Zeitgeschichte und Public History
Version: 2.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 06.09.2016
https://docupedia.de/zg/zuendorf_public_history_v2_de_2016
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok.2.699.v2
Begriffe, Methoden und Debatten
der zeithistorischen Forschung
Version: 2.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 06.09.2016
https://docupedia.de/zg/zuendorf_public_history_v2_de_2016
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok.2.699.v2
Seit den 1970er-Jahren lässt sich international ein wachsendes Interesse an Geschichte beobachten, das in Deutschland auch als „Geschichtsboom” bezeichnet wird. Dies zeigt sich in einem quantitativen Anstieg sowohl der Nachfrage als auch des Angebots an geschichtsvermittelnden Produkten jeglicher Art, die sich an eine breite, nicht fachwissenschaftlich vorgebildete Öffentlichkeit richten. Die Besucherzahlen historischer Ausstellungen nehmen zu, parallel werden neue Museen und Gedenkstätten eröffnet oder Denkmäler eingeweiht; Geschichtsfilmproduktionen – Spiel- wie Dokumentarfilme und Dokudramen – laufen zu den besten Sendezeiten im Fernsehen, und auch das Kino entdeckt historische Themen neu. Die Anzahl geschichtswissenschaftlicher Publikationen steigt ebenso wie die populärwissenschaftlicher Geschichtsbücher und der sogenannten Historienromane. Immer mehr Geschichtsmagazine werden auf den Markt gebracht, und etablierte politische Zeitschriften entwickeln zusätzliche Produkte mit historischen Inhalten.[1] Die Geschichtsangebote öffentlicher wie privater Anbieter im Internet sind in ihrer schieren Masse unüberschaubar und in ihrer Qualität sehr unterschiedlich.
Im Folgenden soll es jedoch nicht um die Entwicklung des wachsenden Geschichtsinteresses, sondern vielmehr um den geschichtswissenschaftlichen Umgang mit der gestiegenen Nachfrage in der Öffentlichkeit gehen, deren Auswirkungen und vor allem Chancen für die Historikerzunft erst relativ spät wahrgenommen wurden. Die hier behandelte Public History wird als fachwissenschaftliche Antwort auf die mit dem Boom verbundenen Herausforderungen verstanden. Public History setzt sich daher mit jeder Form der Geschichtsdarstellung auseinander, die sich an eine breite, nicht vorgebildete Öffentlichkeit richtet, und erforscht diese.[2]
Anfänglich bestand unter den (deutschen) Historiker/innen eher Ratlosigkeit, wie mit dem wachsenden öffentlichen Interesse an Geschichte umgegangen werden sollte. Zwei große Konferenzen beschäftigten sich bereits Ende der 1970er-Jahre mit der steigenden Nachfrage und riefen die Historiker/innen zum Aufbruch in die Öffentlichkeit auf, um nicht allein den „anderen” – also den Akteuren ohne fachwissenschaftliche Ausbildung – die Aufarbeitung der Geschichte für ein breites Publikum zu überlassen. Antworten auf die Frage, wie Historiker/innen diesen Weg beschreiten sollten, wurden damals allerdings noch nicht gegeben.[3] Dafür mussten erst zwei weitere Jahrzehnte vergehen und vielfältige Wege auch außerhalb der historischen Disziplin an den Universitäten ausprobiert werden, bevor Public History als „Geschichte für die Öffentlichkeit” und „Geschichte in der Öffentlichkeit” innerhalb der Fachwissenschaft einen institutionellen Rahmen finden konnte.
Im Folgenden wird ein kurzer Überblick über die verschiedenen Definitionen von Public History gegeben, um anschließend die institutionelle Entwicklung von ihren Anfängen in den USA hin zum heutigen Stand im deutschsprachigen Raum nachzuzeichnen. Auf dieser Basis wird abschließend gefragt, wie akademische und öffentliche Geschichte künftig stärker miteinander verschränkt werden könnten. Die Entwicklung der Public History zeigt, dass es bei ihrer Etablierung immer wieder um die Frage nach der Gemeinsamkeit mit und der Abgrenzung zur Geschichtswissenschaft ging und geht. Diese Diskussion wird hier mit ihren vielfältigen Argumenten nachgezeichnet. Gleichzeitig wird jedoch auch Stellung bezogen und Public History als Teil der Geschichtswissenschaft definiert. Die Lehre und Analyse der Vermittlung von geschichtswissenschaftlichen Erkenntnissen an eine breite Öffentlichkeit wird hier somit als zentraler Schwerpunkt der Public History verstanden.
Der Begriff „Public History” kommt ursprünglich aus den USA und bezog sich dort zunächst vor allem auf das praktische Arbeitsfeld von Historiker/innen außerhalb der Universitäten. Zugleich wurde er als Abgrenzung zur akademischen Geschichtswissenschaft genutzt. Dementsprechend lautete eine der frühesten Definitionen: „Public History refers to the employment of historians and the historical method outside the academia” und „Public Historians are at work whenever, in their professional capacity, they are part of the public process”.[4] Die Definition bezieht sich somit allein auf Historiker/innen, die außerhalb der Universitäten und Schulen tätig waren. Zu den Arbeitsfeldern zählten Politikberatung, Unternehmensgeschichte, Geschichte in den Massenmedien (Film und Fernsehen, Zeitschriften), Denkmalswesen, Museen und Gedenkstätten, Verbände und Stiftungen, Politische Bildung, Archiv- und Dokumentationswesen, Familien- und Lokalgeschichte sowie das Publikationswesen.[5] Über die Art der Arbeit sagt die Definition genauso wenig wie über Inhalte und Methoden.
