Postsozialismus
Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 22.04.2013
https://docupedia.de/zg/stykow_postsozialismus_v1_de_2013
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok.2.250.v1
Begriffe, Methoden und Debatten
der zeithistorischen Forschung
Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 22.04.2013
https://docupedia.de/zg/stykow_postsozialismus_v1_de_2013
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok.2.250.v1
Als „postsozialistisch” oder „postkommunistisch” werden Länder bezeichnet, die im 20. Jahrhundert über mehrere Jahrzehnte hinweg unter der Herrschaft kommunistischer Parteien standen. Außerdem werden mit den Begriffen Phänomene in diesen Ländern beschrieben, für die ein Zusammenhang mit dieser Zeit unterstellt wird – z.B. „postkommunistische Nachfolgeparteien” für Parteien, die in Organisations- bzw. Rechtskontinuität mit den ehemaligen Staatsparteien stehen.
„Postsozialismus” bzw. „Postkommunismus” [1] wird meist als terminus technicus verwendet, der sich auf die Länder des östlichen Europa bezieht. Als adjektivische Sammelbezeichnung betrifft er eine geografische Region, die im Kalten Krieg nicht nur unter dem traditionellen „Osteuropa”-Begriff firmierte, sondern auch als „Ostblock” und unter weiteren politisch bzw. ideologisch konnotierten Etiketten. In diesem Sinne wird die Bezeichnung in allen Forschungsdiskursen benutzt, die sich mit dem Wandel der ehemals sozialistischen Staaten befassen, seien es (zeit-)historische, kultur- oder sozialwissenschaftliche. Weitaus seltener – und nur in wenigen sozialwissenschaftlichen Diskursen zu finden – verbirgt sich hinter „Postsozialismus” darüber hinaus ein theoretisch ambitioniertes Konzept. Damit wird betont, dass die Länder in dieser Region, ihre Gesellschaften, ihre politischen und wirtschaftlichen Systeme, ihre politische und Alltagskultur bis heute wesentlich und ursächlich durch den vor einem Vierteljahrhundert untergegangenen Staatssozialismus geprägt bleiben. In diesem Sinne handelt es sich um ein Angebot im Rahmen der anhaltenden Suche nach Konzepten, welche die Neuordnung der Welt nach dem Ende des Kalten Kriegs wissenschaftlich erfassen und wissenschaftsorganisatorisch angemessen abbilden können.
In der geschichtswissenschaftlichen Osteuropaforschung ist dieser Suchprozess wesentlich durch die Neuentdeckung der Kategorie des „Raumes” geprägt. Er wird im Zuge des „spatial turn” heute vor allem als Wahrnehmungsraum verstanden, d.h. als diskursives, historisch spezifisches und historisierbares Konstrukt (mental map) von Gemeinschaften, das auf kollektive Identitätsvergewisserung zielt. „Osteuropa”, so Larry Wolff, sei demnach als „Erfindung” durch die westeuropäische Aufklärung im 18. Jahrhundert zu interpretieren, mit welcher der europäische Westen von einer semi-„barbarischen” zivilisatorischen Zwischenstufe im Osten des Kontinents abgegrenzt wurde.[2] Ähnlich lässt sich argumentieren, dass „Osteuropa” nach 1945 als explizit politisch definierte Region zu verstehen ist, in der das „Andere” als zivilisatorische Alternative zur (und Existenzbedrohung der) liberalen Demokratie des Westens konzipiert war. Mit dem Zusammenbruch des Staatssozialismus überlebte sich auch diese Raumkonstruktion[3] – was nicht zuletzt die Frage nach der weiteren Existenzberechtigung des Fachs „Osteuropäische Geschichte” aufwarf.[4] Aktuell ist die Diskussion über „Osteuropa” als Geschichtsregion durch das Spannungsverhältnis geprägt, in dem sich spatiale Kategorien zwischen Struktur- und Wahrnehmungsraum befinden. Gefragt wird zudem nach dem Wesen und der Durchlässigkeit von Grenzen, womit an die disziplinäre Debatte über „verflochtene” und „transnationale” Geschichte angeknüpft wird. [5]
Auch sozialwissenschaftliche Diskurse, die sich mit Osteuropa vor 1989 im Rahmen der „Sowjetologie” bzw. „Osteuropa- und Kommunismusforschung” beschäftigt hatten, standen mit dem Ende des Ost-West-Konflikts vor der Notwendigkeit, ihren Gegenstand und ihren paradigmatischen Zugriff neu zu definieren. Insbesondere in der Anthropologie und der Wirtschaftssoziologie, in Teilen der Politikwissenschaft und in der Geografie führte das zur Entwicklung von „Postsozialismus”- bzw. „Postkommunismus”-Konzepten. Mitunter ging es dabei um eine strukturräumlich verstandene Aktualisierung der Kategorie „Osteuropa” als einer geografischen Großregion mit gemeinsamen „postkommunistischen” Eigenschaften.[6] Breiter rezipiert wurden – und methodologisch interessanter sind – Bemühungen, Gemeinsamkeiten der Länder des östlichen Europa in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts theoriefähig zu machen. Diese werden als regionalspezifisches Syndrom interpretiert, mit dessen Hilfe sich Dynamik und (Zwischen-)Ergebnisse des Wandels seit dem Ende der 1980er-Jahre verstehen und erklären lassen. In den einschlägigen Diskursen wird „Postsozialismus” als analytisches Konzept verwendet, das sich gegen geschichtsblinde, „universalistische” Vorstellungen über gesellschaftlichen Wandel richtet. Oft ist dies an einen Begriff der „(postsozialistischen) Transformation” gebunden, der sich explizit von dem der „Transition” abgrenzt.[7]
Da es in der Geschichtswissenschaft kein eigenständiges Postsozialismus-Konzept gibt, werden im Folgenden die einschlägigen sozial- und kulturwissenschaftlichen Diskurse skizziert.[8] Dabei soll herausgearbeitet werden, dass die betreffenden Konzepte als Äquivalente zu geschichtswissenschaftlichen Osteuropa-(Raum-)Konzepten angesehen werden können. Während der kulturwissenschaftliche Zugriff ebenfalls diskursiv und konstruktivistisch ist, sind sozialwissenschaftliche Raumkonstruktionen eher „krypto-spatial” und strukturalistisch, weil das „Erbe des Staatssozialismus” als Regionalspezifik definiert und als Kausalfaktor für die Erklärung der Entwicklungen nach 1989 konzipiert wird.
