. Um den Terminus der „cultural encounters”[61] versammelte sich eine große Zahl von Studien, die von einer allgemeinen Zunahme und Verdichtung der Kontakte und des Austausches ausgingen, sich allerdings weniger um eine theoretische Erörterung der dabei ablaufenden Prozesse als vielmehr um pragmatische Entdeckungsreisen in die Vielzahl der bislang nicht ausgebeuteten Archivbestände kümmerten.[62]
Die Parallelität von Kulturtransferforschung und einem erneuerten Interesse an der Weltgeschichte ist keineswegs zufällig. Beide Richtungen gehen von der Gegenwartsbeobachtung zunehmender Verflochtenheit von Gesellschaften aus und teilen die Vorstellung, dass eine überzeugende historische Erklärung der Positionierungen gegenüber globalen Prozessen nicht allein und primär aus den internen Entwicklungen isoliert betrachteter Gesellschaften zu gewinnen ist, sondern vielmehr nur durch Beobachtung der konkreten Verflechtungen und wechselseitigen Konstituierungsprozesse mit anderen Gesellschaften oder Kulturen zufriedenstellend gelingen kann. Diese Einigkeit in der Ablehnung eines methodologischen Nationalismus ist die Basis für die wechselseitige Befruchtung beider Forschungsansätze: Die Kulturtransferforschung hat sich in den letzten Jahren immer mehr den Spezifika der Aneignungsprozesse zwischen europäischen und nichteuropäischen Kulturen zugewandt, die Area Studies als Produkte ebensolcher Transfers untersucht[63] und den Horizont der Menschheits- oder Weltgeschichte als Hintergrund für Transfers in den Humanwissenschaften allgemein identifiziert.[64] Dabei wurde deutlich, dass es weder ein einheitliches Modell der Area Studies noch eine absolute Hegemonie ihrer US-amerikanischen Variante gibt.
Die Regionalwissenschaften entwickelten sich vielmehr selbst in der Funktion von Mittlern zwischen den untersuchten Gesellschaften und den Gesellschaften, für die sie nach Orientierungswissen schürften. Das macht ihre Rolle durchaus kompliziert, denn sie verbinden mehrere Dimensionen: Seit ihrer ersten Konsolidierungsphase im 17. und 18. Jahrhundert[65] analysieren sie Verflechtungen in weit entfernten Regionen, oft nicht ohne Interesse und Teilnahme an kolonialen Unterwerfungspraxen. Gleichzeitig vermaßen sie den Abstand zwischen „entdeckten” Gebieten und Metropole und trugen auf diese Weise zu deren Verflechtung im Rahmen imperialer Projekte bei.[66] Schließlich bewegten sie sich in einem Feld intensiven Wettbewerbs mit Wissenschaftlern anderer Länder und entfalteten die Area Studies als transnationale Unternehmung. Der Kulturtransferansatz bot ein methodisches Instrumentarium, um diese Mehrdimensionalität näher zu untersuchen, indem Defizitwahrnehmung, Mittlerfiguren und Identifizierung des Attraktiven im Fremden sowie seine Integration in das Eigene in den Vordergrund gerückt werden. Ebenso haben Vertreter einer Welt-, Global- bzw. transnationalen Geschichte das methodische Instrumentarium, das die Kulturtransferforschung bereit gestellt hat, an verschiedenen Stellen genutzt und teilweise über die Area Studies aufgegriffen.[67]
Angesichts dieser wechselseitigen Stimulierung hat sich einerseits der Begriff des Kulturtransfers in das Repertoire einer kulturhistorischen Transnationalismus- und Globalisierungsforschung eingefügt. Dies bedeutet aber keineswegs zwingend, dass damit der gesamte Werkzeugkasten, den die an der Theorie- und Methodenentwicklung im engeren Sinne beteiligte Forschungsgruppe entwickelt hat, in allen Studien gleichermaßen zur Anwendung kommt. Zugleich arbeiten viele Autorinnen und Autoren mit einer ähnlichen Ausrichtung auf Prozesse der Aneignung, des métissage und der kulturellen Grenzüberschreitung, ohne notwendigerweise den Begriff des Kulturtransfers zu benutzen oder sich auf einschlägige Arbeiten explizit zu beziehen. Es handelt sich um einen Ansatz, der viele Einsatzfelder kennt und derzeit noch immer neue erschließt, nicht aber um eine abgeschlossene Theorie oder um eine auf Ausschließlichkeit setzende Methode, die die Kombination mit anderen Herangehensweisen für unmöglich erklären würde – ganz im Gegenteil, eine bemerkenswerte methodische Offenheit ist dem Ansatz bis in die Gegenwart eigen.