Unter Public History wird heute jedoch mehr verstanden als nur die Arbeit von Fachhistoriker/innen in der Öffentlichkeit. Vielmehr wird Public History auch als „popular history”[6] bezeichnet, um zu betonen, dass es hier um eine spezielle Form der Geschichtsdarstellung geht, die von der rein fachwissenschaftlichen unterschieden wird. In einer weiteren, sehr breiten Definition aus den USA wird Public History zudem auch als „history that is done anywhere outside the classroom by anybody who's not employed in a university”[7] oder, noch einfacher ausgedrückt, als „history for the public, about the public, and by the public”[8] verstanden. Damit wird deutlich, dass es sich bei Public History um Geschichte handelt, die für ein breites Nicht-Fachpublikum aufbereitet wird, die die Allgemeinheit betrifft, von dieser selbst mitgestaltet wird und auch geschrieben werden kann. Diese letzte Definition aus den 1990er-Jahren reflektiert deutlich den Einfluss des „history workshop movement”[9] der 1970er- und 80er-Jahre, das verstärkt die Lokal- oder Regionalgeschichte in den Blick nahm und dabei auch Geschichtsinteressierte vor Ort in die Arbeit einbezog. Diese Sichtweise führte schon damals zu Diskussionen, und auch heute trifft die Ansicht, dass Public History jede Art von Laien-Geschichtsschreibung mit einschließt, immer wieder auf Gegenwehr.
So fand 2007 im Internetforum H-Public eine längere Diskussion über die Frage „What is Public History?” statt. Die Debatte fokussierte zunächst auf die damalige Definition des National Council of Public History (NCPH): „Public history is a movement, methodology, and approach that promotes the collaborative study and practice of history; its practitioners embrace a mission to make their special insights accessible and useful to the public.”[10] Viele Teilnehmer an der Debatte stimmten dieser Definition nicht zu, da Public History zwar in den 1970er-Jahren in den USA noch eine Bewegung gewesen, inzwischen aber ein institutionalisierter Fachbereich sei. Zudem bezweifelten sie, dass Public History eine eigene, typische Methode entwickelt habe. Vielmehr wurde betont, dass „Public Historians” in erster Linie wissenschaftlich ausgebildete Historiker/innen seien und ihre Herangehensweise an Geschichte dementsprechend dieselbe wäre wie die aller akademischen Historiker. Diese Sicht spiegelt sich auch in den verschiedenen amerikanischen Studienangeboten, die vor allem für Graduate Students gedacht sind. Alternativ wurde Public History als ein mehrdimensionaler Versuch der universitär ausgebildeten Historikerinnen und Historiker und ihres nicht fachlichen Publikums gesehen, außerhalb der traditionellen Klassenräume miteinander zu arbeiten, um die Vergangenheit für die Gegenwart nutzbar zu machen.[11]
Die Einbindung der Fachhistoriker in die Public History könnte auch als Unterscheidungsmerkmal zur Angewandten Geschichte[12] in Deutschland verstanden werden.[13] Allerdings lässt sich auch einwenden, dass diese Differenzierung willkürlich ist und in Deutschland beide Begriffe häufig gleichgesetzt werden. Es wird sogar teilweise argumentiert, dass sie gleichbedeutend genutzt werden sollten, um einer Aufsplitterung des Bereichs entgegenzuwirken.[14]
Die Vielzahl von Definitionsansätzen zeigt, dass hier noch keine Einigkeit erlangt wurde. Dies wird auch deutlich in dem etwas hilflos wirkenden Erklärungsansatz auf der Website des NCPH, die sich ganz aus der Definitionsfrage heraushält und auf die Frage, was Public History sei, simpel antwortet: „I know it when I see it.”[15] Ein weiterer Definitionsversuch des NCPH lautet zudem: „public history describes the many and diverse ways in which history is put to work in the world”. Darüber hinaus wird auf der Website des NCPH die Gleichsetzung mit dem Begriff „applied history” befürwortet: „In this sense, it is history that is applied to real-world issues. In fact, applied history was a term used synonymously and interchangeably with public history for a number of years. Although public history has gained ascendance in recent years as the preferred nomenclature especially in the academic world, applied history probably remains the more intuitive and self-defining term.”[16] Die Erklärung lässt sich sehr gut auf den deutschen Umgang mit den Begriffen Public History und Angewandte Geschichte übertragen. Beide Begriffe werden häufig synonym verwandt, Public History hat sich jedoch vor allem im akademischen Feld stärker durchgesetzt.
Aber auch in Deutschland gibt es noch keine allgemeingültige Definition von Public History. Eine Möglichkeit, sich dieser zu nähern, wäre die Sicht auf die thematischen Schwerpunkte der Public History. Diese liegen in Deutschland deutlich im Bereich der Zeitgeschichte,[17] obwohl dies nicht zwingend ist. So betont Stefanie Samida, dass von der Antike über das Mittelalter bis zur Neuzeit alle Themen zum Gegenstand der Public History werden könnten.[18] Dennoch lässt sich ein „zeitgeschichtliches Gravitationszentrum der vielfältigen Interessen und Debatten”[19] erkennen, was sich vor allem mit der Nähe der Zeitgeschichte zur erlebten Vergangenheit ihrer Produzent/innen und Rezipient/innen sowie mit dem starken öffentlichen Interesse am 20. Jahrhundert als „Jahrhundert der Extreme” erklären lässt. In Deutschland zeigt sich dies beispielhaft an zeithistorischen Diskussionen wie dem Historikerstreit, der Goldhagen-Debatte oder den Auseinandersetzungen um die Wehrmachtsausstellung.[20] Diese erhöhte Aufmerksamkeit, der sich die Wissenschaftler/innen nicht entziehen können, bezieht sich zumeist auf Fragen nach dem Umgang mit dem Nationalsozialismus und dem Holocaust. Nach 1989 wurde der Umgang mit der DDR und damit mit der „doppelten Vergangenheit”[21] zu einem weiteren, öffentlich ausgetragenen Diskussionsfeld. Neben diesen Schwergewichten der (deutschen) Geschichte weckt auch die familiäre oder lokale Geschichte erhöhtes Interesse, wobei hier nicht das „große” politische Ereignis, sondern der enge persönliche Bezug in den Mittelpunkt rückt.