Der Zusammenbruch des Staatssozialismus im östlichen Europa am Ende der 1980er-Jahre schien zunächst ein Glücksfall für jene Strömungen in der sozialwissenschaftlichen Forschung zu sein, die auf universalistische Theoriebildung zielten, d.h. Regelmäßigkeiten des sozialen Wandels ohne Rückgriff auf geografische und historische Bedingungen erklärten. Sie argumentierten akteursorientiert statt strukturalistisch und betonten die systematischen Gemeinsamkeiten von Problemlösungen für die Herausforderungen, vor denen moderne Gesellschaften am Ende des 20. Jahrhunderts stünden.[9] Die Länder des ehemaligen Staatssozialismus wurden so zu Test- oder gar Anwendungsfällen für das neoliberale Theorie- bzw. Reformprogramm in den Wirtschaftswissenschaften („Washingtoner Konsens”) und die politikwissenschaftliche transition-to-democracy-Schule. Gemeinsam war diesen Diskursen, die trotz ihrer Unterschiedlichkeit meist unter das „Transitionsparadigma” [10] subsumiert werden, dass sie den kritischen Faktor für den Erfolg politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Umbauprojekte in den Entscheidungen von Reformeliten sahen, die Basisinstitutionen der marktwirtschaftlichen Demokratien westlichen Typs einzuführen. Da sich der Staatssozialismus als alternativer Gesellschaftsentwurf umfassend diskreditiert hatte, schien im Osten Europas eine tabula rasa entstanden zu sein, welche die schnelle und problemlose Übernahme des westlichen Erfolgsmodells ermöglichte.
Bekanntlich erwies sich der postsozialistische Wandel jedoch bald als komplexer, widersprüchlich verlaufender Prozess, dessen Verlauf und Ergebnisse den optimistischen Annahmen der Transitionstheoretiker und -praktiker nur selten entsprachen. Aufgrund der empirischen Beobachtung dieses Wandels, im Zusammenhang mit interdisziplinären Reorganisationsprozessen, die nicht zuletzt durch eine veränderte Forschungsfinanzierung erzwungen wurden, und als Ausdruck des sozialwissenschaftlichen Theorienpluralismus formierten sich gegen Mitte der 1990er-Jahre mehrere Diskurse, welche das Transitionsparadigma aus einer disziplinär jeweils eigenen, immer aber regional- und länderkundlich informierten Perspektive kritisierten.
So entwickelte sich in der US-amerikanischen Politikwissenschaft Mitte der 1990er-Jahre eine Kontroverse zwischen „Transitologen” und Osteuropa-Spezialisten. Stellte der Zusammenbruch des Staatssozialismus eine weitere Variation des globalen Siegeszugs der Demokratie dar, wie etwa Philippe Schmitter und Adam Przeworski argumentierten?[11] Area-Spezialisten wie Valerie Bunce und Michael McFaul hielten dem entgegen, dass sich der osteuropäische Systemwechsel aufgrund seiner Komplexität kategorial von den Wandlungsprozessen unterscheide, die in Südeuropa und Lateinamerika seit den 1970er-Jahren zur Etablierung von Demokratien westlichen Typs geführt hatten.[12] Das Erbe des Staatssozialismus würde Verlauf und Erfolgsaussichten der Demokratisierung in dieser Region substanziell beeinflussen. In methodologischer Hinsicht handelte es sich bei dieser Kontroverse um eine Auseinandersetzung darüber, in welchem Maße sozialwissenschaftliche Theorien universalistisch oder aber spatial und temporal gebunden sein müssen, damit sie die Entstehungsbedingungen von Demokratie befriedigend erklären können,[13] und in wissenschaftsorganisatorischer Hinsicht berührte diese Debatte die Zukunft der „Sowjetologie”[14]. Die Post-Communist Studies, die sich in den 1990er-Jahren konstituierten, behielten eine starke regionalwissenschaftliche Identität, integrierten sich dabei aber weitgehend in die vergleichende Demokratisierungsforschung. Dies wurde auch dadurch erleichtert, dass die Argumentationsfigur der staatssozialistischen Hinterlassenschaften hervorragend zur Erklärungslogik des Historischen (Neo-)Institutionalismus passte, der für die politikwissenschaftliche Erforschung des institutionellen Wandels immer größere Bedeutung erlangte (siehe weiter unten).