Der Ansatz der Kulturtransferforschung ist in seiner Gründungsphase vor mehr als zwei Jahrzehnten von der Hypothese ausgegangen, dass sich seine Eignung besonders für die Phase zwischen 1750 und 1945 erweisen könnte. Entsprechend waren die empirischen Beispiele, an denen der Ansatz entwickelt worden ist, zunächst vorrangig im späteren 18. und im 19. Jahrhundert angesiedelt. Zwischenzeitlich haben verschiedene Dynamiken eine Ausweitung auf längere historische Zeiträume und auch eine Übernahme in zeithistorische Arbeiten mit sich gebracht. Neben einer erfolgreichen Institutionalisierung und Internationalisierung, die den Ansatz mit den Bedürfnissen verschiedener Nachbardisziplinen und epistemologischer Gemeinschaften in unterschiedlichen Weltregionen in Kontakt gebracht haben, spielte dafür nicht zuletzt die Debatte um den Vergleich eine wichtige Rolle. Dabei wurde deutlich, dass Kontroversen in der Geschichtswissenschaft, die scheinbar um Fragen des Vergleichs geführt wurden, Probleme des kulturellen Transfers zum Gegenstand hatten: sei es der deutsche Historikerstreit der 1980er-Jahre um die Frage nach dem Ursprung des Genozids an den europäischen Juden oder die Kontroverse um eine „Amerikanisierung” Europas bzw. der Welt.[68] Die Geschichte der „Amerikanisierung” bietet ein mindestens ebenso reiches Anschauungsmaterial für realisierte oder steckengebliebene, als gescheitert angesehene oder als erfolgreich verdammte Transfers wie das deutsch-französische Beziehungspaar.[69] Bisher wesentlich weniger gründlich empirisch untersucht, aber methodisch in der gleichen Richtung erschließbar, wäre die „Sowjetisierung” von Teilen Europas und der „Dritten Welt” ein außerordentlich geeigneter Gegenstand der Kulturtransferforschung.[70] (Globale) Momente synchroner Mobilisierung in verschiedenen Gesellschaften, wie sie am Ende des Ersten Weltkriegs 1918 durch die Betonung des Selbstbestimmungsrechts der Völker ausgelöst wurden[71] oder in den späten 1960er-Jahren sowie im darauf folgenden Jahrzehnt in Folge einer ganzen Serie von Faktoren zu Tage traten,[72] bieten sich geradezu für die nähere Betrachtung der dieser Mobilisierung zugrunde liegenden Kommunikations- und Aneignungsprozesse an, wie auch das Beispiel der vielfach verflochtenen Ereignisse des Jahres 1989 belegt.[73]
Nur in einer vollständig entgrenzten (Welt-)Gesellschaft wäre wohl die Denkfigur des kulturellen Transfers obsolet. Vorläufig scheinen wir von einer solchen komplett integrierten Situation jedoch weit entfernt. Vielmehr überlagern sich verschiedene Raumordnungen, in denen unterschiedliche Raumformate (unterschiedliche scales der Territorialisierung, aber auch Netzwerke und „Sonderzonen”, Portale und Korridore, Waren- und Wertschöpfungsketten) in rascher Folge neu arrangiert werden, sodass das Spiel mit den Maßstäben („jeux d'échelles”) [74] zu einer Kulturtechnik wird, die eine zentrale Kompetenz von Gegenwartsgesellschaften geworden ist. Damit verflüssigen sich nicht nur die Grenzen des Eigenen, sondern auch die Figurationen des Fremden unterliegen einem raschen Wandel. Dies führt einerseits zu einer Zunahme der Kulturtransferprozesse, weil nicht nur die Zahl der zirkulierenden Ideen und Konzepte, Muster und Paradigmen massiv zunimmt, sondern unter Globalisierungsbedingungen ihre Bedeutung für möglichst rasche Lernprozesse zum Erhalt bzw. zur Erhöhung von Wettbewerbsfähigkeit wächst. Damit differenziert sich auch das Spektrum der Mittler – nicht zuletzt durch fortschreitende Professionalisierung in Kulturberufen – weiter aus. Andererseits führt die zunehmend bewusst werdende Porosität von Grenzen zwischen dem Eigenen und dem Fremden zu Sorgen um den Erhalt traditioneller Souveränität, die sich bis zu Souveränitätspaniken steigern können. Damit geht zwar kein Rückgang der kulturellen Transfers nach Umfang und Bedeutung einher, wohl lässt sich aber beobachten, dass der fremde Ursprung im Eigenen nicht selten verborgen bzw. geleugnet wird, um eine hinreichende Homogenität des Eigenen behaupten zu können. Angesichts der Zentralität dieser Auseinandersetzungen für die politische Mobilisierung in vielen Gesellschaften der Welt ist mit einem Abklingen des Interesses an kulturellen Transfers für die nähere Zukunft nicht zu rechnen.
Die Kulturtransferforschung ist inzwischen aus der Phase ihrer Erstbegründung herausgewachsen, hat sich vielfältig weiterentwickelt und dabei ein breites Spektrum an Anwendungsvarianten hervorgetrieben. Diese liegen allerdings nicht in Lehrbuchform komprimiert wie eine Blaupause für analoge Applikationen vor, sondern als Beispiele der empirischen Durchführung. Diese geringe Kodifizierung hat Vor- und Nachteile. Sie trägt nach wie vor die Spuren einer französischen historiografischen Kultur, die am Problem stärker als am theoretischen Postulat interessiert ist.
↑ Jacques Revel (Hrsg.), Jeux d'échelles. La micro-analyse à l'expérience, Paris 1996.
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