Die thematische und zeitliche Eingrenzung der Arbeitsfelder von Public History obliegt letztlich weniger der Geschichtswissenschaft als vielmehr der Öffentlichkeit: Nur Themen, die auf ein breites öffentliches Interesse stoßen, werden für Public Historians zum Arbeitsfeld. Somit folgt die Themensetzung dem Geschichtsboom, der sich – neben der institutionalisierten Zeitgeschichte – mit als herausragend wahrgenommenen historischen Ereignissen beschäftigt. Diese Referenzereignisse gegenwärtiger Aufmerksamkeit können auch lange zurückliegen, wie zum Beispiel das Interesse an der Varusschlacht des Jahres 9 n.Chr. in Deutschland im Jubiläumsjahr 2009 zeigte.
Ausgehend von den Ansätzen, die Public History auf die Vermittlung von Geschichte in der Öffentlichkeit beziehen, nennen verschiedene Definitionen auch eine Reihe von Fähigkeiten, die Public Historians mitbringen sollten. So benötigen sie „historical skills and perspectives in the services of a largely nonacademic clientele”.[22] Neben der professionellen Beherrschung geschichtswissenschaftlicher Methoden verfügen sie über die Kompetenz, wissenschaftlich komplexe Ergebnisse für ein nicht historisch vorgebildetes Publikum auf einfache, interessante und den benutzten Vermittlungsträgern gut angepasste Weise zugänglich zu machen. Der fachwissenschaftlich sichere Umgang mit Text-, Bild-, Objekt-, Film- und Tonquellen gehört somit zum Handwerk. Im Sinne der eingangs gewählten Definition von Public History, die die wissenschaftliche Verankerung derselben betont, ist es für Public Historians darüber hinaus besonders wichtig, die Analyse dieser Quellen und ihres Einsatzes in historischen Repräsentationen, sei es im Museum oder im Fernsehen, in Büchern oder Zeitschriften, im Internet oder im Radio zu beherrschen. Dies lässt sich wiederum nur mit Methoden der Medienwissenschaften, Gender Studies, Geschichtsdidaktik, Museumspädagogik oder Literaturwissenschaften erreichen. Kommunikation und interdisziplinäre Zusammenarbeit sind daher wichtige Elemente der Public History.
![Multimedia-Einsatz in Museen bietet sich immer dann an, wenn die zu präsentierenden Objekte medialer Art sind. In diesem Fall zeigen die verschiedenen Bildschirme einerseits die Fernsehansprache General Jaruzelskis vom 13. Dezember 1981, in der er die Einführung des Kriegsrechts in Polen verkündete, und andererseits bereits die Auswirkungen des Kriegsrechts. Foto: Irmgard Zündorf, Europäisches Solidarność-Zentrum (Polnisch: Europejskie Centrum Solidarności), Danzig 2015, Lizenz: [https://creativecommons.org/licenses/by-nc/3.0/de/ CC BY-NC 3.0 DE]](sites/default/files/import_images/2369.jpg)
Public Historians agieren zudem im Gegensatz zu universitären Fachhistorikern als Dienstleister.[23] Public History reagiert auf bestimmte öffentliche Nachfragen mit einem speziellen Angebot und übernimmt auch Auftragsarbeiten. In diesem Fall agiert sie nach den Gesetzen des Marktes. Public History umfasst aber auch das öffentliche Angebot von Museen und Gedenkstätten, wo die Marktgesetze nur bedingt gelten. Trotzdem gehört die Beachtung der öffentlichen Nachfrage – zum Beispiel in Form der Besucherforschung in Museen – auch zum Aufgabengebiet der Public History.