Auch in der (Wirtschafts-)Soziologie kam es zu einer Kontroverse zwischen „Universalisten” und Regionalforschern. Weitaus deutlicher als in der Politikwissenschaft ging es dabei auch um eine ideologische und politische Auseinandersetzung über den „Neoliberalismus” als scheinbar universelles Erfolgsrezept. Eine neomarxistisch geprägte Politische Ökonomie warf diesem vor, den alternativlosen Triumph des Marktes zu feiern und die typologische Vielfalt des modernen Kapitalismus zu ignorieren. Der intern durchaus heterogene Postsozialismus-Diskurs argumentierte, die Einführung privater Eigentumsrechte und des Marktes könne als „schocktherapeutischer” Bruch mit der Vergangenheit nicht erfolgreich sein. Die neuen Institutionen müssten vielmehr in den vorgefundenen Kontext eingebettet werden, welcher ihre Gestalt zwangsläufig verändern würde. Der „Transition”, welche den strikten Transfer eines universellen Modell unterstellte, setzte David Stark bereits 1991 die „Transformation” entgegen – den Prozess einer widerspruchsvollen, im Ergebnis womöglich inkonsistenten Rekombination von neuen (kapitalistischen) und ererbten (sozialistischen) institutionellen Formen, welche von einheimischen Akteuren reinterpretiert, modifiziert und rekonfiguriert werden.[15]
In der Sozialanthropologie bildete sich erst nach 1989 ein eigenständiger regionalwissenschaftlicher Diskurs heraus, der maßgeblich von den wenigen Forschern geprägt wurde, welche bereits zuvor Feldforschung im östlichen Europa betrieben hatten und ihrerseits wichtige Impulse aus dem wirtschaftssoziologischen Diskurs bezogen.[16] Auch sie kritisierten das Transitionsparadigma, wobei sie insbesondere an dessen Menschenbild des rationalen, nutzenmaximierenden Akteurs ansetzten. Der Sozialismus, so etwa Chris Hann, sei auch eine spezifische Sozialordnung gewesen, welche die Alltagsroutinen, Erwartungen und Erfahrungen der Menschen nachhaltig geformt habe. Die Zerstörung und Ersetzung der formalen Institutionen des Staatssozialismus sei ein externer Schock, der auf fortdauernd reproduzierte Verhaltensweisen aus der Vorgängergesellschaft und daher auf sich nur langsam wandelnde Normen, Werte und Mentalitäten treffe. Gleichzeitig würden die Akteure aufgrund ihrer Kreativität jedoch auch neue Wege des Umgangs mit den veränderten Bedingungen entwickeln, darunter neue Lebensstile, Subsistenzstrategien und Konsummuster. Das Ergebnis des postsozialistischen Wandlungsprozesses sei daher ungewiss, und das Zusammentreffen neuer Institutionen und alter Werte, Interessen und Praktiken führe zu unvorhersehbaren Innovationen.[17]
In den deutschsprachigen Sozialwissenschaften wurde die theoretisch informierte Kritik am Transitionsparadigma ursprünglich nicht von regionalkundigen Fachwissenschaftlern oder aus der Osteuropaforschung[18] heraus formuliert, sondern durch Wissenschaftler an der Schnittstelle von Soziologie und Politikwissenschaft. Konstitutiv war hier das von Claus Offe diagnostizierte „Dilemma der Gleichzeitigkeit” aus Demokratisierung, Einführung des Marktes und Nationalstaatsbildung, welche die Einmaligkeit des Systemwechsels im östlichen Europa ausmache. Die postsozialistischen Reformen würden wechselseitige Obstruktionseffekte in diesen Bereichen hervorrufen, welche den Erfolg des Umbauprojekts bedrohten und nur unter bestimmten Bedingungen beherrschbar blieben.[19] Das „Dilemma der Gleichzeitigkeit” wurde zum Ausgangspunkt der deutschsprachigen „Transformationsforschung”. Sie knüpfte einerseits an die traditionelle Osteuropaforschung an, griff andererseits aber auch in bestimmten Forschungsfeldern in einem bisher unbekannten Maße genuin sozialwissenschaftliche Perspektiven auf. Ohne ein eigenständiges Postsozialismus-Konzept zu formulieren oder ein kohärentes theoretisches Programm zu entwickeln, definierte sich diese Forschung über den Begriff der multidimensionalen, widersprüchlich verlaufenden und prinzipiell ergebnisoffenen Transformation.[20]
Dieser Überblick zeigt, dass Regionalspezialisten einerseits auf eine transdisziplinäre sozialwissenschaftliche Theorieentwicklung reagierten, die seit Ende der 1980er-Jahre von universalistischen und „geschichtsblinden” Perspektiven dominiert wurde. Andererseits sind auch die disziplinären Spezifika der Diskurse deutlich; ein fächerübergreifender Postsozialismus-Diskurs entstand nicht. Gemeinsam war allen Strömungen jedoch die Kritik am „Transitionsparadigma”, das fallsensitive (methodisch „qualitative”) Vorgehen, die Betonung der Singularität des Zusammenbruchs des Staatssozialismus sowie seiner fortdauernden Wirkungen. Zentral war die Vorstellung, dass keine zielgerichtete, vollständig steuerbare Transition zur marktwirtschaftlichen Demokratie im Sinne eines umstandslosen Kopiervorgangs von westlichen Modelllösungen zu erwarten sei. Dies wurde durch solche Metaphern veranschaulicht wie „playing capitalism with noncapitalist pieces”[21] und „rebuilding the ship at sea”[22].
Der inhaltliche Kern von Postsozialismus-Konzepten trifft sich mit dem Osteuropa-Konzept etwa der Historikerin Maria Todorova, die ihn nur als politisches Synonym für das „kommunistische Europa” gelten lässt: „‚Eastern Europe' is the socialist legacy.”[23] In diesem Sinne ist „Postsozialismus” ein ebenso temporaler wie spatialer Terminus, mit dem sich eine Abgrenzung sowohl vom (euro-atlantischen) „Westen” als auch vom (europäischen und lateinamerikanischen) „Süden” vornehmen lässt. In sachlicher Hinsicht bezeichnet er einen Kausalzusammenhang: Die Nachwirkungen der staatssozialistischen Vergangenheit werden als Ursache dafür angesehen, dass scheinbar universelle globale Entwicklungen – der Siegeszug von Demokratie und Marktwirtschaft – in dieser Region „anders” abliefen als anderenorts, mit einem größeren Risiko des Scheiterns belastet waren und zu anderen Ergebnissen führten. Damit rekurriert das Konzept also auf zeitlich-räumlich spezifische und genuin strukturgebundene Phänomene, die in theoretischer Konkurrenz zu den situativen Erklärungsfaktoren der „Transitologie” stehen.
In allen einschlägigen Diskursen erscheint das – strukturelle, institutionelle, kulturelle – staatssozialistische Erbe zentral für das Verständnis der nachfolgenden gesellschaftlichen Entwicklungen. In theoretischer Hinsicht handelt es sich dabei um Faktoren, die gesellschaftlichen Wandel als pfadabhängig erklären: Einmal eingeschlagene Entwicklungswege tendieren dazu, sich zu stabilisieren und können nur unter hohen Kosten verlassen werden, weshalb selbst ineffiziente Institutionen oft dauerhaft überleben. Das Pfadabhängigkeitstheorem gehört zum Kernbestand des Paradigmas des Historischen (Neo-)Institutionalismus. Dieser erlangte seit Ende der 1990er-Jahre hohe Popularität in den Sozialwissenschaften und ist Ausdruck ihres aktuellen historic turn.[24] Mit seiner Sensibilität für historisch gewachsene, kulturelle und soziale Bestimmungsgründe des Handelns von Akteuren versucht er, akteurs- und strukturfokussierte Perspektiven zu integrieren. Die für Sozialwissenschaftler/innen typischen nomothetischen Erklärungsansprüche werden dabei nicht aufgegeben, sondern qualifiziert: Die Aufmerksamkeit gilt der räumlich und zeitlich gebundenen Reichweite von Generalisierungen, womit universalistische Ambitionen zu Gunsten von sogenannten Theorien mittlerer Reichweite eingehegt werden. Methodisch bedeutete dies eine Hinwendung zu kontextualisierten Vergleichen und ebenso fallbasierten wie theoriegeleiteten Narrativen.