Geschichte in der Öffentlichkeit wird in Deutschland vielfach mit Jörn Rüsens Theorie der Geschichtskultur verbunden. Rüsens Definition von Geschichtskultur als „praktisch wirksame Artikulation von Geschichtsbewusstsein im Leben einer Gesellschaft”[24] kommt einigen Definitionen von Public History schon sehr nahe bzw. ähneln die Public History-Definitionen denen der Geschichtskultur. Seine Aufteilung der Geschichtskultur in die drei Bereiche Kunst, Politik und Wissenschaft, die in wechselseitigen Beziehungen zueinanderstehen,[25] lässt sich auch auf Public History anwenden. Während das Rüsen'sche Konzept der Geschichtskultur jedoch eher einen theoretischen Erklärungsrahmen aufspannt, sind die hier vorgestellten Ansätze zur Definition von Public History wesentlich pragmatischer angelegt, indem sie sich der Praxisebene der Geschichte in der Öffentlichkeit zuwenden. Dennoch können die Felder der Public History durchaus auch als geschichtskulturelle Aktivitäten aufgefasst werden. Vor allem der Zugang unterscheidet jedoch beide Ansätze: Die Theorie der Geschichtskultur umfasst die Analyse der Geschichte in der Öffentlichkeit. Public History reflektiert ebenfalls Geschichtsrepräsentationen, aber sie geht zudem darüber hinaus und kann als Anwendungsfeld verstanden werden, das neben der Analyse auch die Vermittlung von Geschichte in der Öffentlichkeit umfasst. Sie bezieht somit den Praxisbereich und dessen Rückwirkung auf die Geschichtswissenschaft mit ein.[26] Damit ist Public History sowohl Teil der Geschichtswissenschaft als auch eine darüber hinausgehende Dienstleistung. Der Inhaber der ersten Professur für Angewandte Geschichte – Public History in Deutschland, Cord Arendes, plädiert daher für die Institutionalisierung der Public History als „ akademische Subdisziplin, die sich in erster Linie als prozessorientierte Reflexions- und Vermittlungsinstanz zwischen Forschung und öffentlichem Interesse” versteht.[27]
Auf der Grundlage der vorgestellten Ansätze wird Public History hier wie folgt definiert: Public History umfasst einerseits jede Form der öffentlichen Geschichtsrepräsentation, die sich an eine breite, nicht geschichtswissenschaftlich vorgebildete Öffentlichkeit richtet, und beinhaltet andererseits die geschichtswissenschaftliche Erforschung derselben. Sie reagiert sowohl auf das quantitativ gestiegene Interesse an Geschichte als auch auf die qualitativ veränderten Anforderungen an Geschichtsdarstellungen. Akademisch ausgebildete Public Historians haben das Ziel, Geschichte fachwissenschaftlich abgesichert und trotzdem für ein wissenschaftlich nicht vorgebildetes Publikum verständlich und gleichzeitig anschaulich zu erzählen, die subjektiven Erfahrungen Einzelner einzubinden, die räumliche Dimension historischer Prozesse zu veranschaulichen, die Bildlichkeit der Geschichte einzubeziehen und schließlich insgesamt die „Geschichte als Raum des kulturellen Gedächtnisses” neu zu konzipieren.[28] Damit überschneidet sie sich stark mit der Erinnerungskultur sowie der Geschichts- und Vergangenheitspolitik, weswegen Public History auch an anderer Stelle als „Schirm” verstanden wird, unter dem die anderen Begriffen zusammengebracht werden können.[29]
In methodischer Hinsicht gilt zudem, dass Public History zwar einerseits auf der Geschichtswissenschaft aufbaut und neben dem klassischen Handwerkszeug der Historiker/innen stark auf Elemente der „Oral History”, der „Visual History", der „Material Culture” und der „Digital History” zurückgreift. Darüber hinaus ist sie aber deutlich durch Interdisziplinarität geprägt, sodass vor allem Methoden anderer Wissenschaften zur Anwendung kommen. Public History fehlen zwar eigenständige methodische Ansätze, was auch zum Vorwurf einer „mangelnden Theoriebildung” führt.[30] Der Mangel kann aber ebenso als Potenzial der Public History verstanden werden, denn er führt zur Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen. Die „Kooperation mit Geschichtstheorie, Historischer Forschung, Kultur- und Medienwissenschaften sowie mit der Didaktik der Geschichte”[31] bietet die Möglichkeit, Geschichtsrepräsentationen aus ganz unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten und verschiedene Analyseansätze zu diskutieren. So wird auf dem Historikertag 2016 die Frage aufgeworfen, inwiefern die Kategorien Performativität, Medialität und Authentizität ertragreiche Analysekriterien der Public History sein können.[32] Andere Ansätze betonen noch stärker die Verbindung mit der Geschichtsdidaktik und setzen im Sinne des Historischen Lernens[33] auf die Kategorien Narrativität,[34] historische Imagination,[35] Multiperspektivität[36] und Authentizität[37]. Trotz der Nähe zur Geschichtsdidaktik ist Public History jedoch nicht einfach ein Teil derselben. Sie geht vielmehr darüber hinaus, indem sie sich einerseits einzelne Konzepte der Didaktik zu eigen macht und andererseits diese ebenso wie die Geschichtskultur historisiert und zu ihrem Untersuchungsgegenstand erklärt.[38]
Auch das Verhältnis von Public History und akademischer Geschichtswissenschaft ist nach wie vor noch nicht fest bestimmt, obwohl große Überlappungsräume und vielfache Wechselwirkungen festgestellt werden können. Diese Überschneidungen wirken sich allmählich auch auf die institutionelle Entwicklung der Geschichtswissenschaft aus. Auch wenn die Fachwissenschaft der Vermittlung von Geschichte außerhalb akademischer Zielgruppen teilweise sehr zurückhaltend gegenübersteht,[39] beeinflusst Public History die Geschichtsschreibung und wirkt sowohl thematisch als auch methodisch auf diese zurück.[40]
Die Public History-Bewegung in den USA basierte auf der New Social History der 1960er-Jahre, die sich der Geschichte „von unten” zuwandte.[41] Verbunden war damit ein Perspektivenwechsel in der Geschichtswissenschaft, der mit einer Ausweitung der Themen, Quellen und Methoden einherging. Die traditionelle Politikgeschichte wurde durch die Sozial-, Wirtschafts- und schließlich Kulturgeschichte erweitert, und zudem wurden regional- und alltagsgeschichtliche Aspekte in die Forschung einbezogen. Zu den neuen Quellen zählten zunächst vor allem mündliche Überlieferungen, für deren Erschließung die Methoden der Oral History entwickelt wurden.
Parallel dazu stieg das Interesse an Geschichtsangeboten in der Öffentlichkeit, und es entstanden neue bzw. erweiterte Zielgruppen. Zugleich kritisierte die Public History-Bewegung die Geschichtswissenschaft an den Universitäten, die nicht auf diese Veränderungen eingehe, sondern den Kontakt zur Öffentlichkeit verloren habe und allein innerhalb ihrer eigenen Kreise publiziere und rezipiere.[42] Sie verstand sich somit ganz konkret auch als Gegenbewegung zur universitären Geschichtswissenschaft. Dabei sollte die Fähigkeit der Historiker/innen, den Dingen methodisch auf den Grund zu gehen, erhalten bleiben, nun aber auch außerhalb der Universitäten als Dienstleistung angeboten werden.[43] Die Kritik dieser selbsternannten „Public Historians” an den „Academic Historians” führte zu einer verstärkten Abgrenzung beider Bereiche und schließlich auch zu einer Art Hierarchisierung, wobei sich die Public Historians von den Academic Historians als Historiker/innen zweiter Klasse betrachtet sahen.[44]
Dies sollte unter anderem durch eine eigene institutionelle Basis geändert werden. In den USA führte der Ausbau der Hochschulen in den 1970er-Jahren zu einer steigenden Zahl von Absolvent/innen. Diese konnten zwar kaum in vollem Umfang an den Universitäten oder im schulischen Bereich eine Anstellung finden, wurden aber dennoch weiter allein für diese Karrierewege ausgebildet. Angesichts dieses Missstands bemühten sich viele Hochschuldozent/innen darum, außerhalb der traditionellen Tätigkeitsfelder neue Berufsmöglichkeiten zu erschließen und dafür auch bereits an den Universitäten Vorbereitungen zu treffen.[45] Ziel war es, sogenannte Public Historians auszubilden: Historiker/innen, die Geschichte einem nicht geschichtswissenschaftlich vorgebildeten Publikum vermitteln können.
Der erste Public History-Studiengang entstand 1976 an der University of California, Santa Barbara.[46] Weitere folgten, die ganz konkret auf verschiedene Berufsfelder außerhalb von Universität oder Schule vorbereiten sollten.[47] Dabei konzentrieren sie sich auf die Vermittlung von Geschichte in der Öffentlichkeit. Diese Studiengänge umfassen zumeist sowohl Seminare, die einen Überblick über Entwicklung, Theorie und Methoden der Medien- und Kulturwissenschaften vermitteln, als auch Veranstaltungen, die die allgemeinen Methoden der Geschichtswissenschaft, der Oral History oder der Material Culture lehren. Darüber hinaus bieten die Wahlbereiche Einblicke in die verschiedenen Praxisfelder der Public History, die im Praktikum und schließlich in der Masterarbeit vertieft werden. Das Besondere dieses Studienangebots sind der Praxisbezug und die Gruppenarbeit, die ebenfalls auf künftige Arbeitsfelder vorbereiten sollen.[48] Die Studierenden werden somit in „Präsentations- und Darstellungsformen geschult, die dem Medien- und Informationszeitalter entsprechen”.[49] Ihre Quellen, die sie sowohl mit den Mitteln der Geschichtswissenschaft analysieren als auch mit den Möglichkeiten des Medienzeitalters präsentieren sollen, sind sowohl schriftlicher als auch mündlicher, ikonografischer oder gegenständlicher Natur. Damit wurde in diesem Bereich der „Visual Turn”, den die neueren Kulturwissenschaften seit einigen Jahren thematisieren, bereits konkret geschichts- und arbeitspraxisbezogen eingeleitet.
In der Literatur werden die 1980er-Jahre als die Hochzeit der Public History-Studiengänge in den USA betrachtet. Danach ist die Anzahl der Studiengänge wieder etwas zurückgegangen, bleibt jedoch auf einem hohen Niveau. Derzeit bieten in den USA rund 135 Universitäten Studienprogramme an, die in das Themenfeld der Public History fallen.[50] Die Auflistung umfasst sowohl Bachelor- als auch Master- und Promotionsstudienangebote sowie „certificates”, die als zusätzliche Studienleistung erworben werden können.
Neben dem Aufbau von Studiengängen wurde 1980 der National Council on Public History[51] (NCPH) in Pittsburgh als Interessenvertretung der Public Historians gegründet. Das eigene wissenschaftliche Organ der Public History-Bewegung in den USA ist die Zeitschrift „The Public Historian”, die seit 1978 vierteljährlich erscheint. Zudem veröffentlicht der NCPH ebenfalls vierteljährlich seit 1986 den Newsletter „Public History News”[52] und betreut die 1994 eingerichtete elektronische Mailingliste „H-Public”,[53] die zum H-Net gehört.[54] 2012 kam zudem noch der Blog „Public History Commons”[55] hinzu, der vor allem Zweitveröffentlichungen von H-Public, dem NCPH-Newsletter sowie dem „Public Historian” enthält. Zudem wird auf der gleichen Seite der Blog „History@work” gehostet, der sich verstärkt als Austauschplattform für Praxis-Fragen versteht.