Postsozialismus-Forscher/innen griffen diese Perspektive meist explizit auf, denn sie enthält eine paradigmatische Begründung für die Bedeutung (sozialistischer) Hinterlassenschaften. Gleichzeitig wertet sie historisch fundierte regionale bzw. lokale Expertise auf. Nicht zuletzt versprach die Region mit ihren aktuell 29 Ländern aufgrund nicht nur ihrer Anzahl, sondern auch ihrer Varianz, ein hervorragendes (Quasi-)Laboratorium für Vergleiche sowie die anspruchsvolle Konzept- und Theoriebildung zu werden.[25] Die theoretische Relevanz der postsozialistischen Transformationen für sozialwissenschaftliche Forschungsfragen bestand in ihrer spannungsvollen Kombination aus revolutionärem (radikal mit der Vergangenheit brechendem und im Ergebnis kontingentem) und pfadabhängigem (durch die Vergangenheit konditioniertem) Wandel: Wie bedeutungsvoll sind historisch verfestigte, also strukturelle, Faktoren für die Erfolgsaussichten eines diskontinuierlichen institutionellen Wandels?[26] Zu bilanzieren ist, dass Antworten auf diese Frage deren Komplexitätsniveau zuweilen verfehlten. Sie wiesen häufig historisch-deterministische Züge auf oder gingen kaum über ein simples history matters hinaus. Der Mainstream der sozialwissenschaftlichen Forschung unterstellte zudem, die staatssozialistischen Hinterlassenschaften bildeten eine eindeutig unfreundliche Umwelt für die Einführung von Demokratie und Marktwirtschaft.[27] Gerade unter Vertretern von Postsozialismus-Diskursen finden sich jedoch auch differenziertere Sichtweisen.[28]
Bereits seit Mitte der 1990er-Jahre wurden im östlichen Europa Entwicklungen deutlich, welche die Bedeutung des staatssozialistischen Erbes zunehmend in Frage stellten. In der Politikwissenschaft, deren primäre Systematik auf der Qualität politischer Systeme beruht, werden seit der vergangenen Dekade mindestens „drei Welten des Postkommunismus” beschrieben: Demokratien in den neuen EU-Mitgliedstaaten, autoritäre Regime in den meisten Nachfolgestaaten der Sowjetunion und hybride Regime in einigen südost- und osteuropäischen Ländern.[29] In der Wirtschaftssoziologie herrscht inzwischen Konsens darüber, dass keine spezifisch postkommunistische Spielart des Kapitalismus (variety of capitalism) entstanden ist, sondern sich mehrere unterschiedliche Kapitalismustypen herausgebildet haben; alternativ dazu werden unter dependenztheoretischer Perspektive diverse Typen von Volkswirtschaften hinsichtlich ihrer unterschiedlichen Verortung zwischen Zentrum und Peripherie konzeptualisiert.[30] Auch Sozialanthropologen betonen die Vielfalt der „Postsozialismen” und ihrer Einbettung in eine globalisierte Welt,[31] und Geografen unterscheiden ebenfalls Subregionen im östlichen Europa, die anhand des Erfolgs von Wirtschaftsreformen charakterisiert werden.[32] Die postsozialistische Region differenziert sich also nicht nur aus, sondern löst sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts buchstäblich auf. Dabei treten Subregionen deutlicher hervor, die sich anhand älterer historischer Gemeinsamkeiten stärker konturieren lassen als anhand eines gemeinsamen sozialistischen Erbes.
Die Varianz postsozialistischer Entwicklungen greift zwangsläufig die Brauchbarkeit des Postsozialismus-Konzepts selbst an. Unmittelbar einleuchtend ist die inzwischen häufig gestellte Frage nach dem zeitlichen Ende des Phänomens als eines Gesellschaftszustands. Die meisten Autoren halten den Staatssozialismus – und sei es als kollektives Trauma – allerdings auch weiterhin für einen wesentlichen Bezugspunkt gesellschaftlicher und individueller Realitätsdeutungen oder verweisen darauf, dass das Konzept als kritische Referenz nach wie vor bedeutungsvoll bleibt.[33] Grundsätzlich aber stellt sich die Frage nach der kausaltheoretischen Relevanz des staatssozialistischen Erbes, das zunächst als, trotz aller nationalen Unterschiede, gemeinsames, regionales Syndrom verstanden worden war.
In der Politikwissenschaft sind zwei Aspekte der aktuellen Diskussion bemerkenswert. Zum einen wird die postsozialistische Region als spatiales Konzept nun explizit dekonstruiert. So wird beispielsweise vorgeschlagen, ein Land dann als „postkommunistisch” zu klassifizieren, wenn es mindestens zwei Jahrzehnte lang von einer einzigen Partei regiert worden war, deren Führer sich ideologisch auf die Ausbreitung des Sozialismus in der Welt und die Umgestaltung der vorgefundenen Klassenbeziehungen verpflichtet und in der Wirtschaft der parteikontrollierten Zentralverwaltung Vorrang eingeräumt hatten.[34] Damit wird eine analytische „Region” konstruiert, die sich nicht mehr durch geografische Verbundenheit ihrer Einheiten auszeichnet. Eine solche Begriffsbestimmung schließt auch Länder wie China und Vietnam ein (nicht aber Nordkorea), weil dort zwar weiterhin kommunistische Parteien herrschen, diese aber von traditionell-kommunistischen Umgestaltungsprojekten Abstand genommen haben. Gleichzeitig wird das „Erbe des Staatssozialismus” damit als Kausalfaktor relativiert – „Postsozialismus” bezeichnet nun ein Bündel von Eigenschaften, das erklärungsrelevant sein kann, aber nicht zwangsläufig sein muss.[35] Bei solchen Überlegungen geht es primär um Fragen des Forschungsdesigns und die Umsetzung von Standards der induktiven Theoriebildung: Hatten die Vertreter der Post-Communist Studies seinerzeit intraregionale Vergleiche gegenüber der dekontextualisierten Transitionsforschung verteidigt, so gelten nun weder intra- noch cross-regionale Vergleiche per se als überlegen. Ob dem staatssozialistischen Erbe überhaupt der Status eines hypothetischen Erklärungsfaktors zukommt, hängt vielmehr von der Forschungsfrage ab, welche auch die Auswahl der Vergleichsfälle anleitet.