Der NCPH zielt darauf, Public History als Disziplin zu professionalisieren und dadurch das Ansehen der Bewegung bei den Geschichtswissenschaftler/innen zu erhöhen. Neben regelmäßig durchgeführten Konferenzen bemüht sich der NCPH vor allem um Publikationen, die sowohl theoretische Grundlagen bieten als auch Praxisfelder analysieren und Anleitungen für die universitäre Lehre liefern.[56] Dabei wird betont, dass Grundlage der Public History die Methoden und Prinzipien der Geschichtswissenschaft seien und der einzige Unterschied zu dieser in der Art der Vermittlung liege, die wesentlich breiter angelegt sei als bei den Geschichtsstudiengängen, die vor allem die Forschung im Blick hätten.[57]
Neben der Entwicklung in den USA gibt es vor allem in Australien eine professionelle Public History. Seit 1992 wird dort die Zeitschrift „Public History Review” publiziert, die seit 2006 auch im Netz zugänglich ist.[58] Inhaltlich geht die Zeitschrift der Frage nach, „how and to whom is the past communicated and how does the past operate in the present?”[59] Als Interessenvertretung wurde in Australien 1998 „The Australian Centre for Public History” gegründet. Zudem werden dort an fünf Universitäten Public History-Studiengänge angeboten. Auch in Neuseeland entstand seit den 1980er-Jahren eine Public History-Szene, die stärker als in anderen Ländern vom Staat unterstützt wird.[60]
![Eine andere Form der öffentlichen Geschichtsrepräsentation stellt diese Fallschirmspringer-Puppe am Turm der Kirche von Sainte-Mère-Église in der Normandie in Frankreich dar. Sie soll an einen amerikanischen Soldaten erinnern, der bei der alliierten Invasion 1944 versehentlich an diesem Kirchturm hängenblieb. Dieser eher spielerische Zugang zeigt einen relativ ungezwungenen Umgang mit Geschichte, wirkt die Puppe doch fast wie eine Werbemaßnahme für das gegenüber der Kirche stehende Airborne Museum.
Foto: Irmgard Zündorf, Sainte-Mère-Église 2015, Lizenz: [https://creativecommons.org/licenses/by-nc/3.0/de/ CC BY-NC 3.0 DE]](sites/default/files/import_images/2368.jpg)
In Großbritannien hingegen gab es lange Zeit Vorbehalte gegen diese aus den USA kommende Bewegung. Die einen sahen in dem steigenden öffentlichen Interesse an der Repräsentation der englischen Geschichte in Museen und Landhäusern oder den Medien zwar eine den USA vergleichbare Entwicklung, deren Beantwortung aber keiner gesonderten universitären Lehre bedürfe.[61] Die anderen betrachteten die „History Workshop”-Bewegung um Raphael Samuel am Ruskin College in Oxford als Grundlage einer britischen Public History. Sie betonten, dass Public History die Grundgedanken dieser Bewegung fortführe und damit Geschichte von und für eine breite Öffentlichkeit erarbeite. 1998 entstanden entsprechende Diskussionsgruppen und Seminare in Oxford, die ganz unterschiedliche Themen und Teilnehmer miteinander vereinten.[62] Hier wurde auch der erste britische Public History-Studiengang gestartet, dem 17 weitere ähnliche Studienprogramme folgten. Auch eine erste internationale Public History-Konferenz fand dort 2005 unter dem Titel „People and their Pasts” statt. Die Redner/innen kamen vor allem aus den USA, Australien und Großbritannien. Ihre Beiträge sind in einem Sammelband zusammengefasst und geben einen guten Einblick in die Breite möglicher Public History-Ansätze.[63] Dabei berücksichtigen sie alle Ansätze, die darauf zielen, die Vergangenheit in die Gegenwart einzubeziehen, wobei das Spektrum der beteiligten Akteure von Fachhistoriker/innen bis hin zu privaten Forschern in der Familien- oder Lokalgeschichte reicht. Erklärtes Ziel der Herausgeber/innen des Bandes ist es, die Perspektive auf Geschichte möglichst weit zu öffnen, um so wiederum neue Sichtweisen zu gewinnen.[64] Eine klare Definition von Public History und damit eine Abgrenzung entweder zur Geschichtswissenschaft oder aber zu den vielfältigen Formen der Laien-Historiker/innen bleibt damit außen vor.
Außerhalb des englischsprachigen Raums entstanden erst wesentlich später Public History-Studiengänge. So gibt es seit 2008 in den Niederlanden an der Universität von Amsterdam und seit 2014 in Polen an der Universität Wrocław jeweils ein entsprechendes Angebot.[65] In Frankreich und Italien starten die ersten Public History-Studiengänge im Wintersemester 2015/2016 an der Université de Paris Est sowie an der Universität Modena. Das NCPH listet in seinem „Guide to Public History Programs” derzeit weltweit 124 Masterstudiengänge und 80 Bachelorangebote auf.[66]
Der Überblick über die Entwicklung zeigt, dass sich der Begriff der Public History und die damit verbundenen Ideen langsam ausbreiten.[67] Es ist somit nicht verwunderlich, dass 2010 die „International Federation for Public History” (IFPH/FIHP) gegründet wurde, die den Ausbau eines weltweiten Netzwerks fördern möchte. Veranstaltungsankündigungen und Debatten zum Thema werden über einen eigenen Blog veröffentlicht.[68] Darüber hinaus sind jährlich internationale Tagungen geplant. Die erste fand 2014 in Amsterdam zum Thema „Public History in a Digital World: The Revolution Reconsidered” statt,[69] die zweite 2015 in Jinan (China)[70] und die dritte 2016 in Bogotá (Kolumbien).