Ein anderer Strang der Debatte ist noch deutlicher theorieorientiert und verfolgt konsequent die Argumentationslogik des Historischen Institutionalismus weiter. Waren die 1990er-Jahre durch die Konkurrenz zwischen der akteurszentrierten Transitologie (mit ihren historisch „flachen” Erklärungen) und der Postsozialismus- bzw. Transformationsforschung (mit ihrer Betonung des staatssozialistischen Erbes) gekennzeichnet, geht es seit den 2000er-Jahren zunehmend um die Frage, wie tief historisch informierte Theorien in die Geschichte zurückgehen müssen. Argumentiert wird immer häufiger, dass der Rückgriff auf die Hinterlassenschaften des Sozialismus zu kurz greift, weil diese ihrerseits durch historisch ältere (Modernisierungs-)Prozesse geprägt wurden, die bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückreichen, so etwa durch vorsozialistische Muster der Staatsbildung und der politischen Mobilisierung.[36] „Pfadabhängigkeit”, im Sinne länderspezifischer Entwicklungsprozesse der longue durée, wird dabei unterschieden von und kombiniert mit der „Kontextabhängigkeit” solcher Entwicklungen im Sinne der Prägung nationaler Spezifika durch ihre Einbindung in geografische Großräume. Die spatiale Konsequenz dieser Vorgehensweise ist die Aufgabe der Vorstellung von einer gemeinsamen postsozialistischen Region und die Reintegration ihrer Subregionen in größere geografisch-historische Zusammenhänge. So werden die erfolgreichen Transformationsländer Ostmitteleuropas und des Baltikums in der neuesten Diskussion analytisch in die gesamteuropäische Demokratisierungsgeschichte seit dem 19. Jahrhundert integriert, weil sich damit erklären lässt, warum das staatssozialistische Erbe hier als Transformationshindernis weitaus weniger bedeutungsvoll erscheint als in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion.[37]
Wie zu erkennen ist, verstehen politikwissenschaftliche Postsozialismus-Diskussionen das Konzept der Region zumindest implizit strukturräumlich: Es werden historisch gewachsene Prägungen unterstellt, die potenzielle Erklärungsfaktoren für den Verlauf und die Ergebnisse des postsozialistischen Wandels darstellen. Einige Strömungen insbesondere des soziologisch-anthropologisch-geografischen Kommunikationszusammenhangs hingegen greifen unmittelbar auf diskursive Raumverständnisse zurück, indem sie den kulturwissenschaftlichen Ansatz der Postcolonial studies rezipieren, der auch den spatial turn in der Osteuropäischen Geschichte beeinflusst hat. Neben Bemühungen, heuristische Werkzeuge aus der vergleichenden Kolonialismusforschung für die analytische Forschung zu erschließen,[38] tritt dabei eine zivilisationskritische Dimension zutage, welche auch die Brücke zum philosophischen und ästhetischen Postkommunismus-Diskurs (s. nächster Abschnitt) schlägt. Sie rekurriert dabei auf den „Orientalismus”-Diskurs, der sich seit den 1980er-Jahren in Philosophie, Literatur- und Geschichtswissenschaft verbreitete und eine Denkweise problematisiert, mithilfe derer der Westen Suprematieansprüche gegenüber dem Osten legitimiert und die Kultur- und Wissensproduktion hierarchisiert habe. [39] Auch der eingangs diskutierte geschichtswissenschaftliche Diskurs über Osteuropa als Wahrnehmungsraum war unmittelbar durch diese Kritik beeinflusst.
In diesem Kontext artikuliert sich eine weitere Dimension, in welcher die sozialwissenschaftliche Postsozialismusforschung zunehmend in Frage gestellt wird. Michael Burawoy beklagt, dass sie letztlich neokoloniale Bestrebungen der Verwestlichung des „Anderen” analysiere, statt eine kritische Sicht auf den Kapitalismus zu entwickeln, der auch das positive Potenzial des Sozialismus bewahre.[40] Für Michał Buchowski ist das intellektuelle Konstrukt des „Postsozialismus” eine aktualisierte Variante des „Orientalismus”. Diese „neo-orientalistische” Denkfigur gehe noch über die traditionelle Gegenüberstellung „Osten – Westen” hinaus, denn sie werde mit den Dichotomien „Kapitalismus – Sozialismus”, „Zivilisiertheit – Primitivismus” (des homo sovieticus bzw. „Lumpenproletariats”) und „Eliten – Massen” aufgeladen.[41] Hingegen wirft Tatjana Thelen der Anthropologie einen theoretisch inkonsistenten „ambivalenten Orientalismus” vor: Dem Sozialismus würden „andere” Institutionen als im Westen, ihrem Denken und Verhalten nach aber „ähnliche”, nämlich „rationale”, Akteure unterstellt. Dies verkehre sich für den Postsozialismus in das Gegenteil: Nun würde diagnostiziert, die Akteure verhielten sich gegenüber Institutionen, welche inzwischen den westlichen ähnelten, „anders” und „abweichend”, d.h. nicht-rational.[42] Im Zusammenhang mit dieser Kritik artikuliert sich Unbehagen daran, dass native Forscher nur wenig an den Diskursen über die postsozialistischen Gesellschaften beteiligt sind[43] – eine Auffälligkeit, die für alle Disziplinen gilt, aber außerhalb der Anthropologie (und der Geschichtswissenschaft) kaum problematisiert wird.
In solchen Stellungnahmen überlagern sich Überlegungen über empirisch und theoretisch fruchtbare sozialwissenschaftliche Vorgehensweisen mit normativen Positionierungen. Diese knüpfen an die soziologisch-anthropologische Kritik der frühen 1990er-Jahre an, die den „Neoliberalismus” als einen ideologiegetriebenen Versuch ablehnte, nicht-westliche Gesellschaften zur Übernahme partikularer, fehlerhafter und womöglich obsoleter Vorbilder zu zwingen. In diesem Zusammenhang wird auch gefordert, den (Post-)Sozialismus nicht als bloß defizitären Zustand mit westlichen Standards und Idealen zu kontrastieren.[44] Deutlich ist die Verknüpfung von normativen und analytischen Aspekten auch in dem Anspruch, Interdependenzen und Interaktionen zwischen Ost und West zu analysieren. Inspiriert durch die These der durch den „Orientalismus” geprägten Postcolonial Studies, dass Kolonisatoren und Kolonisierte ihre Identitäten wechselseitig konstituieren, wird angemahnt, Rückwirkungen des Wandels im Osten auf den Westen zu thematisieren. So wie die Kolonien der europäischen Mächte an Entstehung und Werden des Westens beteiligt gewesen seien, habe auch die Existenz des Staatssozialismus als alternatives Gesellschaftsprojekt die Wandlungen des euroatlantischen Kapitalismus im 20. Jahrhundert mitgeprägt und sein Untergang die jüngste Dynamik des Westens beeinflusst.[45]
Zu den neuesten Entwicklungen innerhalb von Anthropologie und Humangeografie gehören Versuche, Postsozialismus- und Postkolonialismusforschung im Rahmen einer „Post-Kalter-Krieg-Forschung” zu integrieren. Eine Zusammenführung der Perspektiven könne komplementäre Werkzeuge für die Analyse des modernen Imperialismus erschließen, aber auch normatives Nachdenken fördern. Es gelte zunächst, das Konzept des „Imperiums” als spatiales, institutionelles und ideologisches Phänomen neu zu formulieren und herauszuarbeiten, wie Repräsentationen des Kalten Kriegs wissenschaftliche Theorien und praktische Politik bis heute prägen. Gerade die Konstruktion von Feindbildern sei eine – noch vergleichend zu analysierende – Praxis sowohl sozialistischer Regime wie auch der Kolonialmächte gewesen, die noch immer fortwirke. Kritische sozialtheoretische Überlegungen könnten einerseits die Perspektiven der Postkolonialismusforschung über Potenziale und Grenzen des Nationalismus nutzen. Andererseits liefere auch die Postsozialismusforschung Anknüpfungspunkte, weil sie das staatssozialistische Erbe problematisiere, gleichzeitig aber auch gegenwärtige und künftige Formen eines demokratischen Sozialismus diskutiert habe.[46]
Der zivilisationskritische Aspekt findet sich zugespitzt in Postkommunismus-Konzepten philosophischer, ästhetischer und kulturwissenschaftlicher Diskurse. So versteht Boris Buden den Postkommunismus als Übergangszone, in die Menschen mit dem Zusammenbruch des Staatssozialismus eintreten, in der Hoffnung, an ihrem Ende die verheißenen Früchte des westlichen Kapitalismus zu finden. Von dort jedoch kehren sie desillusioniert in die graue Realität zurück, wo sich der Untergang des industriellen Modernismus fortsetzt, dem er beide Systeme zurechnet. Wie in der allegorischen Zone in Andrej Tarkowskijs Film „Stalker” zählten letztlich „nicht die Illusionen, die uns in die Zone geführt haben, sondern allein die Erfahrungen, die man dort gemacht hat”.[47]
Während Buden damit Illusionen des Systemwechsels (bzw. die durch ihn hervorgerufene Desillusionierung) mit der Realität von Sozialismus und Kapitalismus kontrastiert, beschreibt Boris Groys beide Systeme zwar ebenfalls als unterschiedliche Wege in die Moderne, hebt aber hervor, dass sie beim Untergang des Staatssozialismus auch gemeinsam ihren Realitätsgehalt eingebüßt hätten. Für ihn weist die „postkommunistische Situation” zwei Merkmale auf: Zum einen sei der Kommunismus als realpolitische Option Vergangenheit – und damit wieder auf das theoretische Feld zurückverwiesen worden, wo über eine spätere „Wiederaufführung des gleichen Stücks mit anderen Mitteln” nachgedacht werden könne. Zum anderen aber widerfahre dem westlichen Kapitalismus das Schicksal, ebenso wie der „real existierende Sozialismus” zur verkörperten Utopie bzw. Dystopie mutiert zu sein. Die „eigentliche historische Leistung des Kommunismus” bestünde demnach darin, Gesellschaft in ein postnationales Gesellschaftsmodell verwandelt und einen globalen Markt für solche Modelle geschaffen zu haben, auf dem sie als holistische Programme angeboten werden – zwischen Affirmation und Negation sei kein neutraler Bereich mehr erhalten geblieben. Der Osten habe den Westen in einer grundsätzlichen Dimension womöglich für immer verändert: „Er hat die Gesellschaft nicht als etwas historisch Gewachsenes und somit Singuläres gelten lassen, sondern er hat sie als eine künstliche begriffen, die von Land zu Land sowohl exportiert als auch importiert werden kann.”[48]