Auch in Deutschland hat die Entwicklung der Public History, der „Geschichte in der Öffentlichkeit” oder der „Angewandten Geschichte” einen anderen Weg genommen als in den USA und ist noch lange nicht so verbreitet wie dort. Während es nach wie vor kaum eigene Studiengänge zu diesem Bereich gibt, ist das Phänomen, dass nur ein geringer Teil der Studierenden eine wissenschaftliche Karriere anstrebt, durchaus auch hier bekannt.[71] Daher wurden erste Lehrbücher zum Thema für den Einsatz innerhalb der allgemeinen historischen Studiengänge entwickelt.[72] Zudem werden Bücher publiziert, die den Geschichtsstudent/innen neue Perspektiven für die spätere Erwerbstätigkeit eröffnen sollen,[73] und auch in allgemeinen Einführungen in die Geschichtswissenschaft gibt es inzwischen Abschnitte zum Thema „Der Beruf des Historikers”, die über die traditionellen universitären Bereiche hinausweisen.[74] Neben einer Fülle an Einzelstudien zu speziellen Bereichen der Public History wie zu Geschichtsdarstellungen in einzelnen Museen und Gedenkstätten, im Film oder im Publikationswesen[75] gibt es verschiedene Schriften, die sich konkret mit der Geschichtsvermarktung in diesem Feld auseinandersetzen.[76] An den Universitäten werden seit der Einführung der modularisierten Studiengänge im Kontext des Bologna-Prozesses in den meisten Bachelorstudiengängen für Geschichte eigene Übungen oder Seminare mit sogenannter Praxisrelevanz bzw. als „berufsfeldbezogene Zusatzqualifikation” angeboten. Hinzu kommt ein Pflichtpraktikum, das in den Semesterferien zu absolvieren ist und in der Regel mit einem Praktikumsbericht abgeschlossen wird. Darüber hinaus bieten verschiedene Universitäten wie die Universität Münster mit der „Schnittstelle Geschichte und Beruf”[77] oder die Universität Bielefeld mit dem „Arbeitsbereich Geschichte als Beruf”[78] Informations- und Beratungsstellen an, die aber auch eigene berufsvorbereitende Veranstaltungen organisieren.
Ein erstes komplettes Studienangebot, das der Public History-Idee entspricht, stellt der 1985 in Gießen eingeführte Magisterstudiengang „Fachjournalistik Geschichte” dar.[79] Er wurde 2007 in einen Bachelor-Studiengang umgewandelt und kann ab Wintersemester 2015 zudem auch als Masterstudium belegt werden. Hier werden neben geschichtswissenschaftlichen Seminaren auch Grundlagenmodule zur Mediengeschichte und zur Bedeutung von Geschichte und Medien in der Öffentlichkeit angeboten. Der erste „Public History”-Masterstudiengang, der sich auch als solcher bezeichnet, wurde 2008 an der Freien Universität Berlin eingeführt. Auch wenn er sich in der Bezeichnung deutlich am amerikanischen Vorbild orientiert, kopiert er dieses jedoch nicht. Wichtige Voraussetzung für die Teilnahme ist hier ein abgeschlossener B.A. im Fach Geschichte oder der sonstige Nachweis ausreichender geschichtswissenschaftlicher Grundlagen. Im Studiengang selbst werden zum einen Themenfelder der Zeitgeschichte sowie der Theorien und Methoden der Geschichtswissenschaft abgedeckt. Daneben gilt der Repräsentation von Geschichte, dem „Historischen Lernen” und den Praxisfeldern der Geschichte jedoch eine wesentlich größere Aufmerksamkeit. Der Bezug zur praktischen Vermittlung von Geschichte in die Öffentlichkeit soll in allen Modulen auf unterschiedliche Weise angesprochen werden. Dabei werden auch hier verstärkt Lehrbeauftragte aus der Praxis in das Studium einbezogen. Zusammenfassend werden sowohl fachwissenschaftliche als auch ästhetische, politische und kommerzielle Fragen im Umgang mit der Geschichte behandelt.[80] Darüber hinaus wird seit dem Wintersemester 2015/2016 ein weiterer Public History-Masterstudiengang an der Universität Köln angeboten,[81] und für 2016 ist die Gründung eines entsprechenden Angebots an der Ruhr-Universität Bochum geplant.
Darüber hinaus gibt es bereits an der Universität Heidelberg eine Professur Public History und an der Universität zu Köln sowie an der Universität Hamburg jeweils eine Juniorprofessur Public History.[82] Weitere, vor allem geschichtsdidaktische Professuren sind mit dem Zusatz Public History versehen worden.[83] Somit bahnt sich hier eine Schwerpunktverlagerung zu Gunsten der Geschichtsdidaktik an – eine Entwicklung, die zu beobachten bleibt. Dennoch wird nicht deutlich, ob es sich um reine Umbenennungen der Lehrstühle handelt oder auch um eine inhaltliche Veränderung der Studienangebote im Bereich der Fachdidaktik, mit einer möglichen Erweiterung der fachlichen Vorgaben.[84] Die enge Verbindung zur Geschichtsdidaktik zeigt sich auch in dem 2013 gestarteten, wissenschaftlich ausgerichteten Blog-Journal „Public History Weekly”, das trotz oder aus Sicht der Didaktiker wahrscheinlich gerade aufgrund der Namenswahl vor allem Beiträge aus dem Feld der Geschichtsdidaktik publiziert.