Die ehemals staatssozialistischen Länder und ihre Entwicklung waren und sind Gegenstände einer Vielfalt von Forschungsperspektiven und Disziplinen. Der Zusammenbruch des Staatssozialismus zog die Reorganisation der Osteuropaforschung nach sich, unabhängig davon, ob sie zuvor weniger (wie in Deutschland) oder mehr (wie in den USA) an einzelne Mutterdisziplinen zurückgebunden war. Die paradigmatischen Entwicklungen in den Sozialwissenschaften, darunter insbesondere das Vordringen des Historischen Institutionalismus, bieten gute Chancen für die Wertschätzung regionaler und lokaler Expertise und erleichtern deren, insbesondere methodische und theoretische, Integration in die Fächer. Die angelsächsische Postkommunismusforschung erhebt mitunter sogar den Anspruch, die theoretischen Debatten der vergleichenden Politikwissenschaft mitzuprägen.[49] Sozialanthropologen konstatieren hingegen, dass der „Postsozialismus” weder eine eigenständige Subdisziplin begründet noch theoretische Debatten beeinflusst habe; jedoch habe er die Ausbreitung kulturalistischer Perspektiven in einem Diskurs erleichtert, der zuvor stark auf die neomarxistische Politische Ökonomie fokussiert war.[50]
Während Fächer wie die Osteuropäische Geschichte gegenwärtig nicht in ihrer regionalwissenschaftlichen Identität beeinträchtigt scheinen, bleibt das Schicksal bzw. die Neuausrichtung von Area Studies in den Sozialwissenschaften weiter umstritten. In der Politikwissenschaft wird diese Diskussion besonders intensiv geführt.[51] In der Anthropologie sind mehrere Suchrichtungen für eine Neudefinition der Postsozialismusforschung zu erkennen.[52] Neben Bestrebungen, sie mit dem Postkolonialismus-Diskurs zu integrieren, finden sich Debatten über methodisch anspruchsvolle Vergleichsdesigns, welche entsprechenden Debatten innerhalb der politikwissenschaftlichen Post-Communist Studies verwandt scheinen. Nicht zuletzt findet sich ein Diskussionsstrang, der an geschichtswissenschaftliche Diskurse über „transnationale Geschichte” erinnert. Er wendet sich den vielfältigen und komplexen „Zirkulationen” zwischen West und Ost zu, die Menschen, Güter, Diskurse, Ideen und kulturelle Formen betreffen und deutlich machen, dass gegenseitige Beeinflussungen keiner Einbahnstraße folgen. Ähnlich werden in der Geografie Critical Area Studies diskutiert, die eine von essenzialisierenden und exotisierenden Tendenzen befreite „relationale Regionalgeografie” hervorbringen sollen. Der Fokus auf das östliche Europa dürfe nicht mehr der binären Logik des Kalten Kriegs folgen, sondern müsse die Verflechtungen von Ost und West in den Blick nehmen.[53]
Für die Perspektiven multidisziplinärer Regionalstudien sind die hier skizzierten Befunde über disziplinäre Dynamiken der Wissenschaftsorganisation, Methoden- und Theorieentwicklung zweischneidig: Einerseits entstehen durch den historic turn (und den jüngsten ideational turn[54]) in den Sozialwissenschaften seit dem letzten Jahrzehnt neue Berührungspunkte zu geisteswissenschaftlichen Perspektiven, andererseits zerfallen „Osteuropa” bzw. der „Postsozialismus” als Raum und Forschungsgegenstand in den einzelnen Disziplinen auf je unterschiedliche Art und Weise. Inwiefern geografische Regionen für das jeweilige fachspezifische Erkenntnisinteresse von Bedeutung sind, differiert ebenfalls stark, wie die unterschiedlichen sozialwissenschaftlichen Diskussionen über die Erneuerung der regionalwissenschaftlich informierten Forschung zeigen. Nicht zuletzt setzen substanzielle Unterschiede im je disziplinären Wissenschaftsverständnis, die Spezifizität der Fachsprachen, aber auch wissenschaftsorganisatorische Zwänge relativ enge Grenzen der transdisziplinären Kommunikation.
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