Die Institutionalisierung der Public History zeigt sich zudem auch in Deutschland in der Gründung einer eigenen Interessenvertretung. So hat sich 2012 die Arbeitsgruppe „Angewandte Geschichte/Public History” innerhalb des Verbands der Historiker und Historikerinnen Deutschlands konstituiert, die seitdem jährlich mindestens zwei Workshops oder Tagungen durchführt. Ziel ist es, eine „Plattform für den Austausch zwischen den in Wissenschaft und Praxis tätigen Historikerinnen und Historikern auf dem Gebiet der Angewandten Geschichte/Public History” zu bieten.[85]
Dieser kurze Überblick zeigt, dass sich die Public History in den letzten Jahren langsam an den Universitäten ausbreitet. Dennoch kann im deutschsprachigen Raum noch nicht von einer eigenständigen institutionalisierten Public History gesprochen werden, sondern vielmehr von Einflüssen der Public History, die sich in ganz unterschiedlicher Intensität an den verschiedenen Universitäten in Form von einzelnen Seminaren, Modulen bis hin zu einigen wenigen Masterstudiengängen zeigen. Gemeinsam ist diesen verschiedenen Ansätzen jedoch, dass neben den klassischen Geschichtsdozent/innen an der Universität immer Lehrende aus der Praxis in die verschiedenen Angebote einbezogen und parallel dazu die Studierenden verstärkt auf Praktika im Feld der Erinnerungskultur außerhalb der Universität verwiesen werden. Die Verbindung zur Praxis steht somit im Mittelpunkt der Angebote. Parallel dazu sind aber auch die Inhalte der Seminare auf Praxisfragen der Geschichtsvermittlung in der Öffentlichkeit ausgerichtet
Abschließend kann festgehalten werden, dass sich, ausgehend von dem eingangs geschilderten Geschichtsboom, international eine universitäre Institutionalisierung der Public History feststellen lässt, die breite Public History-Bewegung jedoch „ein amerikanisches Phänomen” geblieben ist.[86] Die inzwischen außerhalb der USA entstandenen Studiengänge sind nach wie vor Einzelphänomene, deren dauerhafte Etablierung als eigene Studienrichtung noch aussteht.
![Geschichte bzw. historische Symbole können dem Marketing dienen oder werden als Art „Kultobjekte“ gehandelt. Dadurch werden sie wiederum Thema einer historischen Ausstellung. So zeigt hier die Gedenkstätte Museum in der „Runden Ecke“ in Leipzig jede Menge Utensilien, die DDR-Embleme aufweisen, und sieht darin eine „Verklärung der DDR“.
Foto: Irmgard Zündorf, Gedenkstätte Museum in der „Runden Ecke“, Leipzig 2011, Lizenz: [https://creativecommons.org/licenses/by-nc/3.0/de/ CC BY-NC 3.0 DE]](sites/default/files/import_images/2370.jpg)
Um neue Perspektiven der Geschichtswissenschaft im öffentlichen Raum zu entwickeln, muss die Public History weiter professionalisiert werden. Dafür sollten die Nachfrage- und Angebotsseite stärker betrachtet werden, um so eine Art Marktanalyse zu erstellen. Auf der Nachfrageseite ist zu untersuchen, welche „Öffentlichkeit” eigentlich gemeint ist und wie deren spezifische Anforderung an die Geschichtswissenschaft aussieht. So wird immer wieder viel über die Interessen und Wünsche „der” Öffentlichkeit geschrieben, ohne diese jedoch auch nur annähernd zu kennen. Genauso wenig ist darüber bekannt, wie die Geschichtsangebote sich auf das Geschichtsbewusstsein auswirken. Gerade die Besucher- bzw. Konsumentenforschung steht hier noch ganz am Anfang. Parallel dazu müssen die bestehenden Angebote ermittelt und analysiert werden. Dies erfordert eine breite Erfassung sämtlicher Geschichtsangebote, eine Gliederung derselben nach Sparten sowie eine Kategorisierung nach der Qualität der vermittelten Inhalte sowie der Art der Vermittlung. Um die Marktanalyse zu vervollständigen, müssten schließlich Angebot und Nachfrage aufeinander bezogen werden. Das Ergebnis wäre eine Art Ist-Soll-Analyse, die zeigt, was die Öffentlichkeit oder, besser gesagt, die „Öffentlichkeiten”[87], gegliedert nach Zielgruppen, von Public History erwarten und welche Erwartungen bereits befriedigt werden, was die Public History präsentiert und noch präsentieren will. Abschließend wäre festzustellen, ob und inwieweit das Angebot von Seiten der Historiker/innen erstellt werden sollte. Denn sicher wird es Grenzen geben, bis zu denen die wissenschaftlichen Historiker/innen bereit sind, der Öffentlichkeit entgegenzukommen bzw. jenseits derer andere Anbieter die Bereitstellung des Angebots übernehmen sollten. Je höher der fiktionale Anteil an den Geschichtsrepräsentationen, umso weniger sind die Fachwissenschaftler gefragt. Dies wäre zum Beispiel bei Spielfilmen oder historischen Romanen der Fall, an denen zwar teilweise auch ausgebildete Historiker/innen beteiligt sind, die aber zum größeren Teil von Anbietern anderer Branchen produziert werden, da sie mit geschichtswissenschaftlichen Standards nicht mehr in Einklang zu bringen sind. Es stellt sich somit auch die Frage, inwiefern für die Public History ebenfalls Standards festgelegt werden sollten, an denen sich nicht nur die universitär beschäftigten Historiker/innen, sondern auch diejenigen orientieren könnten, die außerhalb derselben in der Geschichtsvermittlung tätig sind.[88] Letztendlich müsste ein Minimalkonsens festgelegt werden, bis wohin „Geschichtsprodukte” noch als solche „gehandelt” werden können und von welcher Schwelle an sie nur noch fiktionale Produkte sind. Zudem müssten sich die Beteiligten auf eine Definition von Public History einigen und ihr einen Platz innerhalb der Geschichtswissenschaft zuordnen.
Dabei sollte die Public History auf die öffentliche Kommunikation eingehen und sich immer wieder neuen Darstellungsformen anpassen. Sie muss den Umgang mit Medien, die der Öffentlichkeit geläufig sind, erlernen, flexibel bleiben und sich interdisziplinär nach Partnern umsehen. Dabei sollte sie aber die eigenen Wurzeln – die historische Fachwissenschaft – nicht vergessen.
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